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Studio 9 | Beitrag vom 13.07.2015

Mit Flüchtlingen im GesprächVon Syrien nach Deutschland

Von Sabine Adler

Razan Skeif und Wael Sabia vor dem Flüchtlingsheim Berlin Marienfelde (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Razan Skeif und Wael Sabia vor dem Flüchtlingsheim Berlin Marienfelde (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Razan Skeif und Wael Sabia sind Flüchtlinge aus Syrien. Sie haben es aus dem kriegszerstörten Land bis nach Berlin geschafft. Sabine Adler hat sich von den beiden erzählen lassen, woher sie kommen, warum sie Syrien verlassen mussten und was sie auf ihrer Flucht erlebten.

Leben in Latakia, Syrien

Das syrische Paar Razan Skeif und Wael Sabia (Deutschlandradio / Bettina Straub)Das syrische Paar Razan Skeif und Wael Sabia (Deutschlandradio / Bettina Straub)

"Latakia war eine schöne Stadt und ist es immer noch. Es gibt ruhige Plätze, aber auch ein munteres Nachtleben, viel Kultur. Es ist ein Touristenort. Im Sommer kommen viele Leute, denn Latakia liegt direkt am Mittelmeer. Es ist eine Küstenstadt. Sie bietet einfach alles. Deshalb ist sie sehr schön und ich liebe sie."

Es ist der erste Sommer in ihrem Leben, den Razan Skeif nicht in ihrer Heimat verbringen wird. Seit April ist die zierliche junge Frau aus Syrien in Berlin. Wenn sie jetzt im Schwimmbad die Frauen sieht, wandern ihre Gedanken hin zu den Freundinnen, von denen viele wie sie geflohen sind, wie sie früher zusammen am Strand lagen. Razan spricht, als sei sie nur kurz von zuhause fort.

"Wir Frauen aus Latakia gehen auch im Bikini schwimmen. Das ist kein Problem, allerdings nicht immer. Im Mai und Juni können wir im Bikini ins Meer, im Juli und August nicht mehr und dann ab September wieder. Wenn in der Hochsaison die Touristen aus dem Inland kommen, gehen wir nicht mehr so an den Strand, denn die sind viel konservativer. Wir wollen ja nicht in Verruf kommen."

Razan ist 27 Jahre alt. In die bildschöne Frau mit dem schulterlangen glänzenden Haar hat sich Wael verliebt, vor Jahren schon, als Razan noch ein Mädchen war. Eine Sandkastenliebe. Für Razan gab es nur Wael, für Wael nur Razan. Er ist heute einen halben Kopf größer als sie, kräftig, ein freundlicher ruhiger Charakter. Sunnit, sie Alewitin. Beide stammen nicht nur aus dem gleichen Ort, der gleichen Straße, sie wohnten sogar im gleichen Haus. Er im Erdgeschoss, sie in der dritten Etage. Es war eine rundum glückliche Kindheit und Jugend.

Friedliches Zusammenleben von Sunniten, Alewiten und Christen

"In Latakia gibt es auch Berge. Eine halben Stunde Fahrt und schon ist man dort. Die Berge nennen sich die Alewiten-Bergkette. Latakia hat 400.000 Einwohner. Alle drei Konfessionen, also die Sunniten, Alewiten und Christen sind in Latakia ganz offen miteinander umgegangen."

Wenn die Sommer zu heiß waren, fuhren sie in die angenehm kühlen Berge. War Waels Familie verreist, hatte das Nachbarsmädchen Razan den Schlüssel und lüftete die Wohnung. Razan ging bei den Sabias ein und aus. Waels Eltern liebten sie und weder Razans Mutter noch ihr Vater nahmen an ihrer Freundschaft zu Wael auch nur den geringsten Anstoß.

"Vor dem Krieg gab es sowohl getrennte Viertel als auch gemischte. Man konnte ohne weiteres von einem Viertel in das andere umziehen. Mit dem Krieg wurden alle Viertel praktisch separiert. Es gibt seit Kriegsbeginn kein Vertrauen mehr, Alewiten, Sunniten und Christen leben strikt getrennt."

