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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.04.2013

Modische Heilige

Kostümhistorikerin Silke Geppert über Kleidung in christlicher Kunst

Moderation: Philipp Gessler

"Maria Magdalena como Melancolia" von Artemisia Gentileschi (dpa / picture alliance / Sashenka Gutierrez)
"Maria Magdalena como Melancolia" von Artemisia Gentileschi (dpa / picture alliance / Sashenka Gutierrez)

Erotik und Sünde, Läuterung und Heiligkeit: Diese und andere Themen wurden in der Kunstgeschichte immer wieder durch die Darstellung von Kleidung versinnbildlicht. Wie sich diese Codes deuten lassen, erklärt die Historikerin Silke Geppert.

Philipp Gessler: Die Kunst- und Kostümhistorikerin Silke Geppert hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Mode unter dem Kreuz. Kleiderkommunikation im christlichen Kult". Und manchmal ist es wirklich schade, dass man im Radio nur Worte, keine Bilder senden kann. Mit Silke Geppert habe ich darüber gesprochen, was uns die Kleidung der Abgebildeten auf den christlichen Kunstwerken etwa der alten holländischen Meister sagen will, in religiöser Hinsicht. Warum wird Maria Magdalena in einem schicken Unterrock abgebildet? Warum sind ihre Kleider stets so prächtig? Es geht um vestimentäre Codes. Zunächst habe ich Silke Geppert gefragt, seit wann uns Kleider auf Altarbildern etwas Theologisches berichten.

Silke Geppert: Im Prinzip setze ich den wirklichen argumentativen Beginn von Kleidung auf Bildern mit dem großartigen italienischen Maler Giotto. Also Giotto, um 1300 in Assisi, der das Leben des heiligen Franziskus, was ja in diesen Tagen auch zu einer besonderen Popularität kommt, darstellt, verwendet Kleidung erstmals als Argument im Bild.

Gessler: Ist uns denn heute das Wissen, was bestimmte Kleider in religiöser Hinsicht sagen wollen, verloren gegangen?

Geppert: Ja. Da bin ich absolut der Meinung. Das ist auch das, wo mir die Freude und auch wirklich die tiefe Begeisterung jetzt auch immer wieder in meinen Vorträgen oder Vorlesungen überschlagen kann. Es ist einfach, die Augen öffnen zu können. Also die Augen öffnen zu können: Ich gehe mit Studenten zum Beispiel vor ein Kreuzigungsbild, und nachdem wir uns in Ruhe wirklich mal übers Beschreiben einzelne Figuren in ihrer Kleidung erschlossen haben, erkennt man so etwas wie eine durchgängige Sprache ab einem gewissen Moment, sagen wir, im 15. Jahrhundert. Und wenn man das einmal wahrgenommen hat, hat man etwas gelernt, womit man immer wieder und immer mehr in den Bildern erkennen kann.

Gessler: Sie haben ja in Ihrem Buch vor allem über Maria Magdalena viel geschrieben. Gerade bei den alten holländischen Meistern, also Rogier von der Weyden, wird sie in prächtigen Kleidern dargestellt. Was soll denn damit transportiert werden?

Geppert: Ja, also Maria Magdalena ist in unserem Christentum eine hoch komplexe Figur. Sie hat zu unterschiedlichen Zeiten immer unterschiedliche Weiblichkeitsvorstellungen auch im Christentum repräsentiert. So ist sie also im 13. Jahrhundert auf großen italienischen Tafeln als Apostelin dargestellt in ihrer Vita, als predigende Frau, aber es kommen dann, also gerade jetzt in der Zunahme der legendarischen Tradition im 14. Jahrhundert kommt es eben zur Betonung des Sündencharakters, also der sündigen Maria Magdalena. Na ja, und dann bietet sich sozusagen unter dem Kreuz auch eine betont modische Kostümierung, das ist ja so der Aufhänger des Buches, eben auch an, um die Möglichkeit auch der Erlösung unter dem Kreuz darzustellen.

