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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 26.05.2009

Missionare der Atomkraft

Vor 50 Jahren wurde das "Deutsche Atomforum" zur friedlichen Nutzung der Kernenergie gegründet

Von Frank Grotelüschen

Ein Castor-Transport mit Brennelementen verlässt das Atomkraftwerk Gundremmingen. Das "Deutsche Atomforum" hofft auf einen "Ausstieg aus dem Ausstieg", befürwortet einen langfristigen Erhalt der Atomenergie in Deutschland.  (AP Archiv)
Ein Castor-Transport mit Brennelementen verlässt das Atomkraftwerk Gundremmingen. Das "Deutsche Atomforum" hofft auf einen "Ausstieg aus dem Ausstieg", befürwortet einen langfristigen Erhalt der Atomenergie in Deutschland. (AP Archiv)

Als in den 60er-Jahren in der Bundesrepublik die ersten Kernkraftwerke gebaut wurden, hatte eine Organisation daran einen nicht unerheblichen Anteil – das Deutsche Atomforum. Dahinter verbirgt sich der Interessenverband der Nuklearindustrie und der Energieversorger. Vor 50 Jahren wurde das Atomforum gegründet.

Gorleben, 8. November 2008. Tausende Atomkraftgegner sind gekommen, um gegen einen Castor-Transport zu demonstrieren. Das zeigt: In Deutschland ist die Kernkraft höchst umstritten, sie polarisiert. Das hatte man sich in der 50er-Jahren ganz anders vorgestellt. Damals galt die friedliche Nutzung der Kernenergie als zukunftsweisend und zukunftssichernd.

"Eine Nation, die auf dem Gebiet der Atomwissenschaft und Atomwirtschaft nicht Gleichstand und Konkurrenzfähigkeit mit den übrigen Völkern aufweisen kann, wird allmählich einem Prozess der Deklassierung unterliegen!"

Das sagte einst Franz-Josef Strauß, 1955 bis 1956 Bundesminister für Atomfragen.

Deutschland wollte beim Einstieg in die Kernenergie unbedingt dabei sein. Nur: Länder wie Großbritannien, Frankreich und vor allem die USA hatten kriegsbedingt einen technologischen Vorsprung.

"Man hatte große Sorge, den Anschluss zu verpassen"

, sagt Walter Hohlefelder, Präsident des Deutschen Atomforums.

"Deswegen haben sich damals Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammengefunden, um das Deutsche Atomforum zur Förderung der Kernenergie in Deutschland zu gründen."

Am 26. Mai 1959 wurde die Gründungsurkunde unterschrieben – mit dem erklärten Ziel, Kernkraftwerke in Deutschland zu bauen und vor allem auch eine eigene Atomindustrie auf die Beine zu stellen.

"Es wurde großer Wert darauf gelegt, so schnell wie möglich über Forschungsreaktoren zu kommerziellen Reaktoren zu kommen."

Das Atomforum fungierte vor allem als Interessenverband der Atomindustrie. In der Öffentlichkeit warb man offensiv für die Kernkraft. Hinter den Kulissen ging es um konkrete Einflussnahme auf die Politik.

Das Atomforum hatte Erfolg: Im Juni 1961 ging in Kahl unweit von Aschaffenburg das erste Kernkraftwerk der Bundesrepublik ans Netz. Mit 15 Megawatt nur eine kleine Anlage, der Reaktorkern kam aus den USA. Bald aber folgten Meiler aus deutscher Produktion. Mit rund 1300 Megawatt zählen sie bis heute zu den größten Reaktoren der Welt.

In den 70er- und 80er-Jahren kippte die Stimmung, denn mehr und mehr Menschen fürchteten sich vor den Folgen eines Reaktorunfalls und vor langlebigem Atommüll – und demonstrierten gegen neue Meiler, Endlager und Wiederaufarbeitungsanlagen. Für diese Kritiker zählt das Deutsche Atomforum bis heute zu den Hauptgegnern.

"Das Atomforum ist eine Propagandamaschine für die Atomindustrie und scheut sich auch nicht, Halbwahrheiten zu veröffentlichen"

, sagt Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace.

"Wenn man wirklich Informationen haben will, die ein bisschen spezieller sind, dann wird sofort geblockt. Es gibt ganz lapidare Auskünfte. Aber wenn's substanziell wird, erfährt man eigentlich nichts."

Dann, am 26. April 1986, geschah der nukleare Großunfall.
"Guten Abend, meine Damen und Herren. In dem sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem gefürchteten Gau gekommen, dem Größten Anzunehmenden Unfall."

Das Deutsche Atomforum bemühte sich schon wenige Tage nach dem Gau, die Öffentlichkeit zu beruhigen.

"Zunächst mal muss man sagen, dass es in der Bundesrepublik keinen Reaktor diesen Typs gibt und von daher ein solcher Störfall-Ablauf bei uns schlicht und einfach ausgeschlossen ist."

Dennoch: Tschernobyl sollte in Deutschland den Ausstieg aus der Kernkraft einläuten. Zähneknirschend willigten die Mitglieder des Atomforums, also vor allem Nuklearindustrie und Energieversorger, im Jahr 2000 in den Atomkonsens ein.

Heute blickt Atomforum-Präsident Walter Hohlefelder wieder nach vorn. Staaten wie Finnland und Frankreich bauen derzeit an neuen Reaktoren. Und in Deutschland spricht mancher vom Ausstieg aus dem Ausstieg.

"Es gibt eine Aufbruchstimmung. Die Dinge haben sich seit dem Atomausstieg des Jahres 2000 verändert. Das Thema Klimawandel steht absolut im Vordergrund. Kernenergie ist CO2-frei, und deswegen kann man auf Kernenergie nicht verzichten. Das hat sich weltweit durchgesetzt. Nur in Deutschland spielen wir in dieser Frage noch eine Sonderrolle."

Eine Laufzeitverlängerung bei Kernkraftwerken von bisher höchstens 35 Jahren auf 50, vielleicht sogar 60 Jahre, so die Position des Atomforums. Von neuen Meilern ist dagegen noch nicht die Rede – zumindest offiziell.

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