Seit 20:03 Uhr Konzert
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 20:03 Uhr Konzert
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 27.09.2006

"Misstrauen abbauen"

Wolfgang Thierse zur Berliner Islam-Konferenz

Moderation: Hanns Ostermann

Wolfgang Thierse (SPD) (AP)
Wolfgang Thierse (SPD) (AP)

Vor Beginn der Islam-Konferenz in Berlin hat Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse betont, dass ein solches Forum auf beiden Seiten Vorurteile und Misstrauen abbauen könne. Zugleich forderte der SPD-Politiker eine zentrale Anlaufstelle für Muslime in Deutschland.

Hanns Ostermann: Heute wird ein Anfang gemacht. Ob das Experiment dann auch erfolgreich verläuft, das muss sich zeigen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble lädt zur ersten Islam-Konferenz in Deutschland ein. Das zweistündige Treffen soll dem Dialog mit den rund drei Millionen Muslimen bei uns dienen. Wie wichtig das interreligiöse Gespräch ist, das belegen nicht zuletzt zwei Beispiele: Der Vortrag von Papst Benedikt dem XVI. in Regensburg mit den anschließenden Reaktionen in aller Welt und die Spielplanänderung an der Deutschen Oper. In Berlin wurde wegen befürchteter Anschläge eine Mozart-Oper, inszeniert von Hans Neuenfels, abgesetzt. Viele kritisierten das, nicht zuletzt der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse. Guten Morgen, Herr Thierse.

Wolfgang Thierse: Guten Morgen, Herr Ostermann.

Ostermann: Ist die Kunstfreiheit in Deutschland wirklich in Gefahr? Wird das Beispiel Deutsche Oper nicht möglicherweise überbewertet?

Thierse: Zunächst einmal ist es ja doch ein erschreckender Vorgang und man kann es auch für ein Symptom halten. So weit ist es schon gekommen, dass man in Deutschland aus Angst vor islamisch, islamistisch begründeter Gewalt eine Art Selbstzensur übt. So sehr mal also Frau Harms in ihren Motiven verstehen kann, ist es trotzdem eine ganz falsche Entscheidung. Und das muss man auch sagen können. So wie es dazu gehört, dass, wenn man die Freiheit der Kunst respektiert und für ein hohes Gut hält, natürlich jedes konkrete Kunstwerk auch scharf kritisieren kann, auch diese Inszenierung kritisieren kann. Aber sie abzusetzen aus Angst vor islamistisch begründeter Gewalt, das ist schon ein Einschnitt in unsere Kulturgeschichte.

Ostermann: Das heißt also für ihre Sorge vor Gewalt - sie spricht ja auch davon, dass sie eine Verantwortung hat für ihre Mitarbeiter und für das Publikum - haben Sie überhaupt kein Verständnis.

Thierse: Doch, das habe ich ja gesagt. Ich verstehe die Motive von Frau Harms.

Ostermann: Wird sie nicht aber eventuell durch die Politik oder durch die Sicherheitsbehörden, insbesondere die Sicherheitsbehörden, im Stich gelassen?

Thierse: Also das weiß ich nicht, denn es ist ja eine Entscheidung der Intendantin zu sagen, ich lasse das auf dem Spielplan und ich bitte die Berliner Polizei und die Sicherheitsbehörden das ihrige zu tun, dass es einen ruhigen Abend jedenfalls äußerlich gibt. Die Zuschauer selber können ja, wie das immer bei Opern in Berlin ist, am Schluss ihre Freude oder ihren Unmut ausdrücken.

Ostermann: Herr Thierse, was erwarten Sie von der heutigen Islam-Konferenz? Auch ein klares Bekenntnis der Muslime gegen Gewalt und für das Grundgesetz?

Thierse: Also ich denke, was der Sinn dieser Konferenz ist, ist die Eröffnung eines öffentlichen Prozesses, eines Verständigungsprozesses, dessen Ziel sein muss, die Einbürgerung des Islam, die Anerkennung der islamischen Religionsgemeinschaften als selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft. Wenn denn nun drei Millionen Menschen islamischen Glaubens dauerhaft bei uns leben, dann haben wir eine gemeinschaftliche Aufgabe, Integration zu betreiben, eine Kultur der Anerkennung zu betreiben. Und das ist eine Aufgabe, die beide Seiten verpflichtet, die so genannte Mehrheitsgesellschaft und eben auch die islamischen Gemeinschaften.

Ostermann: Aber das heißt auf islamischer Seite ein klares Nein zur Gewalt und ein klares Ja für das Grundgesetz?

