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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.11.2010

Mit dem Gebetsteppich bei der NPD

Henryk M. Broders und Hamed Abdel-Samads "Deutschland-Safari" läuft ab Sonntag im Fernsehen

Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Eine Station der Deutschland-Safari: Henryk M. Broder mit der Burka auf dem Oktoberfest. (Henryk M. Broder)
Eine Station der Deutschland-Safari: Henryk M. Broder mit der Burka auf dem Oktoberfest. (Henryk M. Broder)

Ein Moslem, ein Jude und Foxterrier Wilma fuhren gemeinsam 30.000 Kilometer durch Deutschland. Sie sprachen mit ehemaligen Stasi-Agenten, besuchten das Oktoberfest in Burka und packten bei einer NPD-Versammlung den Gebetsteppich aus.

Matthias Hanselmann: Zwei Beutedeutsche mit Migrationshintergrund gehen auf Deutschland-Safari. Der eine ein grauhaariger polnischer Jude, der keinen Alkohol trinkt und keine Ahnung vom Fußball hat, und der andere ein ägyptischer Moslem, der kein Schweinefleisch isst und keine Hunde mag. Apropos Hund: Mit auf Safari ist Wilma, eine Foxterrier-Hündin. Alle drei fahren in einem extrem bunt bemalten alten Volvo durch die Republik und haben diese Reise für das Fernsehen aufgezeichnet.

"Entweder Broder – Die Deutschland-Safari", so der Titel der Fernsehreihe, startet am kommenden Sonntag um 23:30 Uhr, also nach "Titel, Thesen, Temperamente", in der ARD. Der Titel verrät es: Der Jude ist Henryk M. Broder, prominenter Journalist und Buchautor. Mit auf Reisen genommen hat er den Islamwissenschaftler und Buchautor Hamed Abdel-Samad. Versprochen wird für "Entweder Broder" ein Mix aus investigativem Journalismus, schwarzer Komödie und amüsanten Einlagen, in denen sich Henryk und Hamed über Deutschland und das Leben allgemein streiten. Mit beiden sind wir jetzt verbunden – guten Tag nach Köln!

Henryk M. Broder: Guten Morgen!

Hamed Abdel-Samad: Guten Tag!

Hanselmann: Herr Broder, die Safari ist ja Ihre Idee gewesen, soweit ich weiß, und Sie wollten eigentlich Barbara Schöneberger mit auf Reisen nehmen. Warum eigentlich?

Broder: Naja, weil ich halt ein Faible für Mädels dieses Formates habe, aber sie hatte sich anders entschieden, hat geheiratet und wurde schwanger, und damit hat sie den Kreis der Kandidatinnen verlassen. Dann haben Hamed und ich uns kennengelernt, und ich fand, das war die viel bessere Wahl. Und da war ich doch dem Schicksal dankbar, dass Frau Schöneberger nicht mit konnte.

Hanselmann: Wie haben Sie sich denn gefunden?

Broder: Ja, gefunden ist schon genau das richtige Wort. Wir haben einen gemeinsamen Freund in München, einen Professor, und der schrieb mir eines Tages eine Mail, er hätte einen Mitarbeiter, und wir sollten uns beide kennenlernen. Und so hat es angefangen.

Hanselmann: Aus der Sicht Ihres Kollegen Hamed, wie war denn Ihr erstes Meeting?

Abdel-Samad: Ja, es war wie ein Blind Date bei Kentucky Fried Chicken, war gar nicht lustig. Um uns herum waren zu viele Bayern, viele Münchener, Menschen ohne Migrationshintergrund, und deshalb konnten wir uns nicht verstehen. Aber beim zweiten Mal in Kopenhagen, da wurde Herr Broder ja verprügelt vor meinen Augen, und das fand ich lustig.

Hanselmann: Was haben Sie denn gedacht, als Henryk Broder Sie auf diese Sache ansprach, wie haben Sie reagiert?

