Seit 08:00 Uhr Nachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 08:00 Uhr Nachrichten
 
 

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 28.03.2014

MigrationDie Franzosen kommen!

Immer mehr Juden aus Frankreich ziehen nach Israel

Von Lissy Kaufmann

Anschlag in Frankreich - tödliche Schüsse auf jüdische Kinder (picture alliance / dpa / Xavier De Fenoyl)
Deswegen zieht es viele Menschen nach Israel: Anschlag in Frankreich - Schüsse auf jüdische Kinder (picture alliance / dpa / Xavier De Fenoyl)

2013 war ein Rekordjahr, mehr als 3000 Franzosen haben "Aliyah gemacht" - sie sind ins Gelobte Land ausgewandert. Die Wirtschaftskrise und der Antisemitismus treiben die Menschen aus dem Land. Israel lockt als Start-up Nation. Mittlerweile sind sogar französische Zentren in Israel entstanden.

An einem sonnigen Tag wie heute locken die zahlreichen Straßencafés in die Innenstadt von Netanya. Am Kikar Ha’atsmaut stehen ein paar Menschen im Imbiss "Chez Claude" für Falafel und Schawarma an. Schräg gegenüber zieht der süße Geruch von Crêpes aus dem Palais Gourmand. Und ein paar Schritte weiter lockt das Scoop Café mit dem Aushang "Poisson frais du jour" – also frischer Fisch des Tages. Das Leben hier in der Fußgängerzone Netanyas könnte französischer kaum sein.

Rachel Assouline besucht gerade eine Freundin, die in der Patisserie "La Brioche" arbeitet. Sie ist hier mehr als 3000 Kilometer fern ihrer Heimat Aubervilliers nahe Paris. Und doch fühlt sich die 20-Jährige hier fast wie zu Hause.

"Man kann Netanya wirklich als die Stadt beschreiben, die Paris am meisten ähnelt. In allen Restaurants hier sitzen fast nur Franzosen, überall gibt es französische Kellner. Ich habe bereits in Ashdod gelebt, in Jerusalem und Rishon Le Tsyon. Sechs Jahre bin ich jetzt schon in Israel. Aber es gibt keinen besseren Ort als Netanya."

Frankreich hat USA überholt

Doch es ist nicht nur der Ort Netanya, der Franzosen anzieht. Ganz Israel ist für Familien, Studenten und Rentner zur neuen Heimat geworden. Im vergangenen Jahr haben 3100 Franzosen Aliyah gemacht – 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit hat Frankreich sogar die USA eingeholt. Und so trifft Rachel Assouline nicht selten wieder auf alte Bekannte:

"Ich habe Aliyah gemacht und die Hälfte meiner Freunde aus der Schulzeit und aus dem Kindergarten wiedergetroffen. Sie sind mittlerweile alle hier."

Selbst Medien haben diesen Trend erkannt. Einige produzieren mittlerweile französische Ausgaben, wie beispielsweise das Online Magazin The Times of Israel. Die Gründe, warum immer mehr Franzosen nach Israel einwandern, sind vielfältig.  Shay Felber von der Jewish Agency spricht von sogenannten Push-und-Pull Faktoren.

"Die wirtschaftliche Situation in Frankreich ist schwierig, vor allem junge Menschen suchen Arbeit. Sie überlegen, auszuwandern, um ihre Jobchance zu erhöhen. Natürlich ist Israel als lebendiges und erfolgreiches Land da eine gute Option. Außerdem hat Frankreich Probleme mit dem Antisemitismus, einige haben Angst. Das kommt nicht vom Staat, im Gegenteil, der kooperiert sogar mit uns, um Antisemitismus vorzubeugen. Aber nicht alle Angriffe auf Juden können verhindert werden. Der dritte Grund ist, dass die jüdische Gemeinde in Frankreich sehr zionistisch ist. Wenn die Zeit gekommen ist, Frankreich zu verlassen, steht Israel ganz oben auf ihrem Plan."

Auch wenn Antisemitismus nur einer von vielen Gründen für die Auswanderung ist: In Frankreich ist er ein großes Problem. Er wird sogar öffentlich gelebt. So macht der französische Komiker Dieudonné immer wieder mit judenfeindlichen Witzen Schlagzeilen.  Die Zahl antisemitischer Übergriffe steigt. Der Nahostkonflikt spielt hierbei eine große Rolle, nicht zuletzt aufgrund der fünf Millionen Muslime, die in Frankreich leben. Avi Zana von der französischen Einwanderungsorganisation AMI kennt das Problem nur zu gut:

"Ich habe heute zufällig das Büro der Gemeinde in Paris angerufen und den Anrufbeantworter erreicht. Die erste Frage war: ‚Wenn sie einen antisemitischen Akt mitteilen möchten, drücken sie die 1.‘ Nicht: ‚Hallo, wie geht es Ihnen? Suchen Sie Informationen über die Gemeinde… .‘ Nein, die erste Frage war, ob man einen antisemitischen Akt mitteilen möchte. Weil das eben dringend ist, man kann das sofort an die Gemeinde weitergeben. Der Antisemitismus ist präsent, die Menschen leben damit wie mit einer Krankheit, man hat sich daran gewöhnt."

