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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.01.2016

Moscheen-Bau in Deutschland"In der Architektur spielt Religion keine so große Rolle“

Bärbel Beinhauer-Köhler im Gespräch mit Philipp Gessler

Neubau der Kölner Zentralmoschee (picture alliance / dpa / Foto: Federico Gambarini)
Neubau der Kölner Zentralmoschee von Architekt Paul Böhm. Seit Jahren gibt es allerdings Streit um Baumängel. (picture alliance / dpa / Foto: Federico Gambarini)

Zwischen Kirchen- und Moscheebauten gibt es durchaus Wechselwirkungen, auch architekturgeschichtlich, so die evangelische Theologin und Expertin für das Thema Bärbel Beinhauer-Köhler. Ein gutes Beispiel sei der Moschee-Neubau in Köln von Architekt Paul Böhm.

Philipp Gessler: Wir vertiefen den Schwerpunkt der heutigen "Religionen"-Sendung noch weiter, indem wir auf die Gotteshäuser des Islam, die Moscheen schauen. Es gibt ja ein Nachbarland, in dem per Volksabstimmung festgelegt wurde, dass Moscheen dort keine Minarette haben sollen – aber wir sollten hier in Deutschland nicht vom hohen Ross herunter urteilen. Denn auch hierzulande haben Muslime es nicht leicht, neue Moscheen zu bauen. Über die Fallstricke des Baus islamischer Gotteshäuser in der Bundesrepublik habe ich vor der Sendung mit Bärbel Beinhauer-Köhler gesprochen. Die evangelische Theologin der Universität Marburg ist eine der Fachleute zum Thema Moschee-Bau in Deutschland. Meine erste Frage an sie war, ob sie den Eindruck habe, dass dies stimme: Wenn eine Synagoge angegriffen werde, gebe es meist einen großen Aufschrei in der Öffentlichkeit, bei Moscheen dagegen sei das oft nicht der Fall – woran liege das?

Bärbel Beinhauer-Köhler: Einerseits wird das sicher sehr selbstverständlich mit der deutschen Geschichte zu tun haben. Synagogen sind hier schon einmal im sehr großen Stil zerstört worden und sind gewöhnlich heute unter Polizeischutz, und wenn da Angriffe erfolgen, dann ist das sicherlich auch sofort irgendwo auch eine Nachricht in der Presse wert oder es gelangt sicherlich auch ganz schnell dort hin. Und dann gehe ich mal davon aus, dass das einfach von der Ausgangslage mit Moscheen hierzulande sich einfach anders verhält, und darüber hinaus denke ich auch, hat das was mit der Struktur der Medienlandschaft zu tun.

Gessler: Wie meinen Sie das?

Beinhauer-Köhler: Ich habe das zum Beispiel mal ganz – das ist jetzt eine subjektive Beobachtung –, ich war in Berlin auf einer Tagung für mehrere Tage und habe dann dort lokal schon mitbekommen, dass da also es mir schien, als sei da sehr viel los in Bezug auch auf die vielleicht Nichtakzeptanz von Moscheen. Aber in der Region Frankfurt, wo ich wohne, bekommt man so was gar nicht mit, was in Berlin sich meinetwegen tut, und das muss ja irgendwo mit Mechanismen innerhalb der Medien zu tun haben.

Gessler: Dass manche Dinge entweder totgeschwiegen werden oder einfach an den Rand gedrängt werden…

Beinhauer-Köhler: Ja, so was in der Art. Oder dass etwas, was lokal ist, eben nicht überregional publik gemacht wird oder man sich da eben wirklich dann eigens interessieren oder informieren muss.

Gessler: Jetzt war ja vor ein paar Jahren in der Regel der Bau von Moscheen etwas, was die Leute aufgeregt hat. Man hat ein bisschen den Eindruck, die Leute haben sich etwas mehr gewöhnt an den Bau von Moscheen. Ist dieser Eindruck richtig?