Abdel-Samad: Ja, ich hab mir kurz überlegt und gedacht, ja, neben Herrn Broder schau ich sowieso jünger, klüger und vor allem schlanker aus, ich habe nichts zu verlieren. Warum nicht?

Hanselmann: Herr Broder, und aus Ihrer Sicht, wie verlief das Meeting?

Broder: Ja, ja, es war genau so, wie Hamed es beschrieben hat. Wir waren so die einzigen Exoten in diesem Münchner Café, aber in Dänemark waren wir unter lauter Ausländern. Und was uns dann wirklich zusammengeschweißt hat, war eine physische Auseinandersetzung mit paar Drogendealern im Freistaat Christiania. Und Sie wissen, Kriegserfahrungen verbinden ja, alte Frontkameraden lassen nimmer voneinander los.

Hanselmann: Sie waren gemeinsam in Christiania, in dem Hippiedorf?

Broder: Ja, ja, ja.

Hanselmann: Unglaublich!

Broder: Ja, Hamed hat mich hingeschleppt, er meinte, ich müsste das mal sehen. Und da ich noch nie dort war, dachte ich, eine gute Idee, mal was anderes wie Tivoli. Und dann habe ich leichtsinnigerweise dort fotografiert, und es gilt dort ein Fotografierverbot, das die Drogendealer dort selbst etabliert haben. Und ich dachte, an so was muss man sich nicht halten, was heißt, wer kann mir dort verbieten zu fotografieren? Nun ja, und dann bin ich eines Besseren belehrt worden

Hanselmann: Geben Sie uns doch bitte mal ein, zwei Beispiele für investigativen Journalismus, wie findet der statt in der Sendung "Entweder Broder"?

Broder: Nun, es gibt eine Stelle zum Beispiel, wo Hamed und ich ein paar Stasileute besuchen oder genauer gesagt ehemalige Stasileute – oder man weiß es ja heute nicht, vielleicht wieder zukünftige Stasileute, und wir unterhalten uns mit denen. Und in dieser völlig harmlosen, netten, extrem höflichen Unterhaltung sagen die Leute ungeheure Sachen. Es ist sozusagen eine Selbstentleibung, die da stattfindet, und dazu haben wir denen freundlich das Händchen gereicht.

Hanselmann: Herr Abdel-Samad, von Ihnen auch ein Beispiel?

Abdel-Samad: Ein Beispiel ist auch bei NPD-Funktionären: Wir haben endlich verstanden, was Deutschland zusammenschweißt, was überhaupt Deutschland ausmacht.

Hanselmann: Also Sie sind beide zu einer kleinen NPD-Versammlung gegangen und haben dann hinterher mit den Funktionären gesprochen?

Broder: Ja.

Abdel-Samad: Genau.

Hanselmann: Wie haben Sie sich dabei gefühlt, Herr Abdel-Samad?

Abdel-Samad: Ach, ganz normal eigentlich. Es sind für mich ganz normale Menschen, die in ihrem System gefangen geblieben sind, und ich glaube, sie sind auch wie muslimische Fundamentalisten, die glauben, auf dem richtigen Weg zu sein und nicht offen sind für andere Gedanken, für Vielfalt in der Gesellschaft, aber im Grunde sind sie ganz stinknormale Menschen, und wir überschätzen sie auch sehr oft.

Broder: Ich glaube, die NPD-Leute dort waren viel überraschter als wir. Für uns war es sozusagen so etwas wie ein Krankenbesuch, wie ein Arzt einen Patienten besucht und sagt: Nanu, das ist aber eine interessante Druckstelle, die Sie da haben, da müssen wir gleich Salbe drauflegen. Die sind, glaube ich, noch heute geschockt, dass da ein Moslem und ein Jude gemeinsam aufgetaucht sind und sich nicht mal danebenbenommen haben. Es gab eine Stelle, die in der Tat kritisch war, an einem bestimmten Punkt des Gespräches hat Hamed seinen Gebetteppich aus dem Rucksack rausgezogen, auf den Boden gelegt und angefangen zu beten. Und diesen netten NPD-Leuten sind wirklich die Augen aus dem Kopf gekullert – sie haben aber nichts gesagt.