Denn 2011 war es mit der Idylle vorbei. In Tunesien, Ägypten und Libyen wurden die Verhältnisse umgekrempelt, in Syrien setzte der arabische Frühling viele Monate später ein. Latakia war eine der ersten syrischen Städte, in denen die Menschen auf die Straße gingen. Wael und Razan nicht, sie waren von den Forderungen der Demonstranten nicht überzeugt: Freilassung von Gefangenen, nicht politischen sondern gewöhnlichen Kriminellen, Senkung der Lebensmittelpreise.

"Andere haben verlangt, dass der Präsident sich zurückzieht von seinem Amt. Allerdings haben sie nicht gesagt, warum. Das Ganze war nicht organisiert, man kann auch nicht von einer Opposition sprechen."

Den späteren Studentenprotesten wollte sich Razan dann aber sehr wohl anschließen. Denn sie richteten sich gegen die hohe Arbeitslosigkeit unter Jungakademikern. Razan stand kurz vor dem Abschluss ihres Englischstudiums und wusste, dass dieses Schicksal ihr ebenso drohte. Doch weder ihre arbeitslose Schwester noch sie selbst konnten zu den Demonstrationen gehen. Ihr Vater hatte den Umzug aufs Land angeordnet. Ihm war es in Latakia zu brenzlig geworden. Als Alewiten gehört die Familie der Elite Syriens an, die jetzt angefeindet wurde. Wie sehr die Feindschaft bereits den Alltag bestimmte, erkannte Razan daran, dass ihr Vater es rundweg ablehnte, sich von einem Sunniten behandeln zu lassen, obwohl sein Auge dringend operiert werden musste.

"In diesem Jahr sind wir aufs Land gezogen. Mein Vater hatte Angst. Er ist in diesem Jahr Rentner geworden. Vom Dorf in die Stadt zu fahren, ist so teuer, dass ich es mir nicht leisten konnte, runter zu den Demonstrationen nach Latakia zu fahren. Außerdem war das sehr gefährlich."

Angst ums eigene Leben

"Viele Syrer sind nach Latakia geflohen, wegen der Kämpfe in ihren Städten. Damit kamen Sunniten, Drusen und Menschen anderer Glaubensrichtungen zusätzlich in die Stadt. In Latakia lebten vor allem Alewiten, also in der Regel Leute, die das Regime unterstützen. Auf der anderen Seite haben wir die Opposition, von denen viele Sunniten sind. Dadurch gab es einen Verlust an Vertrauen. Das Zusammenleben funktionierte nicht mehr."

Razan konnte die Angst ihres Vaters nachvollziehen, Latakia ist eine Hochburg der Alewiten, das Regime trieb die Demonstrationen mit Gewalt auseinander, die Spannungen waren mit Händen zu greifen. Die Drohungen gegen die Alewiten, die nur noch mit der verhassten Assad-Clique gleichgesetzt wurden, galten auch ihrer Familie und waren ernst zu nehmen.

"Wir hatten keine Angst um unsere Privilegien, wir hatten Angst um unser Leben. Denn man sagte: Wenn das Regime gestürzt wird, werden wir alle Alewiten enthaupten und begraben."

Alewiten, Sunniten, Christen - keiner traute dem anderen mehr über den Weg. Doch dass das Misstrauen auch Wael treffen würde, den Razans Vater schon als Knirps kannte, überraschte sie. Die Eltern verboten Razan den Umgang mit Wael, von einer Hochzeit der beiden ganz zu schweigen. Der Vater hatte andere Pläne mit seiner Tochter.

 

Der Fluchtplan

Wael Sabia zeigt Sabine Adler den Fluchtweg (Deutschlandradio / Bettina Straub)Wael Sabia zeigt Sabine Adler den Fluchtweg (Deutschlandradio / Bettina Straub)

"Ich habe auch nicht an diesen Demonstrationen teilgenommen. Weil ich Palästinenser bin. Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Syrien. Es gab Druck von beiden Seiten auf uns, sowohl von der Regime-Seite als auch von Seiten der Opposition, aber wir haben versucht neutral zu bleiben."