Beinhauer-Köhler: Ich würde sagen, es hat wahrscheinlich, wenn das vielleicht weniger ein Thema ist im Moment, damit zu tun auch wiederum, dass man medial andere Themen hat, aber vielleicht liegt es auch zudem daran, dass, wenn Bauvorhaben realisiert werden, Moscheevereine als Träger vielleicht auch Erfahrungen sammeln – es hat ja sicherlich auch alles etwas zu tun mit einer Kenntnis der Rechtslage, mit Kommunikation in einem Stadtviertel oder mit einer Stadtverwaltung. Das sind, glaube ich, Prozesse, die sind erlernbar, und wenn da vielleicht die Kommunikation stimmt, dann ist schon mal ein guter Teil erreicht, dass dann auch so ein Projekt umzusetzen ist.

"Viele dieser Gebetshäuser fallen überhaupt nicht auf"

Gessler: Oft hat man ja den Eindruck, Moscheen werden gerade dann akzeptiert, wenn sie nicht so sehr auffallen. Es gibt ja viele dieser Gebetshäuser, die integriert sind in irgendwelchen Läden oder so. Die fallen eigentlich überhaupt nicht auf, wenn man nicht die Schilder sieht, DITIB an der Wand oder so. Und ähnlich scheint es bei Moscheen zu sein, je unauffälliger, desto akzeptabler.

Beinhauer-Köhler: Ja. Das kann man wohl empirisch so beobachten, wobei das natürlich dann eine Fehlwahrnehmung ist, denn die Moscheen im Sinne von existenten Gebetsräumen, wie Sie das geschildert haben, eben zum Beispiel in Industriegebieten oder irgendwo zurückgelagert, die sind natürlich trotzdem da. Aber es stößt weniger auf Kritik tatsächlich, wenn man es nicht sieht seitens derjenigen, die da eben nicht aufgeschlossen sind. Und das ist ein interessantes Phänomen.

Gessler: Jetzt gab es ja diese eigentlich ziemlich absurde Entscheidung in der Schweiz, dass es ein Minarettverbot gibt. Ich habe mich gefragt, ist so etwas auch in Deutschland denkbar, dass man sagt, okay, Moscheen könnt ihr haben, aber bitte kein Minarett?

Beinhauer-Köhler: Damit ist bestimmt grundsätzlich deshalb nicht zu rechnen, weil bei uns die Rechtsfindungsprozesse andere sind. In der Schweiz hat man sehr viel mehr wirklich direkte Demokratie, und da konnte so eine Frage eben überregional wirklich gestellt werden. Bei uns wären die Prozesse ganz andere. Und insofern ist es eigentlich immer ein lokaler Vorgang, der da eben von Ort zu Ort, Stadtverwaltung zu Stadtverwaltung im Rahmen von irgendwelchen Vorgaben für ein Gelände ausgehandelt werden. Und da ist eben alles Mögliche möglich oder vielleicht auch nicht möglich, je nachdem.

Architekturgeschichtliche Wechselwirkungen zwischen Kirchen und Moscheen

Gessler: Jetzt haben wir bald – eigentlich sollte es ja schon längst fertig sein –, die große Moschee in Köln, die, als Laie betrachtet, ja schon eindrucksvoll ist. Sehen Sie da einen gewissen Umschwung, dass man jetzt sagt, okay, wir akzeptieren den Islam, und er darf sich auch prächtig präsentieren?

Beinhauer-Köhler: Es ist recht faszinierend, dass da als Architekt Herr Böhm im Hintergrund steht, der tatsächlich aus einer Familie stammt, deren Vorfahren im Vorfeld Kirchenarchitektur gestaltet haben. Das mutet erst mal überraschend an, zeigt aber auch, dass im Feld der Architektur an sich da die Religion vielleicht auch dann gar keine so große Rolle spielt, oder dass man da vielleicht auch zwischen Kirchen und Moscheen durchaus Wechselwirkungen hat, auch architekturgeschichtlich. Da hat es durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder Überlagerungen gegeben, wie man das überhaupt ausgestaltet. Was weiß ich, die Kuppel zum Beispiel, die in den osmanischen Moscheen nach dem Vorbild des großen osmanischen Architekten Sinan eine Ausdrucksform gefunden haben, die sind ziemlich verwandt mit so einer Zentralkuppel, etwa mit dem Vorbild der Hagia Sophia in Istanbul, die zunächst mal eine ganz zentrale byzantinische Kirche war.

