Samstag, 30. August 2014MESZ04:16 Uhr

Profil

Poetry-SlamSelbstzweifel in Reime verpackt
Poetry-Slammerin und Psychologie-Studentin Julia Engelmann während einer NDR-Fernsehsendung

Poetry-Slammerin Julia Engelmann wurde mit einem einzigen Video im Internet schlagartig bekannt. Nun hat sie ein Buch herausgebracht und geht damit auf Tour. Den Rummel um ihre Person sieht sie gelassen. Mehr

Chor der Woche Leichtigkeit für die Deutschen
Blick auf das Münchner Rathaus, aufgenommen am 11.03.2003.

Es ist ein kleines Ensemble für Laien mit Anspruch - und eine feste Größe in der Münchner Musikszene: der Chor "Catchatune". Die Brasilianerin Lilian Zamorana versucht vor allem, Leichtigkeit zu vermitteln.Mehr

weitere Beiträge

Profil / Archiv | Beitrag vom 06.05.2010

Musik-Star aus Vietnam

Kim Ngoc im Porträt

Von Mirko Heinemann

Kim Ngoc kommt aus Vietnam (hier eine  Marktszene in Hanoi).
Kim Ngoc kommt aus Vietnam (hier eine Marktszene in Hanoi). (dradio.de)

Die junge Komponistin Kim Ngoc gilt als Star der zeitgenössischen Musik in Vietnam. Sie irritiert das Publikum mit ihren radikalen Musikstücken und hinterfragt das vorherrschende Kulturverständnis. Nächste Woche wird sie in Freiburg zu Gast sein.

Eine Gestalt im weißen Brautkleid kniet. Sie hält mit dem Mund ein Schlagzeug-Becken fest und schlägt es immer wieder auf den Boden. Daneben steht ein Mann im Taucheranzug. Er bläst in ein Instrument, das einer Fahrradpumpe ähnelt. Im Hintergrund dreht sich eine männliche Ballerina. Wie in Trance bewegt sich eine verschleierte Frau über die Bühne; sie schreit. Es ist Kim Ngoc.

Die eigenwillige Inszenierung ist Teil einer Performance mit dem Titel "Cracking Bamboo"; eine internationale Produktion, die das Goethe-Institut Hanoi realisiert hat.

Kim Ngocs Inszenierungen sind radikal, sie brechen mit der vietnamesischen Musiktradition und bilden einen Kontrast zur angesagten asiatischen Popmusik. Nach der Aufführung raucht die junge Komponistin genussvoll eine lange, dünne Zigarette und schaut auf den chaotischen Verkehr.

Kim: "Die Situation für Künstler in Vietnam ist schlecht, es gibt keinerlei Kulturförderung. Und ich weiß nicht, wie der Lehrplan am Konservatorium heute aussieht, aber als ich hier studiert habe, war das Bildungsniveau sehr niedrig. Ich habe viel zu wenig über die Musik des 20. Jahrhunderts erfahren. Sehr schade."

Kim Ngoc wirft den Zigarettenstummel fort und verschwindet in der Nacht. Die 35-jährige Frau mit den schulterlangen schwarzen Haaren und dem dunklen Teint gehört zu der jungen Generation von Kulturschaffenden, die versucht, in Vietnam ein eigenständiges Kulturleben auf die Beine zu stellen. Sie will mit Klischees brechen. Neue Wege gehen. Wirtschaftlicher Wohlstand ist ihr dabei nicht so wichtig - auch damit sie anders als viele andere jungen Vietnamesen.

Kim: "Reich werden? Ich brauche genug Geld zum Leben, aber zu viel Geld zu besitzen, macht nicht glücklich. Man sollte lieber versuchen, die Menschen besser zu machen."

Schon mit sechs Jahren lernt die Tochter eines Komponisten für Filmmusik Klavier, sie studiert am Konservatorium von Hanoi und lernt die Neue Musik kennen. Doch ihr Herz schlägt für die Improvisation.

Und damit kommt sie an: vor allem auch im Ausland. Mit Hilfe eines DAAD-Stipendiums studiert sie drei Jahre lang an der Hochschule für Musik in Köln, begegnet dort dem Komponisten Karlheinz Stockhausen, der sie stark prägt. Nur Deutsch habe sie leider kaum gelernt, erzählt Kim Ngoc lachend.

Kim: "Die Musiker, die in Vietnam leben und im Bereich Neue Musik arbeiten, kann man an den Fingern abzählen. Wer kein Engagement als klassischer Musiker erhält, wird Filmstar oder Popstar. Oder er geht in eine andere Unterhaltungsbranche."

Ein wenig neidisch ist sie schon auf den großen Nachbarn China, auf die aufblühende Kunstszene, auf die vielen Festivals und Kulturveranstaltungen. Auch auf das große Selbstbewusstsein der Künstler.

Kim: "In China gibt es eine junge Generation von Künstlern, die gegen all das protestieren, was sie an ihrem Land schlecht finden. Der Widerstand ist sehr stark und klar. Das gibt es in Vietnam nicht."

Noch nicht. Kim Ngoc kämpft gegen den kulturellen Stillstand. Die traditionelle Musik ist seit über tausend Jahren festgeschrieben, ganz im Sinne der konfuzianistisch erzogenen Beamten. Die letzte Reformbewegung im Schauspiel fand 1920 statt, und im Wasserpuppentheater von Hanoi spielen sie jahrein, jahraus dasselbe Stück für Touristen, erzählt die ernsthafte Frau geradezu leidenschaflich. Der Rest sei Schlager, sozialistische Revolutionsmusik und Pop. Vietnam braucht Kreativität, glaubt Kim Ngoc. Und zwar jetzt. Das Land hungert nach Ideen.

Kim: "Es herrscht die typische Atmosphäre eines Entwicklungslandes. Die traditionellen kulturellen Werte verschwinden langsam, oder sie passen nicht mehr die moderne Zeit. Viele Möglichkeiten tun sich plötzlich auf, neue Werte entstehen. Es ist eine chaotische und verrückte Mischung."

Das gilt auch für die nachdenkliche junge Musikerin. So sehr sie bereit ist, eine Revolution in der Kunst anzuzetteln, so wichtig sind ihr Traditionen. Oberste Priorität besitzt die Familie; Kim Ngoc ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Die Familie lebt in Hanoi. Halt gibt ihr auch die Religion.

Kim: "Ich bin stark durch den Buddhismus geprägt. Tausend Jahre lang war der Buddhismus die Religion des Landes. Er hat alle Schichten in Vietnam beeinflusst und ist bis heute sehr wichtig. Man muss nicht Mitglied einer Pagode sein, man muss nicht einmal hingehen. Buddha ist in einem selbst."

Tradition und Moderne. Altes und neues – Kim Ngoc verbindet beides, lebt beides. Elemente der traditionellen Musik finden sich auch in ihren Stücken wieder. So versöhnt die junge Komponistin die alte mit der neuen Musik - und das Vietnam von gestern mit dem Vietnam von morgen.