Neben der fröhlichen Razan wirkt Wael etwas ernst. Wael ist Sunnit, Razan Alewitin. Ihre Brüder sind befreundet, die Familien lebten im gleichen Haus, nie spielte ihre Religion eine Rolle, zumal Alewiten wie Sunniten Moslems sind. Doch aus den Protesten, die das Assad-Regime mit Gewalt zu stoppen versuchte, wurde ein bewaffneter Konflikt, schließlich ein Religionskrieg, spätestens seitdem der IS, der Islamische Staat, auch Teile Syriens erobert hat. Mit einem Mal begannen die Menschen in Latakia einander zu taxieren, immer auf der Suche nach dem Unterschied, schwappte der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, der die arabische Welt seit Menschengedenken spaltet, auch auf Latakia über, denn die liberalen Alewiten gehören zu den Schiiten.

"Es gibt bestimmte Buchstaben, die anders ausgesprochen werden. Alewiten sagen zum Beispiel Ka und Sunniten sagen Ä für dasselbe Wort. Zum Beispiel der Satz 'Ich hab's dir gesagt': Ein Sunnit würde sagen 'Eltelak' und ein Alewit würde sagen 'Koltelak'."

Auch die Vor- und Nachnamen geben einen Hinweis, wer in Syrien Alewit, Sunnit oder Christ ist. Im Ausweis erkennt man dies an der Zahl, man weiß, welches sunnitische, alewitische oder christliche Dorf sich hinter einer bestimmten Ziffer verbirgt.

Das Misstrauen wächst

"Manchmal verraten das auch die Vornamen. Sunniten nennen ihre Kinder sehr gerne Omar, Valid, Talet. Alewiten würden das nie tun. Ihre Jungen heißen Ali, Haidar, Jafar und so."

An der Kleidung seien Sunniten und Alewiten nicht zu unterscheiden, erklären Razan und Wael. Frauen in Latakia oder in der Hauptstadt Damaskus tragen gleichermaßen Jeans. Hauteng, so wie Razan. Sunnitinnen würden sich vielleicht kein Tattoo stechen lassen, anders als sie. Sie zieht den rechten Ärmel hoch, zum Vorschein kommen drei Schmetterlinge. Aber sunnitische Frauen würden durchaus auch einen Sticker aufkleben, der aussieht wie ein echtes Tattoo.

Razans Brüder, die Schwestern und die Mutter beobachteten mit Argusaugen, ob sich Razan weiter mit Wael trifft. Wael, der sieben Jahre älter als Razan ist und ganz die Ruhe selbst, hatte nie mit der Hochzeit gedrängelt, denn er respektierte das Gesetz in Razans Familie, dass die Töchter erst studieren und dann heiraten, doch nun merkten beide, dass sie vielleicht zu gehorsam waren, denn die Welt ringsherum verschwor sich gegen sie.

"Seit der Krise gab es kaum Strom. Die Energieanlagen wurden angegriffen. In meinem Laden reparierte ich Computer und Mobiltelefone, ich war auf Strom angewiesen. Ohne Strom hatte ich keine Arbeit. Mein Geschäft lag in der Stadtmitte, ein sunnitisches Viertel. Die Kunden fehlten, die Ersatzteile, es gab kaum Importe. Dazu mussten wir uns immer verstecken, konnten uns als Paar nicht zeigen. Meine Eltern hatten kein Problem mit unserer Liebe, aber ihre."

In Razans Familie redeten sie plötzlich von Hochzeit, aber nicht von Wael. Sie wollten Fakten schaffen. Razan sollte mit einem Cousin verheiratet werden.

Waels Mund wird ganz schmal, er wirkt fast verkniffen, als er sich er erinnert: Wie er damals ohne Arbeit dastand, seine Geliebte einen anderen heiraten sollte. Auf Latakia fielen die ersten Bomben und er, der kurz vor Beginn des Krieges gerade erst den Wehrdienst beendet hatte, musste jetzt jederzeit damit rechnen, dass ihn die syrische Armee einzieht und an die Front schickt. Gesund und kräftig genug war er schließlich.