Immer mehr Nachahmer

Die jüdische Gemeinde in Frankreich ist mit rund 500 000 Mitgliedern die größte in ganz Europa.  Dennoch ist sich Avi Zana sicher, dass sich der Trend, das Land zu verlassen, auf das jüdische Gemeindeleben auswirkt. Denn die Auswanderer finden immer mehr Nachahmer, die ihr Glück ebenfalls in Israel versuchen wollen.

"Die Verantwortlichen haben gemerkt, dass die Gemeinde sich in einer Krise befindet und eine große Anzahl von Juden das Land verlässt. Und das hat auch Auswirkungen auf das Herz der Gemeinde. Wenn in einer jüdischen Schule 20 Schüler sind und drei davon nach Israel gehen und zwei nach Amerika – das ist schon viel. Wenn in einer Synagoge 25 Menschen sind, und davon zwei, drei nach Israel gehen und zwei, drei woandershin, dann sieht man das, man spürt das. Das schwächt die Gemeinde ein wenig. Auf der anderen Seite erzeugt es eine Dynamik. Denn wenn der und der und der geht, fragen sich der, der bleibt: ‚Warum gehe ich nicht auch?‘."

In einem Café in Jerusalems Stadtzentrum sitzt Charlotte Abisdid.  Die 25-Jährige kommt aus Marseille und kennt die Probleme in ihrer Heimat. Und dennoch war es nicht der Antisemitismus, der sie vor zwei Jahren nach Israel trieb, sondern vielmehr ein gutes Vorbild. 

"Ich bin hauptsächlich deswegen nach Israel gekommen, weil ich sehr zionistisch bin. Meine Schwester hat den ersten Schritt gemacht und kam vor einigen Jahren. Als ich dann meinen Abschluss gemacht hatte, habe ich mit entschieden, mein Studium in Israel fortzusetzen."

Gleichermaßen französisch und israelisch

Charlotte hat zunächst ihren Master in Friedens- und Konfliktforschung in Herzliya absolviert. Nun ist sie auf der Suche nach einem Job in der Knesset.  Im vergangenen Jahr hat sie sich bei den Kommunalwahlen bereits als Kandidatin in Ashdod aufstellen lassen, ist dann aber nicht gewählt worden. Charlotte hat sich in Israel integriert und fühlt sich gleichermaßen französisch und israelisch: 

"Ich habe schließlich den Großteil meines Lebens in Frankreich verbracht. Das ist meine Kultur, dort bin ich aufgewachsen, dort wurde ich ausgebildet. Das kann man nicht von heute auf morgen vergessen und ich werde es auch nie vergessen. Und ich fühle mich als Israelin, weil ich jetzt hier lebe, weil ich integriert bin und weil ich es liebe, hier zu sein. Ich habe meine Freunde, ich liebe mein Leben hier. Ich fühle mich wohl, wenn ich nach Frankreich gehe, und ich fühle mich wohl, wenn ich hier in Israel bin."

Die israelische Regierung rechnet in den kommenden Jahren mit mehr und mehr Einwanderern aus Frankreich. In Zukunft sollen daher Abschlüsse leichter anerkannt werden, Schulkinder sollen in speziellen Programmen Hebräisch lernen können. Mehrere Millionen Schekel will die Regierung dafür investieren. Damit sich die neuen Einwanderer aus Frankreich so schnell wie möglich in ihrer neuen Heimat Israel zurechtfinden können.

Mehr zum Thema:
21.02.2014 | AUS DER JÜDISCHEN WELT
Junges Judentum - "Man muss dagegen kämpfen"
Diskussionen über Antisemitismus auf dem Jugendkongress 2014
08.02.2014 | RELIGIONEN
Judentum - Religion, Kultur oder Abstammung?
Wie die Frage nach der jüdischen Identität die Juden spaltet
17.01.2014 | AUS DER JÜDISCHEN WELT
Frankreich - "Ich bin nur ein armer Neger"
Dieudonné M’Bala M’Bala - Brandstifter oder Märtyrer?

Aus der jüdischen Welt

VenedigDas erste Ghetto der Welt
Was wie ein einfacher Bretterverschlag wirkt ist die fast 500 Jahre alte Synagoge Scola Canton. (picture-alliance/ dpa / Ron Sachs)

"Ghetto", das steht für Ausgrenzung, Unterdrückung und Gewalt – doch das Ghetto Nuovo in Venedig garantierte Juden auch Schutz vor Pogromen und Inquisition. Nun wurde das erste abgeschlossene Judenviertel im modernen Europa 500 Jahre alt.Mehr

PhilosemitismusEiner zweifelhaften Zuneigung auf der Spur
Der in München lebende Jude Terry Swartzberg trug zwei Jahre öffentlich eine Kippa, um ein Buch über den Selbstversuch zu schreiben. In seiner grossen Kippa-Sammlung hat Swartzberg auch einige kuriose Exemplare, z.B. mit Brezn-Dekor, LA-Dodgers-Branding oder mit Fußballmuster. (imago / HRSchulz)

Philosemiten sind all jene, die Juden besonders unterstützen und verehren. Wir betrachten ein fragwürdiges Phänomen, das wenig erforscht ist. Und das zudem viele Juden nervt: Manche halten die Zuneigung gar für Feindschaft - nur mit anderen Vorzeichen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur