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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.10.2012

Monumentalwerk mit Fallstricken

Richard Wagners "Parsifal" in der Deutschen Oper Berlin

Von Jürgen Liebing

Der Sänger Thomas Jesatko als Klingsor in der Oper "Parsifal". (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Der Sänger Thomas Jesatko als Klingsor in der Oper "Parsifal". (picture alliance / dpa / Ole Spata)

In seiner Inszenierung von Wagners "Parsifal" tappt der Film- und Videoregisseur Christoph Stölzl in einige Fallen. Dafür muss er sich Buhrufe vom Publikum gefallen lassen - während Generalmusikdirektor Donald Runnicles für seine musikalische Umsetzung gefeiert wird.

Trostlosigkeit am Ende. Kein neuer Messias, kein Held, der die Welt erlöst. "Erlösung dem Erlöser!" Nur Amfortas, der an seiner Wunde nicht sterben kann, darf sanft entschlafen, weil der Speer, den Parsifal den Gralsrittern zurückgebracht hat, die Wunde schließt. Parsifal steht an der Rampe, aber im Dunkeln. Ein neuer Messias sieht anders aus. So entgeht diese Inszenierung dem Ideologieverdacht, aber sie tappt in andere Fallen.

Richard Wagners "Bühnenweihfestspiel" ist immer wieder kritisiert worden wegen seiner Pseudoreligiosität, weil es eine Ersatzreligion feiert - die Kunst als neue Kirche. Christoph Stölzl, der Film- und Videoregisseur, interessiert sich für die Quellen, für die Mythen. So spielt der erste Aufzug in der Zeit der Entstehung von Wolfram von Eschenbach, dessen "Parsival" Richard Wagner weidlich ausgeschlachtet hat. Klingsor im zweiten Aufzug ist ein wilder Aztekenkönig, und die Blumenmädchen lüsterne Priesterinnen des Sonnengottes. Der dritte Aufzug ist dann in einer apokalyptischen Zeit angesiedelt. Hoffnungslosigkeit macht sich breit.

Eine Konstante aber bleibt: Parsifal, der im modisch geschnittenen Anzug durch diese Welten taumelt, schreitet, pilgert - als sei er nur ein Zuschauer. Klaus Florian Vogt ist ein wunderbarer Parsifal, der die Rolle ausfüllt, ihr Leben einhaucht, aber merkwürdig fremd bleibt in dieser Welt voller Flagellanten, blutiger Menschenopfer und Weihrauch.

Oberammergau oder Deutsche Oper? Stückl oder Stölzl? Der Zuschauer ist verwirrt, als zur Musik des Vorspiels in einem lebenden Bild die Bedeutung des Speers, den ein römischer Legionär dem gekreuzigten Christus in die Seite stößt, und der Gral, in dem das Blut aufgefangen wird, gezeigt wird. Muss das den gläubigen oder den kirchenfernen Besuchern erklärt werden? Auch bei den Erzählungen des Gurnemanz, altmeisterlich gesungen von Matti Salminen, werden immer wieder solche Bebilderungen montiert in ein Einheitsbühnenbild, bestehend aus zwei Felsengetürmen links und rechts, unverkennbar Pappmaché, mit einer hohlen Gasse in der Mitte, durch die sie alle kommen müssen.

Dass der Filmregisseur Stölzl, der zugleich auch Bühnenbildner ist, auf die fließenden Übergänge verzichtet, auf filmische Überblendungen, bleibt ein Rätsel. Wagner, dem man vorgeworfen hat, er habe schon vor der Erfindung des neuen Mediums Filmmusik komponiert, schreibt im ersten und dritten Aufzug "Verwandlungsmusiken" - aber hier verwandelt sich nichts.

Mittelpunkt ist die Begegnung von Parsifal und Kundry, wenn sie ihn verführen will, ihn um Erlösung anfleht, und er "weltsichtig" wird durch den Kuss. Das geht zu Herzen, zumal der Regisseur hier auf jeden Schabernack verzichtet. Evelyn Herlitzius ist Kundry bis in die kleinste Faser. Ihre manchmal als schrill und metallisch kritisierte Stimme gibt dieser gespaltenen Persönlichkeit Glaubwürdigkeit.

Donald Runnicles, der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, erweist sich immer mehr als Wagner-Spezialist. Dass bei diesem Monumentalwerk mal etwas daneben gehen kann, ist leicht zu verschmerzen, denn insgesamt atmet er mit der Musik. Die wird gefeiert am Schluss. Die Regie muss sich Buhs gefallen lassen.

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