Heirat in Damaskus

"Ich dachte, ich werde hier sterben. Ich bin ein toter Mensch. Ich versuche die Flucht. Was soll ich noch verlieren? Anfangs dachte ich, dass wir vielleicht zusammen fliehen. Aber da der Weg überhaupt nicht klar war, hatte ich Angst um sie. Ich wusste ja nicht, ob ich es überhaupt schaffe, ob ich nicht ertrinke oder unterwegs getötet werde, oder vergewaltigt. Ich hatte viel zu viel Angst um sie. Deshalb machte ich mich allein auf den Weg. Ich wollte sie nachholen, eine Art Familienzusammenführung."

Bevor er ging - ihre Überredungskünste, ihn zum Bleiben zu bewegen halfen nicht - , fuhren sie in die Hauptstadt Damaskus. Zum Standesamt.

"Wir konnten nicht in Latakia heiraten, denn im Gericht arbeitet eine Verwandte von mir als Standesbeamtin. Deshalb sind wir nach Damaskus gefahren, heirateten dort standesamtlich, damit wir eine Urkunde bekommen und als Ehepaar wieder zusammengeführt werden können."

"Der Weg dorthin war nicht sicher. Es gab Checkpoints auf dem Weg, teilweise von den Regierungstruppen, teilweise von den bewaffneten Gegnern."

Der verschmähte Cousin, ein einflussreicher Mann, rächte sich. Er ließ Razans Namen auf eine schwarze Liste setzen, auf der alle stehen, die nicht ausreisen dürfen.

"Unser Plan war, dass Wael flieht, mich nach drei Monaten nachholt und ich meinen Eltern erzähle, dass ich jetzt zum Studium ins Ausland gehe."

Blieb da überhaupt noch Zeit für Romantik? Gab's einen Heiratsantrag?

"Ich knie doch immer vor ihr, die ganze Zeit."

 

Waels Flucht

Sabine Adler, Razan Skeif, Wael Sabia und ein Dolmetscher im Flüchtlingsheim Marienfelde (Deutschlandradio / Bettina Straub)Sabine Adler, Razan Skeif, Wael Sabia und ein Dolmetscher im Flüchtlingsheim Marienfelde (Deutschlandradio / Bettina Straub)

"Den ersten Fluchtversuch unternahm ich über den Libanon, vor genau einem Jahr. Ich wollte per Schiff von Tripolis im Libanon nach Mersin in der Türkei. Aber ich wurde gar nicht erst in den Libanon einreisen. Man hat mir gesagt: 'Nein, du bist Palästinenser. Du hast keine Erlaubnis, mit diesem Schiff nach Mersin zu fahren.' Ich habe dem Grenzer mein Ticket gezeigt. Aber ihn interessierte das nicht. So hab ich das Geld verloren und kehrte zurück. Das war der erste Versuch.

Ich war schon als Kind von Deutschland fasziniert, aber jetzt als Erwachsener erst recht. Das ist ein Rechtsstaat, die Ausbildung ist kostenlos, überhaupt Bildung. Man kann sich hier das ganze Leben weiterbilden lassen. Es gibt Arbeitsmöglichkeiten. Das Leben ist würdig hier."

"Er hat sich in Büchern, übers Fernsehen, im Internet informiert."

Waels zweiter Versuch startete in der syrischen Hafenstadt Tartus bei Latakia. Er kaufte ein Ticket von Tartus nach Mersin in der Türkei, trotz der Warnungen, dass er als Palästinenser ein Visum brauchen wird. Die syrische Bootsbesatzung wollte ihn nicht auf das Schiff lassen, erst als er Schmiergeld zahlte.