Da kommen wir, etwas, was ich sehr wichtig finde auch zu dem Thema, der Mantelmetaphorik. Denn, was ich auch herausgefunden habe, was sehr wichtig ist, dass man im 15. Jahrhundert zum Beispiel in diesen berühmten Passionsspielen, im Passionstheater im mitteleuropäischen Raum der Mantel der Maria Magdalena so eine wichtige Bedeutung annimmt, nämlich das An- und Ablegen des Mantels für das An- und Ablegen eines alten Lebens und das Anlegen eines neuen Lebens. Da wird sie sozusagen zur Protagonistin in der Kreuzigungsdarstellung beispielsweise. Und das finden wir nicht nur auf den Bilddarstellungen, das finden wir auch in den Liedern, auch in der Musik. Also, ich bin auch immer sehr fasziniert von der Komplexität. Wenn man einmal anfängt zu forschen, dass die Dinge natürlich nicht nur, wie heute auch, in einem Kontext zu finden sind, sondern dass sich das dann, ja, über die Literatur, über die Musik und auch in der Darstellung dann wiederfinden lässt.

Gessler: Das heißt, der Mantel rutscht von den Schultern von Maria Magdalena, damit wird ausgedrückt, das alte Leben rutscht herab oder sinkt herab und sie steigt in das neue Leben.

Geppert: Genau. Sie ist geläutert. Sie ist sozusagen, das Wochenende ist gerade hinter uns. Sie ist geläutert, die Kreuzigung hat stattgefunden und sie steigt in das, sozusagen als Büßerin in das neue Leben und verkündigt das. Das war also sozusagen auch die erste Verkünderin der Auferstehung Christi. Also, sie ist ja dann auch die Zeitzeugin, die einzige Zeitzeugin, die wir dort haben, der ja eine ganz wichtige Rolle dann auch zukommt. Die Voraussetzung war natürlich, dass sie ihrem alten Leben abgeschrieben hat.

Gessler: Sie beschreiben in Ihrem Buch die erotische Komponente, die häufig auf den Bildern bei der Darstellung der Maria Magdalena zu sehen ist. Erotik zum Beispiel durch den weißen Unterrock häufig, den man sieht. Welche andere erotische Komponenten kann man da erkennen?

Geppert: Ja, besonders gerne, und das ist auch so ein Charakteristikum dieser Figur der Maria Magdalena, wird ihr offenes, schönes, prächtiges Haar dargestellt. Das hat natürlich mit der Fußwaschung zu tun, wo das Haar sozusagen das Mittel der Trocknung war. Und Haar symbolisiert ja, also kräftiges Haar, auch eine wirklich vitale Weiblichkeit. Diese Unterkleider oder auch die Darstellung des Dekolletees, das ist ja auch bei Rogier van der Weyden jetzt auf mehreren Kreuzigungsbildern quasi wirklich im Fokus sogar. Allein nur das Nackendekolletee, es ist etwas, was jetzt damals die gängigen Kleiderordnungen überschritten hat, mit denen die Gesellschaft sozusagen auch den weiblichen Bekleidungscode definiert hat. Maria Magdalena wird hier dargestellt als Übertreterin dieser Kleidungsordnung, und was bedeutet das? Es bedeutet, sie kleidet sich quasi rechtswidrig, also wird hier noch einmal – oder hier wird dann auch durch dieses wunderschöne Dekolletee, durch diese minutiöse Darstellung von Unterkleid und Oberkleid wird natürlich auch auf den sündigen Charakter der Person, der damals eben auch vom Theologischen im Vordergrund stand, hingewiesen.

Gessler: Gleichzeitig konnten sich die modernen, damals modernen, vielleicht schönen und erotischen Damen in dieser Person auch spiegeln, oder?

Geppert: Ganz bestimmt. Also das ist ja auch etwas, was das Christentum durch die Bilder sozusagen als frühestes kommunikatives Element versucht hat. Nämlich versucht hat, immer eine Möglichkeit der Identifikation für den Betrachter herzustellen. Mein zentraler Fokus jetzt in meiner Arbeit ist auch gewesen, zu zeigen, was bedeutet es, wenn wir Zeitmode, und wir können das, indem wir die Darstellung von Heiligen mit profanen Darstellungen vergleichen, wir können sehen, hier wird Zeitmode dargestellt. Hier werden die Heiligen in zeitmodischer Kostümierung dargestellt, so wie es eben von Bürgerinnen oder auch Adligen auf der Straße getragen wurde. Und durch diese Bekleidung dieser Heiligen in dieser Zeitmode ist die Vergegenwärtigung einfacher. Ich sag immer, es gibt verschiedene Ebenen. Für Maria und Johannes gibt es immer wieder diese Darstellung in diesen antiken Tunika-Gewändern. Also mit diesen Tunika-Gewändern, die wir ja seit der Antike eben als die antike Bekleidungsform der Römer auch kennen, also zeitgemäß zum Geschehen der Bibel, wird sozusagen eine Aura des historisch Wahrhaftigen dargestellt, aber diejenigen, mit denen etwas passiert, wo sich der Gläubige, der Auftraggeber unter Umständen auch, wie Cosimo de Medici, der sich sogar als Nikodemus darstellen ließ in einer Grablegung, die ja heute in Florenz dargestellt ist. Also hier werden Identifikationsmöglichkeiten, die einfach auch die Erlösung von den Sünden gleichzeitig für den Betrachter, für den Gläubigen in eine greifbare Nähe brachten, und darum ging es ja auch eben. Die Erleichterung durch das Gebet vor dem Altarbild zu erschaffen, war das Kleid, war die Bekleidung da ein Hilfsmittel in der Glaubenswahrheit.

