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Profil / Archiv | Beitrag vom 28.10.2010

Musikbesessener Zeitenwanderer

Thomas Friedländer spielt auf ungewöhnlichen Instrumenten

Von Martin Risel

Thomas Friedländer übersetzt mittelalterliche Klänge ins Heute.  (Stock.XCHNG / John Jarvis)
Thomas Friedländer übersetzt mittelalterliche Klänge ins Heute. (Stock.XCHNG / John Jarvis)

Zu den wenigen deutschen Experten auf dem altertümlichen, flötenartigen Zink gehört der Musiker Thomas Friedländer aus Dresden. Er ist jetzt wieder mit verschiedenen Programmen mittelalterlicher Musik zu Konzerten unterwegs.

Klingt fast wie eine gestopfte Trompete, sieht aber ganz anders aus: Der Zink:

"Der ist armlang und wie ne Flöte, aber krumm. Hat also Grifflöcher wie bei einer Flöte. Sieht schwarz oder dunkelbraun aus, weil er mit Leder umwickelt ist. Ist aber aus Holz. Und hat ein ganz kleines Mundstück wie bei der Trompete, also wie 'n Kessel. Und dann bewegt man die Finger: Auf und zu – hohe und tiefe Töne."

Da steht er mit seinem Zinken, die Lippen ans Mundstück gepresst, der mittelgroße schlanke Körper konzentriert bis in die kurzen schütteren Haarspitzen. Und Thomas Friedländer kommt ins Schwärmen, wenn er an die erste Begegnung mit diesem lange Zeit fast ausgestorbenen Instrument denkt:

"Ich hab's zuerst gehört bei ner Probe von einem Trompeter. Der hat auch Zink gespielt und ich gedacht: Wow, das isses, der Klang: Also die emotionale Berührung total, richtig so: Das ist meins!"

Als Kind war's ähnlich, als er wie betrunken vom Orgel- und Trompetenklang in einer Kirche herumgetorkelt ist. Die Trompete wurde zur ersten Infektion – und es gibt immer wieder neue:

"Ich hab als kleiner Junge immer mit'm Besteck rumgeklopft. Und dann saß bei einem Projekt hinter mir der Perkussionist. Und ich hab mich nur umgedreht und dachte: Wow, was macht der denn mit seinen Tamburelli und diesem Klingklangklong ? Und dann bin ich hin und seitdem hab ich jeden Tag geübt. Und mir nach und nach immer mehr Instrumente gekauft."

Knapp 40 Perkussions- und Blasinstrumente hat der 44-Jährige im Schrank seiner Dresdner Altbauwohnung. Für unterwegs befestigt er sein halbes Orchester an einem Rollwägelchen. Thomas Friedländer schnallt jetzt die größte Trommel los."Die kommt aus Sizilien", sagt er und lächelt stolz.

"Ne große Tammorra, große Schellentrommel. Und die klingt richtig böse. Also ich kann das verstehen, dass ich diesen Klängen verfallen bin."

Handgefertigte Instrumente sind das alles, jedes mit einer eigenen Geschichte, jede Trommel mit einem besonderen Fell.

"Das ist ne österreichische Ziege beim Tamburello. Das ist Schwertfisch aus'm Mittelmeer. Und damit kann man dann wie im Orchester 'n bisschen arabisch spielen. Hier so'n Tamburello. Hier so'n Riq."

Und weil allein mit zwei Händen Orchester spielen noch nicht die Erfüllung ist, spielt Thomas Friedländer in Konzerten zum Beispiel zusammen mit Gesang und Drehleier Musik von Hildegard von Bingen oder zeitgenössische Improvisationen mit Laute und Zink oder frühbarocke Kompositionen für Zink und Cembalo:

"Wenn man alte Musik macht – also historische Aufführungspraxis, wie das genannt wird; ich hab das ja auch studiert in Basel – dann wird man von manchen Leuten gern in so 'ne Ecke gestellt: Das wär museal. Ich find das überhaupt nicht. Das ist halt ein Werkzeug von seinerzeit. Aber letztlich macht man was Heutiges, 'ne Übersetzung.

Ich liebe natürlich solche Räume mit großen halligen - also, jetzt hab ich im Ratzeburger Dom mal gespielt oder in Stralsund in der Marienkirche oder im Freiberger Dom, Meißner Dom - da fahr ich dann mit'm Zug schön hin mit meinem Gerassel hier und liebe das sehr. Komme aber gerne zurück."

Denn da in seiner Altbauwohnung am grünen Stadtrand von Dresden wartet ja eine Familie, eine musikalische natürlich. Seine Frau spielt Akkordeon und Klavier.

"Meine Tochter spielt Geige, der Emil spielt Cello und der kleinste spielt Waldhorn. Und die üben von sich aus."

Kaum zu glauben. Aber Thomas Friedländer war als Kind selbst schon so. Hat gern geübt, ohne Murren. Und tut das heute noch - manchmal auch am späten Abend. Nicht immer zur Freude seiner Frau.

"Kam ich von ner Probe abends nach Haus, lag sie schon im Bett, stand auf'm Zettel: Lieber Thomas, ich liege schon im Bett, spiel doch heute mal nicht noch mit den Klapperhölzern. Weil ich dann gerne abends noch mal, und ich glaub, das geht schon durch die Wände."

Problem erkannt – und Lösung gefunden:

"Ich hab ja so'n kleines Übe-Häuschen im Garten, ne Jagdkanzel aus Plaste. Is so ein Meter zehn mal ein Meter dreißig und hermetisch abgeschlossen, die Fenster hab ich verklebt. Und dann sitz ich da und mach noch mal 'n bisschen, wenn ich das brauche."

Denn Klappern gehört zu seinem Handwerk und ein guter Handwerker muss fleißig sein. Das heißt: täglich üben, unterrichten, lernen, üben.

"Man muss was tun, immer fleißig sein. Nicht verbissen, aber immer. Also von 365 Tagen spiel ich 360 Tage im Jahr."

Und wenn er mal nicht selbst spielt, dann hört er gerne Bach oder Jazz oder Hörspiele. Sodass man sich fragt: Wann herrscht denn im Haushalt eines solchen Musikbesessenen eigentlich mal Ruhe?

"Morgens dreh ich eigentlich nichts auf. Erst mal in Ruhe in den Tag reinkommen, kein Krawall."

Service:
Am Freitag, 29. Oktober ist Zinkspieler Thomas Friedländer live in der Schlosskirche Dresden-Lockwitz und am Sonntag, 31. Oktober um 11 Uhr im Gottesdienst in der Dresdner Frauenkirche zu erleben. Am gleichen Tag um 17 Uhr ist dann das Festkonzert im Palais Großer Garten Dresden zum 10-jährigen Jubiläum der dortigen von ihm geleiteten Veranstaltungsreihe "Offenes Palais". Weitere Termine finden Sie auf seiner Homepage.

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