Eine Überfahrt für 5000 Dollar

"Etwa 100 Dollar. Alle Passagiere durften das Schiff in Mersin verlassen, ich nicht. Sie wollten mich nach Syrien zurückschicken. Ich antwortete, ich kann nicht. Mein Leben ist dort bedroht. Sie sagten: In die Türkei darfst du nicht ohne Visum. Das bekommst du im Libanon. Ich hab gesagt, dass sie mich in den Libanon nicht reinlassen. Und nun darf ich auch nicht in die Türkei. Aber nach Syrien werde ich auf keinen Fall zurückgehen. Lieber lasse ich mich verhaften und ins Gefängnis stecken. Das taten sie, dort musste ich zwei Tage absitzen. Ich erklärte ihnen, dass ich nur ein Transitvisum brauche. Schließlich durfte ich einen Monat in der Türkei bleiben. Ich lernte Leute kenne, die nach Italien wollten. Sie wussten, wo es ein Schiff gibt und dass die Überfahrt 5000 Dollar kostet. Ich hatte mein Geschäft in Latakia verkauft, alle Computer und so. Zwei Wochen warteten wir in einem Hotel. An einem Sonntagabend brachten sie uns mit kleinen Bussen zu einem anderen Ort."

Die Passagiere wurden bei Nacht und Nebel ans Wasser gebracht und angewiesen, still zu sein, damit die türkische Polizei nicht auf sie aufmerksam wird. Das Boot, in das sie schließlich einstiegen, war für die vielen Menschen viel zu klein.

"Alle lagen übereinander, es waren furchtbar viele Menschen. Ich bin noch jung, kann einiges ertragen, aber die Frauen, Kinder, Greise. Es war sehr hart für sie. Die Fahr dauerte sieben oder acht Stunden. Mit einem Mal, mitten auf dem Meer, hielt das Boot. Direkt vor einem anderen, einem Fischerboot, das etwas größer war, vielleicht 18 Meter lang. Auf offener See mussten wir alle umsteigen von dem kleinen Boot in das größere. Eine wacklige und gefährliche Angelegenheit."

Wael und die anderen Flüchtlinge dachten, dass dieses Fischerboot nochmal eine Art Fähre zu dem eigentlichen großen Schiff sein würde, doch dann erfuhren sie: Es wird kein weiteres Schiff geben. Dieses Fischerboot würde sie aus den türkischen Gewässern bis nach Italien bringen. Doch es fuhr und fuhr nicht los. Der Kapitän machte keine Anstalten, die Anker zu lichten.

Zwölf Tage auf hoher See

"Bis zum nächsten Tag tuckerte das erste kleine Boot noch mehrmals zur Küste und zurück, um weitere Flüchtlinge zu holen und an Bord zu nehmen. An Ende waren wir ungefähr 270 Personen auf diesem 18-Meter-Kahn. Es war sehr, sehr eng. Wir konnten uns kaum bewegen. Also, vor mir, neben mir, hinter mir, überall waren Leute. Ich konnte meinen Platz nicht mehr wechseln.

Dann ging es los Richtung Italien. Wir haben am Tag ein halbes Glas Wasser bekommen und fünf bis sieben Datteln. Das war alles. Wir sollten keine Bedürfnisse mehr zu verrichten haben. Doch viele haben sich die gesamten zwölf Tage auf hoher See lang übergeben, egal, was sie gegessen haben. Andere waren bewusstlos. Einmal gab einen starken Sturm und ich dachte, jetzt ertrinken wir. Es ist vorbei. Jetzt werden wir sterben."

Auch über Deutschland war der Sturm gefegt, drei Tage schwebten die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer in Todesangst. Wael blickt an Razan vorbei, die kräftigen Hände umklammern die Sitzfläche des Stuhls als suche er Halt. Er erzählt, wie sie ohne Schwimmwesten auf dem Schiff saßen, ohne auch nur ihre Kleidung wechseln zu können, denn niemand hatte Gepäck mitnehmen dürfen, nicht einmal Lebensmittel. Weil Wael zwölf Tage fast nichts aß und trank, fiel ihm kaum auf, dass WCs fehlten, als Toilette für die Männer diente eine Flasche.

"Ich habe viel Gewicht verloren."

"Er hat uns Bilder geschickt. Er sah sehr mager aus.", sagt Razan.

Solange Wael von der Flucht erzählt, suchen sich ihre Finger. Mal streicht sie zart über seinen Zeigefinger, mal berührt er ihre Hand.