Hanselmann: Sie sprechen gerade von netten NPD-Leuten. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen, Herr Abdel-Samad, dass man mit solchen NPD-Funktionären ein Meeting hat, die ja nun offensichtlich gar nicht wollen, dass Menschen wie Sie in unserem Land leben und dort weggehen kann ohne schlechte Gefühle, ohne Aggressionen.

Abdel-Samad: Also ich habe ja sie gebeten: Wenn Sie an die Macht kommen, bitte verschonen Sie mich! Und dann hat der nette Mann gesagt: Ja, warum, es gibt auch wissenschaftlichen Austausch, Sie sind Akademiker, Sie können gerne auch als Gast wiederkommen.

Hanselmann: Da sind wir eigentlich schon fast bei der Abteilung schwarzer Humor und schwarze Komödie in Ihrer Sendung. Was läuft denn in dieser Hinsicht?

Broder: Wir können jetzt nicht alles ausplaudern, wissen Sie, das ist so, als würden Sie vor der Hochzeitsnacht schon alle Geheimnisse der Braut erfahren, das geht auch nicht. Aber ich kann Ihnen nur eins sagen: Es gibt eine extrem lustige Szene, eine extrem lustige Szene, wenn Hamed und ich durch das Oktoberfest laufen – Hamed in Lederhosen und ich als seine Frau verkleidet in einer Burka hinterher.

Abdel-Samad: Oh ja! Oh ja, das war richtig lustig. Ich dachte, mit meiner Lederhose, ein Araber in Lederhose, das wäre die Sensation, aber Herr Broder hat mir die Show komplett gestohlen mit seiner Burka.

Broder: Ja!

Hanselmann: Da sind wir gespannt drauf, wie sich das dann in Bildern auch ausdrückt und zu sehen ist. Verraten Sie uns doch, wenn Sie schon nicht so viel verraten wollen, noch, welche Rolle die Foxterrier-Hündin Wilma spielt?

Broder: Nun, Hamed bitte!

Abdel-Samad: Ja, erst mal, ich hatte früher wirklich Hundeangst gehabt und war sehr skeptisch. Henryk hat darauf bestanden, dass Wilma mitfährt, und langsam habe ich, ja, meine Hundeangst überwunden. Henryk ist ein Jude, ich bin ein Moslem und Wilma war die Konfessionslose unter uns, die die Welt von einer ganz anderen Sicht gesehen hat. Und auch sehr oft hat sie uns beiden die Show gestohlen, weil sie langsam sich zu einer Rampensau entwickelt hat.

Broder: Ja, zu einer richtig kräftigen Rampensau! Außerdem ist es ja so, schon in der "Ringparabel" von Lessing kommen ja drei Charaktere vor: der Jude, der Moslem und der Christ. Und wir beide dachten, drei müssen es diesmal sein, und da fiel die Wahl eben auf unseren Hund Wilma, weil sie so unglaublich anpassungsfähig ist.

Hanselmann: Herr Broder, wenn Sie jetzt schon wieder die Rolle des Christen dem Hund zuweisen, das ruft doch bestimmt schon wieder Riesenproteste hervor, oder?

Broder: Nein, nein. Also Wilma, muss man sagen, ist in der Tat in einem christlichen Haushalt aufgewachsen, aber sie betet unregelmäßig.

Abdel-Samad: Was man auch sagen muss: Wir waren mit Wilma auf einem ökumenischen Gottesdienst - wie hieß das? - Kirchentag für Tiere.

Broder: Und da hat sich Wilma richtig gut gefühlt, weil da war sie wirklich unter lauter Tieren, für die gebetet wurde, und wir haben dann mit einem kleinen ökumenischen, überkonfessionellen Gebet mitgemacht.

Abdel-Samad: Ich wollte mit meinem Kamel reinkommen, aber durfte nicht rein. Man hat gesagt, ein Kamel kann nicht Christ sein, von Natur aus, und deshalb musste mein Kamel auch draußen bleiben.

