Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Tonart | Beitrag vom 25.09.2014

Multikultureller SoundtrackMusikalische Liebeserklärung an Berlin

Der Komponist und Pianist Tal Balshai und seine neue CD "Ein halbes Leben"

Von Kerstin Poppendieck

Der israelischstämmige Musiker Tal Balshai (Klavier) (privat / Foto: Benjamin Böhler)
Der israelischstämmige Musiker Tal Balshai, am Klavier, bei einem seiner Konzerte (privat / Foto: Benjamin Böhler)

Afrikanische Rhythmen, türkische Müzik und Streichquintett: Auf der CD "Ein halbes Leben" hat der israelischstämmige Musiker Tal Balshai Songs zusammengestellt, die so bunt und multikulturell sind wie seine Wahlheimat Berlin.

Ein Gartenhaus im Hinterhof eines Charlottenburger Altbaus. Tal Balshai sitzt am Klavier in seinem Studio, das gleichzeitig sein Büro ist und in dem er auch Klavierunterricht gibt. An den Wänden stehen Regale voller Bücher und hängen Bilder seiner drei Kinder. Auf dem Schreibtisch steht eine Tasse Kaffee.

"Es ist eng, aber kuschelig. Und schön. War sehr schön, die Arbeit hier. Hab ich auch von allen als Feedback zurückbekommen, weil es hat nicht dieses Regie und die Glasscheibe und einer steht dahinter und macht mit dem Daumen ja super oder mit den Kopfhörern. Sondern ich saß hier auf dem Stuhl und die standen einen Meter vor mir, und ich musste natürlich die ganze Zeit ganz leise sein, aber das ist total angenehm."

Pianist, Dirigent und Ensembleleiter

"Alle wurden hier aufgenommen, bis auf ein Lied 'Dich verlieren'. Das haben wir in der Philharmonie aufgenommen, weil da ist das Varian Fry Quartett, ein Streichquartett, bestehend aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker. Und die alle zusammenzukriegen für einen Aufnahmetermin und Angela Denoke und Oliver Potratz, das war eine kleine logistische Meisterleistung."

Tal Balshai wurde in Israel geboren. Nach seinem Armeedienst wusste er nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Als ein guter Freund nach Berlin ging, um hier Tonmeister zu werden, ging er einfach mit und studierte ebenfalls Tonmeister. Doch schon während des Studiums stellte er fest, dass er lieber selbst Musik machen wollte, als andere Musiker aufzunehmen. Seit 22 Jahren lebt Tal Balshai jetzt in Berlin, arbeitet als Pianist, Dirigent und Ensembleleiter, produziert andere Künstler und tritt in Jazzclubs auf. Sein halbes Leben hat er in Berlin verbracht, und deshalb heißt auch seine neue CD so. Sein persönlichstes Album bisher.

"Aus dem Innersten meiner Seele kommt diese CD raus. Nicht nur die Musik wie bei einer normalen CD, sondern es sind auch die Musiker, die drauf spielen, die Sänger, die drauf spielen. Mit jedem Lied ist so viel Biografisches verbunden, so viele Emotionen, so viel Liebe. Das hab ich bei keinem anderen Projekt so rausgebracht. Das das Alles einen berührt, das war mir unglaublich wichtig."

Die Stücke auf dem Album sind Gedichtvertonungen, die Musik hat Tal Balshai geschrieben. So wie auch die Musiker leben fast alle Dichter in Berlin, obwohl ihre Wurzeln woanders sind. Wenn man will, ist es eine Emigranten-CD, sagt Tal Balshai mit einem Schmunzeln. Über 30 Künstler aus sehr unterschiedlichen musikalischen Welten sind auf dem Album zu hören. Ob Bar-Piano oder afrikanische Band, ob türkische Klänge, Streichquintett oder Jazzcombo. Wobei wir da bei musikalischen Schubladen wären, und gegen die wehrt sich Tal Balshai heftig.

Wir brauchen keine Schubladen

"Immer kommt einer und fragt, wie würdest du dich definieren? Wie würdest du das beschreiben? Das ist eigentlich sinnlos, denn es ist gar keine berechtigte Frage. Musik ist etwas, das wir zum Überleben brauchen. Damit verbunden ist viel mehr als ich hör heute Jazz oder ich hör heute Klassik. Ich hör alles quer und genieße genauso mit irgendeinem afrikanischen Trommler aus dem Busch zu spielen wie mit Angela Denoke. In jedem steckt eine Schönheit drin, in jeder Sängerin in jedem Lied und jedem Instrument. Klar, die CD lässt sich ganz schwer in irgendeine Schublade stecken, aber das ist vielleicht auch das, was ich damit sagen wollte. Warum brauch ich diese Schubladen?"

Die Künstler seines Albums kennt er alle schon seit Jahren und hat in verschiedenen Projekten mit ihnen zusammengearbeitet. Manche Stücke hat er konkret für eine bestimmte Sängerin geschrieben, bei anderen Stücken waren erst Musik und Text fertig und erst dann hat er nach einer Sängerin gesucht, deren Stimme zum Stück passt. Dass alle Lieder von Frauen gesungen werden, war aber Zufall.

"The lost glove - das ist ein Text von Yamil Borges. Yamil Borges ist eine amerikanische Sängerin und Dichterin. Die lebt in Berlin. Ich kenn sie auch schon seit zehn Jahren, und wir haben immer wieder miteinander gearbeitet. Ich bin einfach auch so ein melancholischer Typ, muss man sagen. Mich berühren diese ganzen traurigen Texte mehr als die fröhlichen. Und The lost glove ist sehr melancholisch."

Soundtrack Berlin

"Es geht um die verlorene Liebe und auch so ein bisschen die Einsamkeit in der Großstadt. Dass man Nachts mit der U-Bahn fährt und sein Spiegelbild im Fenster sieht. Es geht um Winter. Diese Kälte, Einsamkeit, Dunkelheit - das sind alles so Sachen, die ich auch sofort visuell nachvollziehen kann und dann in Musik versuche umzuwandeln."

Als Tal Balshai vor 22 Jahren nach Berlin kam, fand er es schrecklich hier. Heute kann er sich nicht mehr vorstellen, in seine Heimat Israel zurückzuziehen. Die Mentalität der Menschen dort sei so anders als seine heute sagt er. Berlin, und vor allem im Klausenerplatz-Kiez in Charlottenburg, da ist er zu Hause.

Tal Balshai schließt die Tür seines Büros zu. Es ist Herbst in Berlin, die Straßen sind mit Blättern bedeckt, der Wind bläst kalt. Tal Balshai spaziert durch die Straßen seines Kiezes, vorbei am Bäcker, bei dem er sich regelmäßig mit Kollegen auf einen Kaffee trifft. Wenn er durch die Stadt läuft, fühlt er sich melancholisch und einsam, und genau das ist Berlin auch für ihn: melancholisch und einsam. Und davon handeln seine neuen Berliner Lieder.

"Also es sind keine 'Bolle reist jüngst zu Pfingsten und Pankow war sein Ziel' oder Claire Waldoff-Lieder. Und dennoch finde ich, das sind schon Großstadt-Lieder. Vielleicht passen die in jede Großstadt, aber für mich sind es Berliner Lieder, weil schon allein der Bezug durch die Dichter und Musiker und Sängerinnen - das ist etwas, was sehr stark für mich mit Berlin verbunden ist. Es ist mein Soundtrack und dieser Soundtrack ist Berlin."

Mehr zum Thema:

Berlin - Hauptstadt voller Webradios
(Deutschlandfunk, Corso, 04.03.2014)

Tonart

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur