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Mittelalter und Moderne

Ausstellung "Rüstung & Robe" im Musée Tinguely in Basel

Von Christian Gampert

Jean Tinguely im Jahr 1991
Jean Tinguely im Jahr 1991 (Leonardo Bezzola / Museum Tinguely)

Normalerweise dominieren im Basler Tinguely-Museum die Werke des 1991 gestorbenen Namensgebers Jean Tinguely - also skurrile, bewegliche Schrottmaschinen. Nun aber haben die Maschinen Besuch aus dem Mittelalter bekommen: Über 60 Ritterrüstungen stehen im Museum, dazu kommen noch einige Werke der Gegenwartskunst und Abendroben des italienischen Modeschöpfers Roberto Capucci.

Jean Tinguelys bewegliche Skulpturen bestehen aus allem Möglichen, aus Federn, Wasserschläuchen, hölzernen Mühlrädern, Keilriemen, Besenstielen; vor allem aber bestehen sie aus rostigem Metallschrott, aus Eisen.

Und aus Eisen bestehen auch jene blankpolierten Ritterrüstungen, die Tinguelys furchterregend lustigen Maschinen derzeit Gesellschaft leisten. Guido Magnaguagno, der scheidende Direktor des Musée Tinguely, will Mittelalter und Moderne für einmal in einer theatralischen, opernhaften Inszenierung zusammenspannen. Helme, Harnische und Kettenhemden passen eigentlich ganz gut zu Tinguely, meint Magnaguagno:

"Neu entdecken kann man sie hier, bei diesem Schrottkünstler. Er war eigentlich ein verkappter Militarist, war gleichzeitig auch Anarchist, aber auch Militarist …"

Offenbar war Tinguely seit seinem Schweizer Militärdienst fasziniert von Eisenkultur, technologischem Fortschritt, auch von Waffen – wenngleich er die in seinen Skulpturen dann eher parodierte. Aber das Handwerk der Plattner, die im Mittelalter Rüstungen herstellten, das hätte er gemocht:

"Die erste Blüte ist Mailand im 15. Jahrhundert, das sind diese spätgotischen Rüstungen mit ellenlangen Füßen. Plattner heißen die Handwerker, die das gemacht haben. Und die Habsburger, die dann die Großmacht werden in Zentraleuropa, haben eigene Werkstätten gegründet, die wichtigste in Augsburg."

In Basel sieht man, von der Empore, einer Art Feldherrenhügel aus, ganze Divisionen solcher Kampfanzüge, inszeniert wie zum Angriff: innen hohle Eisenfassaden, Brustpanzer, die Hellebarden tragen; furchteinflößend dunkle Helme und beinlose Rüstungen für die Reiter. Das kontrastiert schön mit den parodistischen Totemfiguren und lächerlichen, abstrahierten Armeemonstern von Tinguely, Luginbühl und Spoerri auf dem Balkon.

Eine der eindrücklichsten Rüstungen ist offenbar ausgiebig benutzt worden: Sie gehörte dem Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen, Führer des Schmalkaldischen Bundes gegen Kaiser Karl V. Als er bei Mühlberg besiegt wurde, zog man ihm das Eisen aus.

"Das war ein Riese, 1,80 groß, ein guter Krieger. Das ist ein sogenannter Riffelharnisch, in geriffelter Form, wenig Verzierung, eine Rüstung für die Schlacht. Häufig sieht man auch noch Schwerthiebe."

Damit die Rüstungen nicht so allein sind, hat man manche von ihnen, wie schon 1991 in einer Ausstellung an der Wiener Hofburg, mit Abendkleidern des Modedesigners Roberto Capucci verkuppelt. Capucci hat sich immer an Rüstungen inspiriert, und so sehen die Kleider auch aus, gemacht für repräsentative Körper.

"Eine Spezialität von ihm war die plissierte, gefältelte Seide. Das passt vorzüglich zu den Riffelharnischen. Es geht hier eigentlich ums Kleid als die zweite Haut, bei den einen aus Metall, bei den anderen aus Taft und Seide."

Sex und Aggression also, Liebe und Krieg, Verführung und Schutz, Eros und Thanatos. Oder auch: Mann und Frau. Dazu passen dann auch die Figurinen des Oskar Schlemmer, die die zunehmend mechanisierten Körper des 20. Jahrhunderts in die Ausstellung holen – Schlemmers erste Zeichnungen in diese Richtung entstanden übrigens im Ersten Weltkrieg.

Begehrteste Trophäe für die Sieger war im Mittelalter übrigens nicht der Helm, sondern die Schamkapsel, die die soldatischen Schlachtenbummler nach Kampfende den Toten abnahmen. Das, was das Allerheiligste schützen sollte, fehlt nun bei manchen Rüstungen. Tinguely hätte das sicher gefallen.

Service:
"Rüstung & Robe"
Musée Tinguely in Basel
13. Mai bis 30. August 2009

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