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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 29.06.2012

Musikalische Begegnung

Jüdische Kantoren aus den USA in Deutschland

Von Luigi Lauer

Notenblatt
Notenblatt (Stock.XCHNG / John Jarvis)

Die Cantors Assembly mit Sitz in Akron in Ohio, der weltweit größte Berufsverband jüdischer Kantoren und Kantorinnen, ist diese Woche erstmals in Deutschland zu Gast - auch in Berlin. Im Dom singt die Cantors Assembly zusammen mit Sängern der Domkantorei Werke, die das gemeinsame christlich-jüdische Erbe in der Musik zeigen sollen.

Es war ein prachtvolles Bild, das sich den Besuchern der Synagoge Rykestraße in Berliner Prenzlauer Berg gestern Abend bot: Um die 100 Sängerinnen und Sänger hatte die Cantors Assembly aus den USA aufgeboten, um in einer Mischung aus Gottesdienst und Konzert das gut gefüllte Haus zu begeistern.

Die Cantors Assembly wurde 1948 von nur zehn Kantoren gegründet, ursprünglich als Berufsgenossenschaft. Heute hat sie ihren Sitz in der Nähe von Cleveland, Ohio, und ist längst zu einem bedeutenden Kulturträger herangewachsen. Nathan Lam, aufgewachsen in Los Angeles, ist der Leiter der zur Cantors Assembly gehörenden Stiftung und ist Initiator ihrer internationalen Unternehmungen. Er hat auch einen sehr persönlichen Bezug zu der Konzertreise.

Nathan Lam: "Ich wuchs in einem osteuropäischen jüdischen Haushalt auf, aber der Kantor der Synagoge, in die ich als Kind ging, stammte aus Lettland. Und in Riga und Libau, zwei lettische Städte, war die deutsch-jüdische Tradition ein wesentlicher Bestandteil der Musikkultur. Wir sangen also Lewandowsky, Sulzer, all die großen Komponisten der deutschsprachigen Länder, und ich meine, damals wurde in Lettland Deutsch gesprochen."

Aber, fügt Nathan Lam hinzu, ihm sei nicht nur das gemeinsame alte Erbe wichtig, sondern auch der Blick auf die Weiterentwicklungen hin zur Gegenwart.

Nathan Lam: "Die Musiktradition, in der die Ashkenazi-Juden heute stehen, wurde vor eintausend Jahren hier in Deutschland entwickelt. Dieses Vermächtnis lebt weiter in allen Teilen der Welt, bei den Ashkenazim, also europäischen Juden, wie auch in der Musik der Nicht-Europäischen Juden. In Amerika wurde dieses Erbe im späten 19., früher 20. Jahrhundert aufgegriffen. Und so entwickelte sich diese wunderbare Tradition von Komponisten wie Lewandowski auch hier."

Es war der Wunsch der Cantors Assembly, nach der gelungenen Polen-Reise vor drei Jahren so etwas auch in Deutschland zu machen. Es sollte jedoch nicht einfach ein Konzert der Kantorenvereinigung sein, sagt Tobias Brommann, Leiter der Domkantorei, darin sei man sich sofort einig gewesen.

Brommann: "Wir hatten gleich am Anfang die Idee, dass wir dieses Konzert gestalten als eine Begegnung zwischen christlicher und jüdischer Musik. Das, was wir Christen als Altes Testament bezeichnen, ist ja die Heilige Schrift der Juden, also wir haben sehr sehr großes gemeinsames Erbe. Alles, was an christlicher Musik aus dem Alten Testament vertont ist, vor allem die Psalmen, hat eine Entsprechung in der jüdischen Musik. Und es gibt interessanterweise sehr viel jüdische Musik, zu allen Zeiten schon. Das ist ja nichts, was eine moderne Erscheinung ist, sondern es gibt auch Barockmusik und Romantik, und in diesem Konzert versuchen wir ein kleines bisschen einen Gang durch die Musikgeschichte."

