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Studio 9 | Beitrag vom 23.01.2017

Mexiko - USAEine Mauergeschichte

Von Anne-Katrin Mellmann

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Ein Zaun, der bis in den Pazifik hinreicht, trennt die Grenze zwischen Tijuana in Mexiko (l) und San Diego im US-Bundesstaat Kalifornien (picture-alliance / dpa / Jerzy Dabrowski)
Ein Zaun, der bis in den Pazifik hinreicht, trennt die Grenze zwischen Tijuana in Mexiko (l) und San Diego im US-Bundesstaat Kalifornien (picture-alliance / dpa / Jerzy Dabrowski)

Eine Wand aus Metall zerschneidet den Strand von Tijuana, der nördlichsten Grenzstadt Mexikos. Im sogenannten Friendship Park dürfen sich Menschen auf US-Seite dem Zaun nähern. Hier lernen Großmütter ihre Enkel kennen, treffen sich Paare, träumen Mexikaner von der Flucht.

Langsam, aber meterhoch und kraftvoll rollen die Wellen auf den Strand von Tijuana, der nördlichsten Grenzstadt Mexikos. Meer, Luft, Erde – viel haben Mexiko und die USA hier gemeinsam – auch die Menschen. 14 Millionen leben in der Grenzregion von Kalifornien und Niederkalifornien, Mexikaner seit jeher auf beiden Seiten.

Ich besuche diesen Ort, weil ich mit eigenen Augen die Wand aus Metall sehen will, die den Strand zerschneidet und rostig braun bis weit ins Meer hineinragt. Es ist ein kalter Januartag. Die Meeresbrise lässt mich frösteln, der Anblick der Mauer sendet ein flaues Gefühl in meine Magengegend. Außer mir ist an diesem Morgen noch ein junger Mann gekommen. Er misst und taxiert das monströse Bauwerk mit den Augen. Daniel, 35, Mexikaner, erzählt mir seine Geschichte.

14 Jahre lebte er ohne gültige Papiere in den USA, hat in Kalifornien, Hawaii und zuletzt Oregon gearbeitet. Dann kam der Anruf seiner Mutter aus dem mexikanischen Acapulco. Sie habe Krebs und nur noch kurze Zeit zu leben.

Kein Visum für arme Schlucker

Daniel kaufte sofort ein Flugticket. Raus aus den USA darf man immer – auch ohne Papiere. Zwei Monate begleitete er seine Mutter beim Sterben. Jetzt, wenige Tage nach ihrem Tod, sitzt er hier am Strand und plant die Flucht zurück in sein Leben in den USA. 14 Jahre nach seinem ersten illegalen Grenzübertritt bleibt ihm keine andere Möglichkeit. Ein Visum bekommen arme Schlucker wie er nicht.

"Dieses Land, die USA, hat mir viel gegeben. Viele gute Dinge und auch schlechte. Dank meines Lebens dort konnte ich meinen Eltern helfen und ihnen ein Leben ermöglichen, dass sie so in Mexiko nie gehabt hätten. Ich habe ihnen immer Geld geschickt. Nur deshalb sitze ich hier. Wenn ich diesen Zaun sehe, denke ich nur: Das ist ein Witz des Lebens. Wie lächerlich sind wir Menschen!"

Während wir sprechen, hält auf der anderen Seite ein Fahrzeug der Border Patrol an der Grenzanlage, die an dieser Stelle keine Wand sondern ein fast blickdichter Zaun ist. Der Bereich ist ein Zugeständnis an die unzähligen getrennten Familien. Er heißt Friendship Park. Nur am Wochenende von 10 bis 14 Uhr dürfen sich die Menschen auf US-Seite dem Zaun nähern. Großmütter lernen ihre Enkel kennen, Paare schmachten sich durch das Gitter an, berühren können sie sich nur mit der Spitze des kleinen Fingers.

Erweiterung der Grenzanlagen

Heute sind da nur die Grenzpatrouille und ein Mann in Zivil, der sich dem Zaun nähert. Spät erkenne ich, dass er ein Mikrophon in der Hand hält. Ich gehe zu ihm und wir stellen uns vor: John arbeitet für ein US-amerikanisches nichtkommerzielles Radio. Die Border Patrol gab ihm die Erlaubnis an den Zaun zu kommen. Wie auch ich recherchiert John anlässlich des Amtsantritts von Donald Trump über die Mauer. Er meint, Mexiko brauche sich keine Sorgen zu machen. Eine Mauer aus Beton werde Donald Trump nicht bauen, nur hier und da die bestehenden Grenzanlagen erweitern. Hoffentlich behält er Recht. Wir verabschieden uns mit einem Fingerspitzengruß, schieben zusammengerollte Visitenkarten durch das Gitter und lachen darüber.

Am nächsten Tag tue ich, wovon der Mexikaner Daniel nur träumen kann: Ich wechsele die Perspektive, gehe auf der anderen Seite in den Friendship Park. Mein deutscher Pass macht es möglich. Der Migrant ohne Papiere schickt mir Textnachrichten: Er hat sich Neoprenanzug und Flossen beschafft und wartet jetzt auf abnehmenden Mond und ruhigeres Meer: Dann will er das Monstrum umschwimmen.

Daniel nennt es eine Lächerlichkeit, aber er muss wegen dieser Grenzanlagen sein Leben in den gefährlichen Pazifikströmungen riskieren. Andere wandern durch die Wüste oder graben Tunnel. Keine Mauer wird das je verhindern, Mr. Trump. Sie wird nur mehr Menschen das Leben kosten.

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