Broder: Ja, das war eine Abschluss einer wirklich kamelfeindlichen Situation.

Hanselmann: Herr Abdel-Samad, ich hab gesehen, im Trailer zur Fernsehreihe, Sie als Hunde-, na ja, -Hasser ursprünglich mussten der Wilma sogar einmal den Po säubern. Was würden denn da Ihre muslimischen Verwandten in Ägypten dazu sagen?

Abdel-Samad: Ja, das war eine Katastrophe. Ich putze nicht nur den Arsch eines Hundes, sondern dieser Hund gehört auch einem Juden – das wäre in Ägypten, also darauf steht die Todesstrafe. Meine Familie würde mich dafür wirklich köpfen. Ich hoffe, die Sendung wird nicht in Ägypten ausgestrahlt.

Broder: Wir kürzen diese Passage.

Hanselmann: Herr Abdel-Samad, Henryk M. Broders Humor, der ist ja manchmal einigermaßen drastisch. Gab es Situationen, in denen Sie sich nicht einig waren über eine Aktion, wo Sie gesagt haben, da mach ich nicht mit?

Abdel-Samad: Eine Situation war sehr kritisch in der Tat: Beim "Fünf Jahre Denkmal", Holocaust-Mahnmal, hat er sich in eine Stele verkleidet und wollte, dass ich auch mitmache, und das war für mich die Grenze. Ich hab gesagt, so, ich muss nicht den Clown spielen, und ich musste mich von ihm auch an dieser Stelle verabschieden. Das war nicht gespielt, das war wirklich meine Haltung.

Hanselmann: Also Herr Broder hat sich sozusagen einen Stelenkasten um den Körper gehängt, ja, und ist dann zu den anderen Stelen dazu?

Broder: Genau, ich war die bewegliche Stele.

Hanselmann: Gut, lassen wir das mal so stehen, kann sich jeder seine Gedanken dazu machen. Sie waren über 30.000 Kilometer miteinander unterwegs, können Sie sich denn jetzt überhaupt noch riechen?

Abdel-Samad: Ich glaube, wir sind richtige Freunde auch danach geworden. Wenn ein Moslem mit einem Juden 30.000 Kilometer fährt, dann entweder bringt er ihn um am Ende oder sie werden richtige Freunde. Und ich glaube, ich habe das Bundesverdienstkreuz dafür eigentlich verdient, oder Bundesverdiensthalbmond, damit ich die Gefühle der Muslime nicht verletze.

Hanselmann: Der Bundesverdiensthalbmond, der muss erst noch eingeführt werden. Ihre Filme sind selten das, was man PC nennt, das haben wir jetzt auch so als kleinen Eindruck aus diesem Gespräch mitgenommen. Erwarten Sie jetzt Proteststürme von muslimischen Verbänden oder des Zentralrats der Juden? Wie viele Rechtsanwälte beschäftigen Sie schon?

Abdel-Samad: Wir hoffen schon, dass wir Stürme der Proteste bekommen. Wir haben genug Rechtsanwälte, wir wissen, wir verärgern Leute, aber wir betrachten das Ganze als eine Art Schocktherapie. Wir müssen lernen, über uns selbst zu lachen, damit andere das über uns nicht machen müssen.

Broder: Genau! Also optimal wäre es natürlich, wenn es eine Joint-Venture-Geschichte gäbe zwischen dem Zentralrat der Muslime und dem Zentralrat der Juden und sich dann beide von uns distanzieren würden. Aber ich wette, es wird nicht passieren. Im Prinzip glaube ich, dass die Leute, mit denen wir es zu tun haben, am Ende doch mehr Humor haben, als wir ihnen zutrauen.

Hanselmann: Hamed Abdel-Samad und Henryk M. Broder, "Entweder Broder – Die Deutschland-Safari", am kommenden Sonntag um 23:30 Uhr in der ARD. Ich danke Ihnen beiden nach Köln und viel Erfolg für Ihre Serie!

Broder: Wir danken Ihnen!

Abdel-Samad: Danke auch!

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