Man kann spüren, dass die beiden Chorleiter sehr stolz sind auf das, was sie zusammen erarbeitet haben. Das Wort Ökumene vermeiden sie zwar, weil es sich nicht um eine gemeinsamen Gottesdienst handelt. Aber dass das Konzert im selben Geiste stattfindet, daran lassen sie zwischen den Zeilen doch keinen Zweifel. Und schon gar nicht daran, dass ihnen die Arbeit Spaß gemacht hat.

Nathan Lam: "Es ist ein inter-religiöses Konzert, um zu zeigen, dass wir als Menschen mehr gemeinsam haben, als wir glauben. Oberkantor Brommann und ich hatten eine tolle Zeit, als wir in dem einen Jahr dieses Konzert vorbereiteten. Ich kam kaum noch raus ständig zu sagen: Och, das ist großartig, Och, das ist auch großartig, oder Oooh, das ist ja noch besser, und das hier ist fantastisch! Wir hatten bald eine Liste zusammen, die hätte ein vierzehntägiges pausenloses Konzert erforderlich gemacht, ohne Essen, ohne Schlafen oder sonst was."

Trotz der gebotenen Kürze ist das Programm beachtlich. Hebräische und Gregorianische Gesänge, Heinrich Schütz, Georg Friedrich Händel, Albert Becker, Salomon Sulzer, Felix Mendelson-Bartholdy, Louis Lewandowski, Sergej Rimsky-Korsakoff, aber auch zeitgenössische Komponisten wie Randall Thompson, eingangs mit dem Alleluja gehört, Kurt Weill, selber Sohn eines jüdischen Kantors, oder Charles Fox, von dem meisten wohl das Lied Killing me softly kennen.

Brommann: "Es ist zum Beispiel so, dass die Juden durch diesen Psalm "Sing dem Herrn ein neues Lied" natürlich auch immer dazu angehalten sind, etwas Neues zu machen und dadurch meistens sehr gut improvisieren können, Leonard Bernstein zum Beispiel oder Gershwin. Und dass dadurch sehr viele Juden sehr gute Jazzmusiker gewesen sind."

Auch wenn es den Anschein hat, in diesem einmaligen Konzert sei es der Domchor, der mit dem Kantoren-Ensemble auf die Bühne geht – er ist es nicht. Wegen Sommerferien musste sich Brommann etwas anderes einfallen lassen.

Brommann: "Ich habe einen Chor aus Profi-Sängern zusammengestellt, die natürlich im Zusammenhang stehen mit mir und der Domkantorei, aber es ist ein speziell für dieses Konzert ausgesuchter Chor."

Das ist sicher alles andere als eine Verlegenheitslösung. Abseits des musikalischen bleibt aber noch die menschliche Seite. Wie fühlt sich das für die jüdischen Kantoren an, in Deutschland aufzutreten, viele von ihnen sind zum ersten Mal hier. Nathan Lam ist sichtlich dankbar, diese Frage zu hören.

Nathan Lam: "Für einige ist das in der Tat eine schwierige Reise. Es ist schwer, zu vergessen, sei es das eigene Schicksal oder der Verlust von Familienmitgliedern. Das macht es nicht leicht. Aber ich war schon oft hier, ich weiß, was sich abspielt. Zuerst kommst du her und denkst, das ist Deutschland, und das ist negativ wegen der Geschehnisse um den Zweiten Weltkrieg.

Und dann schaust du hin und entdeckst, was Deutschland getan hat um sich zu rehabilitieren und Verantwortung zu übernehmen für das, was in der Shoa passiert ist. Doch von dem Moment, an dem du hier ankommst bis zu dem Moment, an dem du wieder wegfährst, hat sich deine Haltung geändert. Das heißt nicht, dass jetzt alles wieder Heile ist. Aber du hast ein neues Bild vom heutigen Deutschland."

Nathan Lam ist überzeugt, dass die Konzerte in Berlin sowie das im Münchener Herkulessaal am 4. Juli in München einen wichtigen Beitrag leisten, sich der Gemeinsamkeiten in der christlich-jüdischen Tradition in Deutschland zu erinnern. Und er ist sicher, dass diese Form der Musikökumene auch noch jemand anderem gefällt:

"”But when we sing together, God, I think, loves us.""