Thierse: Ich denke ja. Das ist die elementare Voraussetzung für das Zusammenleben in diesem Lande. Die Anerkennung des Grundgesetzes, von Recht und Gesetz, der gemeinsamen Überzeugung über die Freiheiten und die Pflichten, die unser Zusammenleben ermöglichen, das gilt für alle, das gilt selbstverständlich auch für die muslimischen Bürger. Und ich bin der Überzeugung, dass für die riesige Mehrheit dieser muslimischen Bürger das ja auch selbstverständlich gilt. Wir müssen darüber reden, und das ist der Sinn der Konferenz, wie so etwas entstehen kann, nämlich ein gesprächsfähiges, vertragsfähiges Gegenüber des Staates für die künftige Kooperation zwischen Staat und den islamischen Bürgern dieses Landes. Im Verhältnis von Staat und christlichen Kirchen haben wir viel Erfahrung. Die Kirchen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Wir müssen überlegen, und das muss Ziel dieses Prozesses sein, in welcher Weise der Islam nicht Kirche werden kann, das widerspricht seinem inneren Wesen, aber wie er doch ein vertragsfähiges, ein gesprächsfähiges Gegenüber des Staates werden kann, damit bestimmte Dinge geregelt werden. Angefangen vom Religionsunterricht, vom deutschsprachigen islamischen Religionsunterricht in den Schulen, über die Ausbildung der Imame, über den Moscheebau und viele andere Fragen.

Ostermann: Sie haben bei diesen inhaltlichen Fragen, Herr Thierse, eben einige Beispiele genannt. Die Rolle der Frau gehört ja auch dazu, die Art des Religionsunterrichtes. Gibt es da für Sie so etwas wie eine absolute Prioritätenliste?

Thierse: Also ich denke, dass die beiden Dinge, Ausbildung der Imame, damit sie deutsch Predigen in den Moscheen, und die Regelung des islamischen Religionsunterrichtes an den Schulen, auch dies auf deutsch. Die deutsche Sprache ist nun mal das wichtigste Mittel der Integration, das wichtigste Mittel der Gleichberechtigung. Und wenn in den Moscheen, in den islamischen Gemeinschaften, in den Moscheegemeinden deutsch gesprochen wird, dann würde das auch Misstrauen der Nachbarn abbauen, denn dann könnten Sie das verstehen, was da passiert. Jetzt ist ja ein Teil des Missverstehens, des Misstrauens, der Vorurteile dadurch verursacht, dass man so wenig von dem anderen weiß, dass die deutschen Nachbarn so wenig wissen, was passiert denn da in der Moschee bei den islamischen Nachbarn. Dieses Misstrauen muss man abbauen.

Ostermann: Sie haben eben darauf hingewiesen, es gibt eben den Dialog mit den beiden großen christlichen Kirchen, weil es Einrichtungen gibt wie die evangelische Kirche in Deutschland oder auch die katholische Bischofskonferenz. Ist es der anderen Seite zuzumuten, eine zentrale Anlaufstelle auf islamischer Seite zu installieren oder zu haben.

Thierse: Wie immer die aussieht, darüber muss man reden. Aber ich habe das gerade gemeint. Wir brauchen ein vertragsfähiges Gegenüber des Staates auf islamischer Seite. Wie das sein wird, ob das ein Islamrat, vergleichbar dem Zentralrat der Juden in Deutschland, eine Gemeinschaft der Vereine muslimischen Glaubens, darüber muss man reden. Aber es wird nicht anders gehen. In Frankreich und in Österreich ist es auf andere Weise mehr oder minder gut gelungen. Nun wird man den französischen Weg vielleicht nicht nachvollziehen können, weil das dort von oben, gewissermaßen per Dekret passiert ist. Aber das muss Gegenstand des Gespräches sein. Da erwünsche ich mir, dass die Vertreter der islamischen Welt in Deutschland selber Vorschläge machen, wie sie sozusagen sich besser als bisher organisieren, damit sie sichtbarer werden, erkennbarer werden und eben auch vertragsfähiger werden.

Ostermann: Wolfgang Thierse, der stellvertretende Präsident des Deutschen Bundestages. Vielen dank für das Gespräch in Deutschlandradio Kultur.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Schäuble lobt interkulturellen Dialog

Interview

Hofer provoziert Van der BellenDie Kunst der Lüge
Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen vor dem TV-Duell. (AP / Ronald Zak)

Radikalisierung und Verrohung der Sprache - so analysiert der Kulturwissenschaftler und Ökonom Walter Ötsch den Wahlkampf um das Bundespräsidentenamt in Österreich. FPÖ-Kandidat Norbert Hofer habe mit seiner "Crash-Rhetorik" und absurden Vorwürfen dazu beigetragen. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur