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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 01.04.2009

Meister der Groteske

Vor 200 Jahren wurde der russische Schriftsteller Nikolai Gogol geboren

Von Ursula Keller

Gogols Hauptwerk: der Roman "Tote Seelen".  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Gogols Hauptwerk: der Roman "Tote Seelen". (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der Name Gogol steht für groteske und absurde, amüsante und traurige Geschichten wie "Die Nase" oder "Der Mantel". Bereits zu Lebzeiten war der Schriftsteller ein gefeierter Star der russischen Literatur und wurde von Alexander Puschkin gefördert. Heute vor 200 Jahren wurde Nikolai Gogol in der Nähe von Poltawa in der Ukraine geboren.

Der Schreck, der dem gelehrten Kollegienassessor Kowaliow in die Glieder fährt, als er eines Morgens seines Gesichts ohne die vertraute Nase ansichtig wird, ist groß. Sofort begibt er sich auf die Suche nach ihr, um kurz darauf entsetzt festzustellen, dass seine Nase im Rang eines Wirklichen Staatsrats durch Sankt Petersburg spaziert.

"Ein unglaublicher Unsinn tut sich auf der Welt. Manches hat nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich (…). Was man da auch reden mag, aber derlei Dinge kommen in der Welt vor - selten, überaus selten - aber sie kommen vor."

Als Nikolai Gogols groteske Erzählung "Die Nase" im September 1836 erscheint, ist der junge Autor bereits ein gefeierter Star der russischen Literatur. Am 1. April 1809 in der ukrainischen Provinz geboren, begeistert der Schriftsteller das Publikum mit seinen "komischen und amüsanten, traurigen und schaurigen" Geschichten mit volkstümlicher Thematik und den fantastischen "Petersburger Erzählungen" mit ihrer surrealen Ansammlung von wunderlichen Eigenbrötlern. Der große Alexander Puschkin wird Gogols Förderer und schenkt ihm freigiebig Themen, wie jenes zur Verwechslungskomödie "Der Revisor", die die Missstände des Bürokratieapparates in der russischen Provinz aufdecken soll.

"Es kommt ein Revisor zu uns.
                             Ein Revisor?
                                   Ein Revisor?
                             Wieso ein Revisor?
Ein Revisor aus Petersburg. Inkognito. Und noch obendrein mit geheimen Instruktionen."


Zar Nikolai I. höchstselbst zeigt sich bei der Uraufführung über alle Maßen amüsiert, und so wird das Stück - trotz seiner für das autoritäre Regime des Russischen Reiches recht heiklen Thematik - ein großer Erfolg. Der Autor selbst aber ist unzufrieden.

"'Der Revisor' ist aufgeführt - und mir ist's in der Seele so trüb, so seltsam. Mein eigenes Werk kam mir widerlich, wildfremd vor (…). Um die Begeisterung des Publikums kümmerte ich mich nicht. Von all den im Theater anwesenden Richtern fürchtete ich nur einen - mich selbst."

In den folgenden Jahren taumelt Gogol von einer Krise in die nächste, wird heimgesucht von Depressionen und körperlichem Unbehagen. Er reist rastlos, kehrt nur für kurze Aufenthalte nach Russland zurück. Rom wird ihm "Heimat der Seele" - und doch bleibt der lebenslange Junggeselle ewig unbehaust.

Gleichwohl findet er immer wieder zurück zu schriftstellerischer Inspiration und arbeitet dann wie im Eilschritt an seinem Hauptwerk "Tote Seelen". Wie Chlestakow, der vermeintliche Revisor, schlägt Pawel Iwanowitsch Tschitschikow sein Kapital aus der verkrusteten Bürokratie des zaristischen Reiches. Er kauft tote Seelen, das heißt verstorbene Leibeigene, für die die Gutsbesitzer bis zur nächsten Revision Steuern zu entrichten haben, um diese zu beleihen und so zu Reichtum zu gelangen.

Nach der Veröffentlichung bricht in Russland ein wahres Gogol-Fieber aus. Der Autor indes sieht sich zu noch Höherem berufen. Als sein Band mit dem Titel "Ausgewählte Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden" erscheint, sind die Zeitgenossen entsetzt. Der Kritiker Wissarion Belinski schreibt Gogol empört:

"Wie ist es möglich, dass Sie, der Autor des 'Revisor' und der 'Toten Seelen', dass Sie aufrichtig, aus der Seele heraus, einen Hymnus auf die widerliche russische Geistlichkeit anstimmen?"

"Ich bin Schriftsteller, und Pflicht des Schriftstellers ist nicht allein, dem Verstand und dem Geschmack zu angenehmer Beschäftigung zu verhelfen; streng wird er zur Rechenschaft gezogen werden, wenn von seinen Werken nicht irgendein Nutzen für die Seele ausgeht und er den Menschen nichts zur Belehrung hinterlässt."

In seinem letzten Lebensjahrzehnt arbeitet Gogol an der Fortsetzung der "Toten Seelen", in der der kleine Gauner Tschitschikow durch einen wundersamen Läuterungsprozess zum idealen Menschen werden sollte. Der hehre Plan misslingt. Unter dem Einfluss seines fanatisch-fundamentalistischen Beichtvaters Matwej, der ihn überzeugte, die Literatur sei sündig und verwerflich, verbrennt Nikolai Gogol, von seinen inneren Widersprüchen zerrissen, in der Nacht vom 11. zum 12. Februar 1852 den zweiten Teil des Romans. Dann verweigert er, der sein Leben lang gutes Essen liebte, die Nahrungsaufnahme und stirbt zehn Tage später.

Buchtipp:

Nikolai Gogol: Tote Seelen
Neuübersetzung von Vera Bischitzky
Mit Illustrationen von Marc Chagall
Artemis und Winkler, 524 Seiten, 89,00 Euro

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