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Tonart | Beitrag vom 26.05.2015

Moers-FestivalEin Canyon voller Klänge

Von Jan Tengeler

Der amerikanische Saxophonist Colin Stetson auf dem Moers Festival 2015. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Der amerikanische Saxophonist Colin Stetson auf dem Moers Festival 2015. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Auch nach 44 Ausgaben ist das Jazzfestival in Moers nicht in Routine verfallen, sondern überrascht mit ungewöhnlichen Klängen. Und bietet durch die "Morning Sessions" hinreichend Raum für herrschaftsfreie Improvisation.

"Alles an moderner Big Band Musik in den letzten 10-20 Jahren, nichts hat mich da bewegt ... Ich lasse einzelne Gruppen in der Band sich selber dirigieren, d.h. auf der Zeitebene ist dann nicht alles konstant,  ich benutze andere Stimmungen, Obertonstimmungen, Mikrotöne, es ist ein bisschen mehr Richtung Neue Musik und Klangfarben wichtiger als Groove…"

So beschreibt der neuseeländische Saxofonist Hayden Chisholm seine Arbeit mit dem Lucerne Jazz Orchestra, mit der er das Moers Festival am Freitagabend eröffnete. Ein eher verhaltener Auftakt für das Musikfest, den Festivalmacher Reiner Michalke so kommentierte:

"Wir wollten mal etwas Ruhiges haben, Atmosphärisches, damit die Leute in Ruhe von der Autobahn, dem Zug, oder wie immer, hier erstmal ankommen können."

Wach machende Elemente ließen jedenfalls nicht lange auf sich warten. Colin Stetson, Saxofonist aus New York, überraschte mit einer Klangflut, die seinesgleichen sucht. Mit Zirkularatmung und seiner Stimme erzeugt er auf dem Baritonsaxofon einen nicht enden wollenden Strom von Schreien, Basskaskaden, maschinengewehrartigen Überblaseffekten. Gemeinsam mit der Geigerin Sarah Neufeld wurde daraus eine faszinierende Mischung aus Popshow, minimalistisch-klassischem Pathos und hochenergetischer Klangdichte.

Allein der Sound im Saal konnte nicht jeden erfreuen. 

Besucher: "Mir klingt das unangenehm in den Ohren, Wenn der Sound nächstes Jahr wieder so schlecht ist, dann kommen wir nicht wieder."

Akustischer Gewinn durch neue Halle

Die Klangabmischung sorgte vor allem am ersten Festivalabend für Diskussionen, wobei insgesamt Einigkeit darüber besteht, dass die neue Halle aus akustischer Sicht ein Gewinn ist.

Besucher: "Tatsächlich gibt es nicht mehr diese große Unruhe im Saal, das ist viel besser als vorher."

Jan Klare: "Ein schönes Zirkuszelt auf der grünen Wiese, das hat natürlich mehr Charme, das wissen wir ja. Aber damit müssen wir uns arrangieren, das Festival ist kleiner und verändert sich eben."

Jan Klare erklärt, wie sich Besucher und Künstler auf die neue Situation in Moers eingestellt haben. Als Musiker hat er selbst schon oft in Moers gespielt, in diesem Jahr hat er die sogenannten "Morning Sessions" organisiert.

Improvisation im herrschaftsfreien Raum

Die Morning Sessions übersetzen die Festival-Idee der Improvisation in einen kleinen Rahmen. Jeden Morgen finden auf zwei Nebenbühnen Begegnungen zwischen Musikern statt, die sich nicht kennen. Am Abend treten sie mit ihren Bands auf der Hauptbühne des Festivals auf, am morgen werden sie ins kalte Wasser gestoßen, um sich im spontanen, vorgabenfreien Musizieren zu bewähren.

Im besten Falle, der übrigens erstaunlich oft eintritt, gelingt die "Improvisation im herrschaftsfreien Raum", die nicht selten in einer Befreiung des Klangs mündet.

Die Befreiung des Klangs – mit diesem Satz lässt sich ein guter Teil dessen beschreiben, wofür das Festival in Moers steht. Musik wird hier aus seinen gewohnten Mustern geholt, sie wird hinterfragt, neu organisiert, manchmal pulversiert. "Pulverize the sound" nannte sich dementsprechend ein Trio-Projekt um den New Yorker Trompeter Peter Evans.

Energiearm wurde es auch in diesem Jahr nicht in Moers, das aber nicht nur ein Festival der Klangbefreiung, sondern auch eines der Gegensätze ist.

Der in Griechenland lebende syrische Sänger und Oudspieler Ziad Rajab sorgte mit seinem Trio für einen Kontrapunkt. Labsal für Seele und nicht zuletzt auch Labsal für die Ohren.

Eine riesige Schlucht mit Klang füllen

Moers 2015: das waren vier Tage voll unerhörter Musik, einiger technischer Pannen - einmal musste am späten Abend die Halle evakuiert werden, weil ein Feuermelder falschen Alarm gab - und einiger echter Höhepunkte: Dazu gehörte insbesondere das Konzert der französischen Pianistin und Komponisten Eve Risser. Mit ihrem "White Dessert Orchestra" - einer ungewöhnlich besetzten Big Band mit Flöte, Fagott und Klarinette - gelang ihr ein spiritueller Grenzgang zwischen Jazz und moderner Klassik. Oder, wie sie es formuliert, der Versuch, eine riesige Schlucht mit Klang zu füllen.  

"Es ist ein Unterschied, ob ich meinen Musikern sage, dass sie laut spielen sollen, oder ob ich sie bitte, sich einen riesigen Canyon vorzustellen, den sie irgendwie bespielen müssen. Das wird dann zu einer nahezu mystischen Erfahrung." 

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