"Es war kalt. So eine Kälte habe ich nachts noch nie im Leben erlebt. Denn wir waren auch nass. Die Wellen schwappten ins Boot. Manche Leute neben mir haben die ganze Nacht vor Kälte gezittert, als hätten sie Schüttelfrost. Irgendwann mal haben sie uns erzählt, dass wir jetzt an Griechenland vorbeigefahren sind. Und dass es jetzt nicht mehr lange dauert. Aber wir fuhren noch vier Tage. Zwischendurch war das Boot kaputt. Einen Tag lang standen wir auf der Stelle. Die Wellen haben das Boot bewegt. Viele haben gedacht: Okay, das war's, es ist vorbei."

 

Waels Ankunft in Deutschland

Sabine Adler, Razan Skeif, Wael Sabia und ein Dolmetscher im Flüchtlingsheim Marienfelde (Deutschlandradio / Bettina Straub)Sabine Adler, Razan Skeif, Wael Sabia und ein Dolmetscher im Flüchtlingsheim Marienfelde (Deutschlandradio / Bettina Straub)

 "Am letzten Tag, den wir unterwegs waren, kamen Rettungsboote. In einem geschlossenen Schiff haben sie zunächst die Kinder und Frauen mitgenommen. Später schickten sie dann offene Boote für die Männer. Es war nachts. Sie haben uns so eine Art Plastikfolien gegeben als Schutz, aber das hat nichts gebracht. Es war weiterhin kalt und nass. Die Fahrt dauerte noch einmal zehn Stunden. Wir spürten kaum noch, was um uns herum geschah."

Der kräftige Syrer fühlte sich noch nie so schlapp in seinem 33-jährigen Leben wie nach der zwölftägigen Überquerung des Mittelmeers. Razan lässt ihn nicht aus den Augen. Die fröhliche Frau hört still zu, besorgt. Wie er während der Fahrt von der Türkei nach Italien keinen Fuß vor den andern setzen konnte. Von seinem Sitz an der Reling des Fischerbootes aufstehen und sich wieder hinsetzen, mehr war nicht möglich, denn hätte er sich von dem Platz wegbewegt, hätte er ihn verloren und er hätte stehen müssen, wie viele andere. Also rührte er sich nicht vom Fleck. Als die Flüchtlinge erstmals wieder festen Boden unter den Füßen hatten, wurden sie empfangen wie Kriminelle.

Zwischenstation Sardinien

"Wir kamen in Italien an. Wir wurden fotografiert. Unsere Sachen wurden uns weggenommen und wir sind in eine Art Gefangenenlager gebracht worden. Gegen drei, vier Uhr morgens bekamen wir Essen in Konservendosen. Ich hab nichts gegessen. Ich schlief. Am nächsten Tag sollten wir Fingerabdrücke abgeben. Ich habe das abgelehnt, wie rund hundert andere Flüchtlinge. Alle, die sich geweigert hatten, wurden am nächsten Tag in ein Flugzeug gesetzt. Ich bekam es mit der Angst zu tun, hatte große Sorge, dass sie mich in die Türkei oder gar nach Syrien zurückbringen würden. Nach einer Stunde Flug landeten wir. Am Rollfeld warteten viele Polizeiautos auf uns und das Rote Kreuz, das ich dort überhaupt zum ersten Mal gesehen habe. Ein Helfer erklärte mir, dass wir uns auf Sardinien befinden. Da bin ich bewusstlos geworden."

Auf Sardinien gab Wael seinen Widerstand gegen die Fingerabdrücke schließlich auf. Er mochte sich nicht weiter unterstellen lassen, ein syrischer Terrorist zu sein. Vor allem wollte er nicht auf der Insel bleiben. Sein Ziel war unvermindert Deutschland.

"Sie haben uns freigelassen und gesagt: Jetzt könnt ihr hingehen, wohin ihr wollt."

Sie waren frei, aber immer noch auf Sardinien. Eine Helferin vom Roten Kreuz erklärte Wael Saibi, dass er, wenn er nach Deutschland wolle, zunächst runter von der Insel und nach Rom müsse. Und das schnell.

"Die Frau vom Roten Kreuz sagte: Ihr dürft hier höchstens drei Tage bleiben, sonst müsst ihr den Asylantrag hier in Italien stellen. Wenn ihr aber innerhalb von drei Tagen Italien verlasst, dann könnt ihr gehen, wohin ihr wollt. Ein Mann, bei dem wir wohnten, half uns und brachte uns zum Schiff, mit dem wir von Sardinien nach Rom fuhren."

