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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.10.2014

MusikmedizinMit Strom gegen den Krampf

Was Musiker gegen verkrampfte Gliedmaßen tun können

Von Christoph Reimann

Vom Musikerkrampf sind vor allem Personen betroffen, die über lange Zeit komplexe Bewegungen ausführen. (picture alliance / dpa / Tass Kubedinov Igor)
Vom Musikerkrampf sind vor allem Personen betroffen, die über lange Zeit komplexe Bewegungen ausführen. (picture alliance / dpa / Tass Kubedinov Igor)

Wenn nach stundenlangem Üben die Finger nicht mehr gehorchen wollen, spricht man von einem Musikerkrampf. Auch der Komponist Robert Schumann war davon betroffen. Die Musikmedizin von heute hätte ihm helfen können.

Zwei Stunden Fingerübungen, zehn mal die Toccata, sechs Mal Fingerübung, 20 Mal die Variationen selber – und abends ging's doch nicht mit der Alexander-Variation. Ärger drüber, wirklich tiefer.

Robert ist niedergeschlagen. Seine Finger wollen nicht so wie er. Dabei will er doch Virtuose werden – am liebsten der größte Pianist seiner Zeit. Also übt der 20-Jährige wie ein Besessener, oft mehr als acht Stunden am Tag, ohne Pausen. Aber manchmal verkrampft der Mittelfinger in der rechten Hand. In sein Tagebuch schreibt er:

"Clavier schlecht, die Moscheles-Etüde ängstlich und unsicher. Woher kommt das?"

Zu viele Nervenzell-Impulse gelangen in die Hand

Der Musikmediziner Eckart Altenmüller glaubt, die Ursache des Problems zu kennen. Altenmüller leitet das Institut für Musikphysiologie und Musikmedizin an der Musikhochschule Hannover. Anhand der Tagebucheinträge aus dem 19. Jahrhundert hat er Robert Schumann einen Musikerkrampf diagnostiziert – eine Spezialform der fokalen Dystonie:

"Wenn man Musikerbewegungen oder feinmotorische Bewegungen im Allgemeinen anschaut, dann handelt es sich um ein ganz fein ausdosiertes Nerven-Erregungsmuster, das zum richtigen Zeitpunkt die richtige Anzahl von Impulsen an den richtigen Muskel schickt. Bei den Armmuskeln zum Beispiel, für eine Handdystonie, brauchen wir eine Balance von etwa 120 Muskeln. Wenn man nun spielt und pro Sekunde sechs bis sieben Töne oder sogar Akkorde anschlagen muss, dann werden da ja Tausende von Impulsen notwendig. Und Teile dieser Impulse sind eben nicht ganz präzise und dann wird zu viel an Nervenzellen-Impulsen runtergeschickt. Meisten ist es ein Zuviel, ganz selten ein Zuwenig."

Die Folge: Es kommt zum Krampf. Betroffen sind vor allem Personen, die über lange Zeit komplexe Bewegungen ausführen. Zum Beispiel Chirurgen, aber eben auch Musiker, vor allem in der Klassik. Rein rechnerisch wird etwa ein Musiker pro Orchester von der Krankheit heimgesucht. Lampenfieber und ein Hang zum Perfektionismus begünstigen so eine fokale Dystonie, Männer sind viermal häufiger betroffen als Frauen. Das hat Altenmüller, der sich seit 20 Jahren mit dem Musikerkrampf beschäftigt, herausgefunden:

"Das Besondere an dieser Krankheit ist auch noch, dass sie, zumindest am Anfang, immer nur eine bestimmte Bewegung betrifft, und zwar meistens in einem bestimmten Zusammenhang. Die Pianisten etwa haben ihr Problem nur am Klavier, nur in der rechten Hand, oft sogar nur bei ganz bestimmten Abläufen, zum Beispiel beim Tonleiterspielen aufwärts. Sie haben aber kein Problem, wenn sie an ihrem PC schnelle Briefe schreiben – da können sie die Finger gut kontrollieren. Das ist eines der großen Rätsel der Forschung – warum unsere Bewegungen nur in spezifischen Zusammenhängen gestört sind. Das zeigt, dass das Gehirn Bewegungen organisiert. Wir haben offensichtlich Bewegungsmuster kontextabhängig im Gehirn abgespeichert."

Fehlerhaft gespeicherte Bewegsmuster

Die Finger sind bei einer fokalen Dystonie vollkommen gesund, das Problem liegt an fehlerhaft programmierten Bewegungsmustern im Gehirn.

Schumann hilft sich, indem er eine Schlinge um den Finger wickelt und das andere Ende des Fadens am Klavier befestigt. So kommt ihm der Finger, der ihm allmählich immer weniger gehorchen will, nicht mehr in den Weg. Aber schließlich, ein Jahr nachdem das Problem zum ersten Mal auftauchte, schreibt er in sein Tagebuch:

"Der Dritte [Finger] ist vollkommen steif."

Unter Strom Nervenzell-Netzwerke umorganisieren

Altenmüller ist sich sicher, dass er Schumann hätte helfen können. Zur Behandlung des Musikerkrampfs wendet er verschiedene Therapien an. Neu ist die Strombehandlung:

"Wir kleben auf die Schädeloberfläche Elektroden, die über den Zentren sitzen, die für die Handbewegung zuständig sind. Dann geben wir einen Gleichstrom auf die Gehirnoberfläche, der dazu führt, dass an der Stelle, wo die Katode, die positive geladene, da wird die Nervenzelle aktiviert und an der Stelle der Anode, d. h. die negativ geladene, wird die Nervenzell-Gruppe inaktiviert. Und in dieser Aktivierung der Nervenzell-Gruppe haben wir die Möglichkeit, dass wir […] das Gehirn umorganisieren. […] Das ist völlig schmerzfrei, man selbst merkt nur ein ganz leichtes Kribbeln auf der Kopfhaut – während dieser Strombehandlung machen Sie dann Ihre Übungen und versuchen, ihre gestörten Steuerprogramme durch die Übung zu kontrollieren, zu verfeinern, zu verbessern, auszulöschen gewissermaßen."
Dabei macht sich der Musikmediziner die Neuroplastizität zunutze, die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu organisieren. Angst davor, dass einem plötzlich die Erinnerungen an den letzten Urlaub fehlen, müsse man keine haben, sagt Altenmüller. Die Testphase der Stromtherapie wurde mit guten Ergebnissen abgeschlossen, und seit Kurzem kann die Behandlungsmethode ganz regulär angewendet werden.

Robert Schumann musste seinen Traum vom herumreisenden Virtuosen aufgeben. Aber er verstand es, mit dem Rückschlag umzugehen: Er wurde Komponist. Und zwar einer der größten und fantasiereichsten des 19. Jahrhunderts.

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