Gessler: Gleichzeitig drückt diese luxuriöse Darstellung der Maria Magdalena eine gewisse Bitte aus. Also wenn Maria Magdalena in luxuriöser Kleidung dargestellt wird, dann ist darin ja auch eine gewisse Sehnsucht oder eine Bitte nach Vergebung für die eigene luxuriöse Lebensweise zu sehen, oder?

Geppert: Genau, das ist das, was ich auch meine. Ich habe ja dieses Phänomen aufgehangen an der burgundischen Gesellschaft. Das Herzogtum Burgund hatte alles, hatte Reichtum, hatte Macht, im Gegensatz zu dem im 15. Jahrhundert etwas geschwächten Frankreich, aber hatte keine Königskrone. Man hat das versucht zu kompensieren, indem man sehr großen Wert auf die Bekleidung gelegt hat. Das heißt, mehr Schein als Sein hat da schon seine Ursachen gefunden, und es war eine hochmodisch aufgeladene Gesellschaft. Nicht von ungefähr spricht die historische Kostümkunde erstmals von dem Aufkommen eines Modephänomens in der burgundischen Gesellschaft im 15. Jahrhundert. Also hier gibt es exorbitante Phänomene von überbordenden Modeformen wie überlangen Schuhen, die bis zu einem halben Meter lang waren und eigentlich nicht mehr ein Gehen ermöglichten. Oder enorm lange Mäntel, mit denen sie sich also wirklich auch nicht in einer arbeitenden Weise bewegen konnten, sondern wirklich nur repräsentieren.

Gessler: Und das alles in diesem Raum Brüssel, Gent, Brügge …

Geppert: Ganz genau. Ganz genau, wo wir heute ja auch noch diese wunderbaren, erhaltenen Kunstdenkmäler habend, auch die Kapellen mit den Altarbildern zum Teil. Also in dieser Gesellschaft spielte Kleidung eine ganz, ganz wesentliche Rolle. Der Herzog von Burgund hat auch Kleiderregeln für seinen Hof herausgegeben, und unmittelbar in diesem Kontext arbeitete eben dieser Künstler, der auch Hofkünstler wurde, also Rogier van der Weyden, und ist jetzt meiner Meinung nach auch in seinem Atelier ganz stark mit diesen Kleidern umgeben gewesen. Er hat eben die Herzöge, die Herzoginnen porträtiert, hat sozusagen auch das Festiment, die Bekleidung gesehen. Und es ist eben so, dass nun diese Herzöge als Auftraggeber sich selber, das ist meine These, sich selber auch auf diesen Altarbildern wiederfinden wollen, weil sie nämlich doch auch ein moralisches Problem natürlich hatten mit diesem überbordenden Luxus.

Gessler: Kann man denn eigentlich in dieser Darstellung der Maria Magdalena in all ihrer Pracht und Schönheit vielleicht auch eine Spur fast moderner Konsumkritik erkennen?

Geppert: Ich unterrichte ja auch Modetheorie und Modegeschichte, die sich mit den Modephänomenen in der heutigen Zeit beschäftigen. Und ganz klarer Weise haben das Auftreten und der schnelle Wechsel von Mode immer was mit einer ökonomischen Determinante zu tun. Kleidung und Gesellschaft und Ökonomie ist nicht erst heute und auch nicht vor 100 Jahren und nicht vor 150 Jahren mit der Haute Couture, sondern wirklich schon mit der Neuzeit oder mit den frühen Keimen der Neuzeit in Italien ein wichtiges Movens auch für Bilddarstellungen.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Silke Geppert: "Mode unter dem Kreuz. Kleiderkommunikation im christlichen Kult"
Verlag Anton Pustet, Salzburg 2013
160 Seiten, 25 Euro

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