Waels Ehefrau Razan stand zwei lange Wochen Ängste aus. Wenige Tage vor Waels Flucht hatten sie noch geheiratet, ohne Fest, nur auf dem Standesamt. So konnte Razan nicht mehr zwangsverheiratet werden und Wael konnte sie nach Europa holen. Doch sie wusste nicht: Lebte er noch oder war er schon tot. Zum letzten Mal hatte Wael sie aus der Türkei angerufen.

"Eigentlich sollte die Reise drei Tage andauern, daraus wurden zwölf. Schließlich meldete er sich und sagte, dass er in Italien seine Fingerabdrücke abgegeben hat. Wir wussten, dass das nicht gut ist. Sein Ziel war nicht Italien. Später meldete er sich aus Holland, auch dort musste er wieder Fingerabdrücke abgeben."

Für Razan war nur eins wichtig: Dass Wael die Flucht über das Mittelmeer überlebt hat. Nun begann der Kampf gegen die Bürokratie, jetzt musste sie sich bereithalten.

Traumziel Deutschland

"In den Niederlanden habe ich einen Freund. Der ist vor anderthalb Jahren gekommen und hat inzwischen alle Papiere und sogar eine Wohnung. Er erklärte mir, was ich für die Familienzusammenführung unternehmen muss. Ich habe einen Asylantrag in Holland gestellt, nochmal Fingerabdrücke abgegeben. Weil ich das schon in Italien gemacht habe, steckten sie mich in ein Lager. 14 Tage lang. Und dann sagte man mir: Ich müsse zurück nach Italien. Wenn ich allerdings keinen Asylantrag in Holland stellen würde, könnte ich auch nach Deutschland gehen."

"Ich kam nach Horst in der Nähe von Hamburg. Dort habe ich einen Asylantrag gestellt und nach zwei Tagen haben sie mir gesagt, ich soll nach Berlin."

Wael hatte sein Traumziel Deutschland erreicht. Als er das erzählt, ist sein rundes Gesicht immer noch ernst. Zum Jubeln war es zu früh, schließlich schwebte über ihm immer noch das Damoklesschwert der Rückführung nach Italien. Und wann seine Razan kommen würde, stand ganz und gar in den Sternen.

 

Razans Flucht

Razan Skeif (Deutschlandradio / Bettina Straub)Razan Skeif (Deutschlandradio / Bettina Straub)

"Ich habe eine Art Ausweis bekommen, aber kein Aufenthaltsrecht."

Razan sollte zwar warten, bis Wael in Deutschland den Behördenkram erledigt hatte, aber der Ring um sie herum zog sich immer enger zu. Sie erzählte ihrer Mutter, dass sie ihr Englisch-Studium im Ausland fortsetzen wollte. Doch die Mutter mochte ihre Tochter keinesfalls gehen lassen, lieber an einen Cousin verheiraten, der ihr Europa aus dem Kopf schlägt. Sie wies den Cousin ab, was der ihr übel nahm. Damit hatte sie einen mächtigen Gegner, der Cousin war Mitarbeiter im Staatssicherheitsdienst.

"Er drohte, meinen Namen auf eine Liste zu setzen und meine Ausreise zu verhindern. Bei seiner Stellung hatte er wirklich die Möglichkeit, das zu tun. Da habe ich innerhalb von zwei Tagen die Entscheidung getroffen: raus hier, ganz schnell."

Von Latakia nach Beirut

Razan besuchte mehre Male hintereinander ihren zweiten Bruder, gab Nachhilfeunterricht in Englisch und besuchte einen Deutschkurs. Genug Anlässe, um immer wieder das Elternhaus auf dem Dorf zu verlassen und nach Latakia zu fahren. Seit dem Krieg wohnte die Familie nicht mehr in der früher so offenen und liberalen Hafenstadt am Mittelmeer, sondern auf dem Lande. In Latakia verkaufte Razan ihren Goldschmuck, den ihr die Eltern geschenkt hatten. Bei jedem Besuch nahm sie ein paar Sachen mit, deponiert die kleine Tasche bei Waels Familie. Doch da gab es noch ein Problem: Die Sammeltaxis von Latakia nach Beirut fuhren immer zwischen vier und fünf Uhr morgens los. Wie sollte sie um diese Zeit die Wohnung des Bruders verlassen, unter welchem Vorwand? Deswegen bestellte sie für zehn Uhr ein Taxi für sich allein.