Gessler: Ja, im Grunde dieKirche der Christenheit zu einer gewissen Zeit.

Beinhauer-Köhler: Zu einer gewissen Zeit und in einer bestimmten Konfession der Christenheit. Man könnte sich auch über das Minarett unterhalten. Es ist mit all diesen Bauelementen so, dass sie auch durchaus lokale Bautraditionen repräsentieren, die vielleicht gar nicht so sehr für eine Religion typisch sind. Zum Beispiel in China findet man Minarette, die sehen aus wie Pagoden, die man ansonsten eben – also solche Türme mit gestaffelten Dächern, die man eben dort als Architekturform eben auch in völlig anderen Kontexten kennt.

Gessler: Auf Zypern habe ich mal eine ehemalige Kathedrale gesehen, die zu einer Moschee umgewandelt wurde, und da wurde einfach ein Minarett davor gebaut. Das sah eigentlich auch nicht schlecht aus.

Beinhauer-Köhler: Ja, kann ich mir vorstellen.

"Auch in der Türkei werden moderne Moscheen gebaut" 

Gessler: Ist es denn auch von der Formensprache her so, dass es da gewisse Wechselwirkungen gibt? Wir haben jetzt den starken Präsidenten in der Türkei, Erdogan, der einen relativ konservativen Islam jetzt für türkische Verhältnisse betreibt, ist in gewisser Weise die Formensprache in der Architektur in Deutschland, was die Moscheen angeht, konservativer geworden? Traut man sich weniger als früher?

Beinhauer-Köhler: Man kann ganz schlecht ein konservatives Gepräge einer Interpretation des Islam mit bestimmten Bautypen in Verbindung bringen. Auch in der Türkei werden viele Moscheen gebaut, und die sehen eben zum Teil auch modern aus. Man muss sich dann wiederum fragen, was ist moderne Architektur. Das lässt sich sicher schwer mit Weltbildern in Spannung bringen. Es können sehr konservative Leute auch sehr schön designte Moscheen nutzen oder entwerfen. Oder sie haben eben, wie mit dem deutschen Architekten Böhm, sie haben überhaupt keine Beziehung zum Islam, jedenfalls nicht persönlich, soweit ich weiß.

Gessler: Hilft der Moscheebau, den wir jetzt in Deutschland beobachten können, in der deutschen Gesellschaft, auch in gewisser Weise zur Integration? Es gibt diesen Spruch von Charlotte Knobloch, als sie damals Zentralratspräsidentin der Juden war, es gibt diesen Spruch, da hat sie gesagt "Wer ein Haus baut, der bleibt." Kann man das übertragen auf den Moscheebau?

Beinhauer-Köhler: Grundsätzlich, in gewisser Weise ja. Wer sich so ein Projekt vornimmt, der wird sich das gut überlegt haben. Ich meine, da kommen Kosten auf so einen Verein zu, das kann viele Jahre dauern. Das wird man eben nicht en passant in Angriff nehmen. Und dann sind eben auch bestimmte, einfach über diese verwaltungstechnischen Vorgänge von Antragstellung bis finaler Umsetzung im Kontakt mit Baufirmen, im Kontakt mit der Nachbarschaft. Ja, da ist sehr viel Kommunikation und Abstimmung dann mit dem Umfeld nötig. Man muss sich wahrscheinlich sehr einfuchsen, auch in das Baurecht, oder eben mit Stadtverwaltungen da etwas ausknobeln, dass das überhaupt zu genehmigen ist. Das sind sicher Vorgänge, die dann auch etwas mit Integration zu tun haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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