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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 08.06.2012

Mehr Juden ins Kino

Das Jewish Film Festival Berlin 2012

Von Igal Avidan

Tom Spiess, Filfmfestival Direktorin Nicola Galliner und Sönke Wortmann (r) (picture alliance / dpa / Nestor Bachmann)
Tom Spiess, Filfmfestival Direktorin Nicola Galliner und Sönke Wortmann (r) (picture alliance / dpa / Nestor Bachmann)

Das Jüdische Filmfestival Berlin & Potsdam zeigt Filme zu Themen des jüdischen Lebens. Zur Eröffnung feierte der Film "Max Raabe in Israel" Premiere. Zu seiner 18. Ausgabe wirbt das Festival mit dem Slogan "Mehr Juden ins Kino" - provokant in gelben Lettern auf schwarzem Grund gedruckt.

Das Jewish Filmfestival Berlin (JFFB), das größte und älteste in Deutschland, ist in diesem, seinem 18. Jahr volljährig geworden. In der jüdischen Zahlenmystik hat die Zahl 18 eine spirituelle Bedeutung und steht für das Leben.

Damit dieses Festival ein stabiles Leben führen kann und nicht immer wieder um seine Existenz bangen muss, startete die Gründerin und Direktorin des Festivals Nicola Galliner eine Diskussion über dessen Zukunft.

Denn Galliner stellt immer wieder fest, dass sogar manche Förderer irrtümlich glauben, sie leite ein israelisches Filmfestival oder eines zum Thema Holocaust. Dabei ist das JFFB ein deutsches Filmfestival, das sich auf jüdische Themen spezialisiert - die Regisseure oder Darsteller der jeweiligen Produktionen müssen nicht jüdisch sein. Das Jewish Film Festival Berlin hat sich zur Aufgabe gemacht, jüdische Filme in Deutschland bekannt zu machen, sagt Nicola Galliner:

"Diese Filme, die wir bringen, möchten wir nicht, dass sie hier nur einmal gezeigt werden. Wir möchten, dass sie ins Fernsehen kommen, wir möchten, dass sie ein Verleih hier finden, wir möchten, dass sie in andere Städte gehen und das ist uns mit mehreren Filmen auch hervorragend gelungen."

Diese Aufgabe transportiert das Festival nun durch eintausend Plakate, die überall in Berlin aushängen. Auf einer schwarzen Wand fordert die gelbe Aufschrift "Mehr Juden ins Kino". Hinter dieser Kampagne steht der eigenwillige Kreativdirektor und Fotograf Daniel Josefsohn, der für seinen schrägen jüdischen Humor und selbstbewussten Auftritt bekannt ist:

"Ich wollte so eine Plakatkampagne haben ..., wie haben sich die Juden damals gefühlt als sie dauernd 'Kauf nicht bei Juden‘ gesehen haben ... Wie fühlt man sich, wenn überall 'Jude‘ darauf steht? ... Aber bei mir steht 'Mehr Juden ins Kino‘, weil es ein Plakat für das Jüdische Filmfest wird ...

Diese Handschrift und dieses brutal an die Wand geschrieben ..., was früher auch in Deutschland einfach war. Und dann dachte ich, wie sieht das aus, wenn es in ganz Berlin plakatiert ist."

Und zwar an eintausend Stellen. Der einst zum Schimpfwort degradierte Begriff "Jude" soll wieder seinen würdigen Platz finden und zugleich an die deutsche Vergangenheit erinnern.

Die Schatten der Shoah in der glühenden israelischer Sonne findet man im Eröffnungsfilm "Max Raabe in Israel". Der deutsche Sänger, dem eine israelische Zeitung "das Aussehen des Nazioffiziers im Theaterstück 'Ghetto'" attestierte, wagte es, in Israel mit deutschen Schlagern aufzutreten.

Eine andere Zeitung war überrascht, dass Raabe und seine Musiker überhaupt Humor und Selbstironie haben. Ältere jüdische Zuhörer wiederum konnten stolz sein auf eine deutsche Kultur, eigentlich eine deutsch-jüdische, denn fast alle Texter oder Komponisten, mit deren Werken Max Raabe auftritt, waren deutsche Juden.

Aufgrund der finanziellen Engpässe musste das Festival auf Untertitel für die Filme verzichten, auf einen Katalog und auch auf manche Gäste. Nur so konnte das Festival 25 lange und fünf Kurzfilme ins Programm holen, darunter Glanzstücke wie "Footnote" des Israelis Joseph Cedar, der in diesem Jahr für den Oscar nominiert wurde.

Die komplexen, intensiven Beziehungen zwischen einem Vater und seinem Sohn, beide Talmudforscher, haben eine solche biblische Wucht, dass man nur wünschen kann, dass der Film einen deutschen Verleiher findet. Ein Film, der auf jeden Fall ab dem 14. Juni in 25 deutschen Städten zu sehen sein wird, ist der faszinierende Dokumentarfilm "Die Wohnung" des Israelis Arnon Goldfinger.

Nach dem Tod seiner Großmutter Gerda löst die Familie ihre Wohnung in Tel-Aviv auf. 70 Jahre lang lebten die Tuchler auf dieser Insel deutscher Bürgerlichkeit der Weimarer Republik im jüdischen Staat. Kein Wunder, dass die Wohnungsauflösung einer Zeitreise glich. Man fand: eine Schaar eleganter Lederhandtaschen, Dutzende von Handschuhen, mehrere Paare Lackschuhe und viele bunte Seidentücher, volle Bücherregale mit den Werken von Shakespeare, Nietzsche und Balzac und sogar die "Nachbiblische Geschichte des Jüdischen Volkes".

Wochenlang stöbert Goldfingers Mutter in der Wohnung ihrer Kindheit. In einer Szene blättert sie in alten Zeitungen. Gleich nach dem "Gemeindeblatt" der Berliner Jüdischen Gemeinde macht sie eine wahre Entdeckung, die Zeitung "Der Angriff" vom 1. Oktober 1934:

Filmausschnitt "Die Wohnung": "'Ein Nazi fährt nach Palästina‘ lautet die Schlagzeile. Im Text darin ist auch eine Landkarte. Schau mal, ein Hakenkreuz und ein Davidstern. Was ist das? Keine Ahnung."

Wie kommt Nazipropaganda zu Großvater und Großmutter in den Schrank? Alle Zeitungen berichteten von dem Nazi, der nach Palästina reiste. Es gibt sogar eine Karikatur von ihm, wie er vom Schiff aus auf die Judenwichte auf der Küste schaut."

Eine ungewöhnliche Reise beginnt, auf der Regisseur Arnon Goldfinger erstaunliche Entdeckungen über seine eigene Familie macht, unter anderem über die Freundschaft zwischen seinen Großeltern und einem SS-Offizier, einem Abteilungsleiter im Goebbels‘ Propagandaministerium und seiner Frau.

Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass diese Freundschaft zwischen den beiden Paaren nach dem Holocaust fortgesetzt wurde. Solche Filme werden sicherlich mehr Juden, aber auch Nichtjuden, ins Kino locken.

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