Der Fahrer dachte, dass sie betete. Sie zeigt, wie sie den Oberkörper nach vorn und zurückbewegt hat und sagt, dass der Fahrer gefragt hat, ob sie jetzt den ganzen Koran zitiert.

Sie standen vier Stunden an der Grenze zum Libanon. Das Land ließ keine Syrer mehr rein. Viele mussten umdrehen.

"Der Grenzpolizist nahm meinen Pass und sagte: Okay, du darfst rein, aber nur, wenn du mir deine Handynummer gibst. Er wollte sich mit mir verabreden. Ich hab sie ihm gegeben. Eine falsche. Die Sim-Karte hatte ich schon vorher kaputt gemacht, weil ich nicht wollte, dass michmeine Familie darüber orten kann."

Es folgte eine zermürbende Warterei. Drei Monate, bis zum 20. März, Stillstand.

Bei Waels Tante im Libanon kam sie unter, hatte freie Kost und Logis, gab Geld nur fürs Telefonieren aus, um auf jeden Fall genug für das Flugticket übrig zu haben.

"Ich hab versucht, Arbeit zu finden. Aber es waren ja mittlerweile so viele Syrer im Libanon. Das ist ein kleines Land. Es gab keine Jobs. Ich ging zur deutschen Botschaft, doch dort wurde ich weggeschickt. Aber eine Bekannte von mir, eine Syrerin, hatte ein Visum beantragt für Deutschland und hat es bekommen. Sie machte ein Abschiedsfest und lud mich und viele andere ein. Dort traf ich eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft, sie fragte mich, warum ich so traurig sei. Waels Tante antwortete für mich und erzählte ihr meine Geschichte."

Inzwischen hatten Razans Eltern über ihre guten Drähte zum syrischen Grenzschutz herausgefunden, dass ihre Tochter im Libanon ist, in der Hauptstadt Beirut. Razan bekam Angst, dass ihre Familie sie bald in Beirut finden und holen würde. Die Zeit wurde immer knapper.

Hoffen auf ein Visum

"Die Frau von der Botschaft sagte, dass sie Syrern in Härtefällen helfen. Am nächsten Tag holte sie die Kopien von unseren Ausweisen und sagte zu mir: Du hast Anrecht auf Asyl in Deutschland. Du hast keine Wohnung, keine Arbeit. Dir droht man mit dem Tod. Deine Eltern wollen diese Schande von dir waschen, sich selbst reinwaschen. Du bist in einer gefährlichen Situation. Ich kann dir nichts versprechen, aber ich werde mein Bestes tun."

Nach fünf Tagen wurde sie nochmal befragt, nach weiteren drei Tagen klingelte morgens um sieben Uhr das Telefon. Für Razan und Wael wird ihr ganzes Glück nochmal lebendig, sie halten sich an den Händen und strahlen.

"Die Frau von der Botschaft war dran und lachte. Ich war im Schlaf. - Hallo Razan, hier ist die Deutsche Botschaft. Wann könnten Sie kommen? Und ich fragte: Wenn ich jetzt komme, bekomme ich dann das Visum? Die Frau lachte und sagte, ja. Und so war es. - Am 20. März 2015 flog ich nach Berlin."

Denken Sie an Rückkehr?

"In fünf Jahren werde ich vermutlich ein so anderes Leben gelebt haben, werde so anders denken, dass ich vielleicht auch gar nicht mehr zurückkehre, jedenfalls nicht für immer."

 

 

Beim Thementag "Das Mittelmeer - Sehnsuchtsort und Flüchtlingsfalle" kooperiert Deutschlandradio Kultur mit der taz. Weitere Beiträge finden Sie auch auf der taz-Themenseite.

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