Seit 03:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 03:05 Uhr Tonart
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.09.2007

Moderne Scheiterhaufen aus Autoreifen

Die Fotoinstallation "Microondas", Mikrowelle, von Rogerio Reis

Von Klaus Hart

Die Mafia in den Slums bindet ihre Opfer auf Scheiterhaufen aus Autoreifen. (AP)
Die Mafia in den Slums bindet ihre Opfer auf Scheiterhaufen aus Autoreifen. (AP)

In brasilianischen Slums herrscht eine wahre Diktatur von Kriminellen mit barbarischen Auswüchsen: So werden regelmäßig Missliebige auf Scheiterhaufen aus Autoreifen bei lebendigem Leib verbrannt. Der mehrfach preisgekrönte brasilianische Fotograf Rogerio Reis aus Rio de Janeiro will mit seiner neuesten Arbeit die Weltöffentlichkeit über diese "Akte der Barbarei" informieren.

Die Installation aus 24 Fotos heißt "Microondas", Mikrowelle. So nennen die Slumdiktatoren des organisierten Verbrechens jene Scheiterhaufen aus Autoreifen, auf denen regelmäßig Missliebige lebendig verbrannt werden. Auch, um damit Millionen von Bewohnern der Elendsviertel einzuschüchtern. Große Farbfotos zeigen sinnbildlich Autoreifen in Flammen - journalistische Schwarzweißfotos bilden indessen den Horror ganz konkret ab. Die Reifen werden gewöhnlich über das gefesselte Opfer gestapelt und dann angezündet.

"Aus Empörung über diese Akte der Barbarei, diesen unglaublichen Terror habe ich die Fotoinstallation geschaffen - eine Art von engagierter Kunst. Dass da willkürlich Menschen gefoltert, außergerichtlich zum Tode verurteilt und schließlich verbrannt werden - das darf man doch nicht hinnehmen. Ein enger Freund von mir, der brasilianische Fernsehjournalist Tim Lopes, erlitt dieses Schicksal, ist eines der vielen Opfer. Ich will mithelfen, diese Zustände zu beseitigen - man muss endlich damit anfangen. Ich will die Mittel der Kunst nutzen, um anzuklagen, um die ganze Welt aufmerksam zu machen."

Fotograf Rogerio Reis konnte seine Installation jetzt sogar im Kulturzentrum der brasilianischen Bundesjustiz in Rio de Janeiro ausstellen. Die große lokale Qualitätszeitung "O Globo" brachte zeitgleich - und zum wiederholten Male - eine Artikelserie über die Zustände in der Slumdiktatur - die Zahl der Verschwundenen sei heute 54 mal höher als während des 21-jährigen Militärregimes.

"O Globo" berichtete auch über die Sondergerichte der Slumdiktatoren, die drakonischen Strafen, die Scheiterhaufen. Sie sind kein neues Phänomen in der größten Demokratie Lateinamerikas, sondern jahrzehntelange Praxis - verantwortlichen Politikern, internationalen Menschenrechtsorganisationen und auch den Intellektuellen Brasiliens bestens bekannt. Auffällig indessen das Schweigen, die Indifferenz.

"Diese Akte der Barbarei sind ein solcher Rückschritt im zivilisatorischen Prozess, dass viele Leute den Tatsachen nicht ins Auge sehen, dies alles nicht wahrhaben wollen. Ich sehe da auch viel Scheinheiligkeit. Über diese grausamen Menschenrechtsverletzungen muss man diskutieren - doch just dies ist nicht erwünscht. Der Staat hat sämtliche Machtmittel, um diese Barbarei sofort zu beenden, doch dazu fehlt politischer Wille."

Vertreter der Kirche, doch auch der renommierte Historiker Josè Murilo de Carvalho von der Bundesuniversität Rios sind der Auffassung, dass durch die Slumdiktatur Rebellionen der Slumbewohner verhindert werden sollen. Eine Politisierung der Verarmten und Verelendeten werde ebenfalls blockiert. Die Gangsterkommandos dienten damit der Aufrechterhaltung politischer Stabilität - ganz im Sinne der Eliten.

Rogerio Reis: "Ich sehe das ganz genau so - hier sind starke wirtschaftliche, politische Interessen im Spiel. Hochgestellte Figuren der Gesellschaft sind verwickelt, sind Nutznießer des organisierten Verbrechens. Zu meiner Ausstellung in Paris haben alle dortigen Vertreter der brasilianischen Regierung, angefangen vom Botschafter, offizielle Einladungen erhalten - das war mir wichtig."

Der dunkelhäutige Schriftsteller Paulo Lins aus Rio schrieb den Bestseller "Cidade de Deus", Gottesstadt - die Buchverfilmung kam als "City of God" in die europäischen Kinos, kippte sozialromantische Brasilienklischees. In dem Streifen über einen Slum der Zuckerhutmetropole ist auch Rogerio Reis zu sehen.

"Ja, in 'City of God' spiele ich den Pressefotografen. Ich arbeite mit dem Schriftsteller Paulo Lins zusammen, dessen gleichnamiges Buch verfilmt wurde. Und mein enger Partner ist der Musiker und Poet Marcelo Yuka, der auf seiner neuesten CD einen Titel diesen modernen Scheiterhaufen gewidmet hat. Da beschreibt er die Gefühle der Slumbewohner, wenn ihnen der Geruch brennender Autoreifen in die Nase steigt - und alle wissen, was da ganz in ihrer Nähe geschieht. Marcelo Yuka wurde von neun Schüssen getroffen, sitzt gelähmt im Rollstuhl. Lins und Yuka haben mich ebenfalls zu dieser Fotoinstallation inspiriert. Ich musste eine künstlerische Form wählen, durch die ich mein Leben nicht zu sehr in Gefahr bringe."

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur