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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.02.2016

Michael Köhlmeier: "Das Mädchen mit dem Fingerhut"Über Liebe, Verwahrlosung und das Böse

Von Verena Auffermann

Michael Köhlmeier (picture alliance / dpa / Foto: Susannah V. Vergau)
Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier 2014 auf der Frankfurter Buchmesse. (picture alliance / dpa / Foto: Susannah V. Vergau)

Das Mädchen Yiza lebt auf der Straße, bis sie erkrankt und von einer Frau gepflegt wird. Die Fürsorge kippt jedoch in Besitzdenken. "Das Mädchen mit dem Fingerhut" von Michael Köhlmeier ist eine Parabel über die Schwierigkeit, das Gute zu wollen und es auch zu tun.

Michael Köhlmeier, der große Vorarlberger Erzähler, der sich in seinem letzten Roman "Zwei Herren am Strand" mit den Depressionen von Charlie Chaplin und Winston Churchill und ihren Biographien beschäftigte, überrascht mit einem bösen Märchen. Dieses Märchen, davon ist der Leser gleich überzeugt, birgt, wie alle guten Märchen, harte Wahrheiten: Es handelt vom Ausgeliefertsein in der Fremde und davon, wie Freundlichkeit in das Bösartige abdriftet. "Das Mädchen mit dem Fingerhut" – skizziert nach dem Modell von Andersens "Mädchen mit den Schwefelhölzern" – wird so unweigerlich zum Kommentar der so genannten Flüchtlingskrise.

Yiza ist sechs Jahre alt und wird von ihrem Onkel in einer namenlosen Stadt Mitteleuropas zum Betteln auf den Markt geschickt. Man gibt ihr zu essen, sie wärmt sich und sitzt stumm in der Ecke. Als der Fischhändler vorbeikommt und die Polizei rufen will, brüllt sie laut, das habe ihr der Onkel beigebracht. Eines Abends ist der Onkel unauffindbar, das Kind auf sich selbst gestellt. Es ernährt sich aus einem Müllcontainer und übernachtet auf den stinkenden Abfällen. Es wird aufgegriffen und in ein Heim gebracht. Die Erzieherin erklärt es zu ihrem Lieblingskind, alle erklären das Mädchen zu ihrem Liebling. Weil man der Erzieherin gesagt hatte, das Kind verstehe ihre Sprache nicht, fiel es der Frau "besonders leicht, Gutes zu sagen", so eine von Köhlmeiers subtilen Botschaften. Erzählt wird in kurzen adjektivarmen Sätzen, in einem sachlichen Ton.

Markt, Müllcontainer, Heim

Yiza lernt im Heim zwei Jungen kennen, Arian und Schamhan. Die drei fliehen gemeinsam. Die drei sehen nur den nächsten Tag, stehlen, wärmen sich gegenseitig und werden nach einem Einbruch gefasst. Arian und Yiza entkommen, Schamhan gerät auf dem Revier in eine Schlägerei. Die Fixpunkte der Flucht sind Markt, Müllcontainer, Heim, Polizeistation, Lastwagen, Plastikplane, U-Bahn, Supermarkt und stillgelegtes Gewächshaus.

Der ruhige Ton des Textes kippt, als Yiza erkrankt und von der Besitzerin des Gewächshauses entdeckt wird. Ihr gefällt das süße, fiebernde Kind. Sie will es für sich haben und hält es gefangen. Fürsorge kippt in Besitzdenken, Hilfsbereitschaft in Egozentrik.

Arian hat nur ein Ziel: das Mädchen aus den Händen der Frau zu befreien. Um sein Ziel zu erreichen begeht er eine schreckliche Tat. Als er Yiza fragt, ob sie Angst vor ihm habe, nickt sie; als sie einen Apfel isst, nimmt er ihr den Apfel ab. An Adam und Eva zu denken ist vielleicht nicht ganz falsch. Ob der Roman im Jenseits oder diesseits endet, kann jeder selbst entscheiden: Michael Köhlmeiers "Das Mädchen mit dem Fingerhut" ist ein Roman über Liebe, Verwahrlosung und das Böse. Es ist eine Parabel über die Schwierigkeit, das Gute zu wollen und es auch zu tun. Ein Text, den man nicht vergisst.

Michael Köhlmeier: "Das Mädchen mit dem Fingerhut"
Hanser Verlag, München, 2016
140 Seiten, 18,90 Euro

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