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Mehr Fleiß als Begabung

Daniel Coyle: "Die Talentlüge - Warum wir (fast) alles erreichen können", Verlag Ehrenwirth, Bergisch-Gladbach 2009, 252 Seiten

Wer öfter am Ball ist, spielt besser Fußball, meint Coyle.
Wer öfter am Ball ist, spielt besser Fußball, meint Coyle. (Stock.XCHNG / Catalina Villamil)

Könnerschaft hängt mehr vom Training als vom angeborenen Talent ab – das wird fast jeder, der etwas Besonderes kann, unterschreiben. Insofern rennt der amerikanische Journalist Daniel Coyle mit "Die Talentlüge" offene Türen ein.

Seine Formel zur Erklärung von Leistung überhaupt lautet: "[Jede] Fähigkeit ist eine Myelinschicht, die sich um eine Nervenzelle legt und auf bestimmte Signale hin wächst." Tatsächlich ist Myelin die Biomembran, die Neuronen umhüllt und den Fluss elektrischer Reize beschleunigt. Laut Coyle nun lässt sich die Myelinschicht durch "aktives Lernen" stetig vergrößern. Deshalb interessiert er sich für die Ausbildung brasilianischer Fußballer, russischer Tennisdamen und florentinischer Kunstheroen. Zum Lernen addiert Coyle die unverzichtbare "Initialzündung" und den "Meistertrainer" – und schon werden Superleistungen in jeder Disziplin verständlich. Der Unterhaltungswert des Buches ist hoch, die Erkenntnisquote mittelmäßig, die Relevanz niedrig. Kurz: sommerleichte Ferienlektüre.

Daniel Coyles Buch heißt auf Amerikanisch "The Talent Code". Die Aggressivität des deutschen Titels ist (mal wieder) fehl am Platz, der stereotype, vulgär-optimistische Untertitel ärgerlich. Tatsächlich kümmert sich Coyle nicht um die Denunzierung irgendwelcher Genie-Theorien, sondern versucht sich an einem Geschicklichkeits-Konzept auf neurobiologischer Basis. Ob das Myelin (dessen Verminderung übrigens zum Krankheitsbild Multiple Sklerose führt) tatsächlich der wunderbare Fähigkeitsbeschleuniger ist, sei dahin gestellt. Coyles Beweisführung fällt dünn aus, wenn auch bemerkenswert bleibt, dass eine dick in Myelin gepackte Nervenzelle Signale bis zu 100 mal schneller transportiert als eine unisolierte Zelle.

Wichtiger ist, dass Coyle Leistungsfähigkeit auf einsichtige Lernprozesse zurückführt, in denen Feedback-Mechanismen wirken. Die Fußballübermacht Brasiliens wird mit der Verbreitung des Futsals erklärt, einer Trainings- und Spielform, in der jeder Spieler viel häufiger ans technisch anspruchsvolle Spielgerät kommt als beim europäischen Training – und entsprechend Reaktionsschnelligkeit einübt. Auch ein Mozart, oft als vom Himmel gefallenes Genie verherrlicht, hatte als Sechsjähriger laut Coyles Gewährsmann Michael Howe bereits 3500 Unterrichtsstunden beim Vater absolviert. "Zerlegen und Ordnen", "Wiederholen", "Fühlen": Das sind Coyles goldene Regeln für aktives Lernen. Er betont die Bedeutung von "Energie, Leidenschaft und Einsatz". Worauf auch schon andere gekommen sind.

Je mehr man über Initialzündungen und "Talentflüsterer", über die erstaunlichen Brontë-Schwestern, Michelangelo und Roger Federer, schlaue Bankräuber, pfiffige Musiklehrer und wurfgewaltige Quarterbacks liest, desto klarer wird: Coyles Basis ist eher gehobenes Alltagswissen als wissenschaftliche Erkenntnis. Er ist ein netter Reporter, der für sein Werk 50.000 Meilen durch die Welt geflogen sein will. Seine Beobachtungen und Recherchen sind interessanter als die hochspekulative Maximalthese: "Wir sind Myelinwesen." Man liest das Buch auf der Couch mit mehr Genuss als am Schreibtisch – fühlt sich danach aber motiviert, aufzustehen und etwas für seine Myelinschicht zu tun.

Besprochen von Arno Orzessek

Daniel Coyle: Die Talentlüge. Warum wir (fast) alles erreichen können
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Neubauer
Verlag Ehrenwirth in der Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009
broschiert; 252 Seiten; 19,95 Euro

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