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Medienkompetenz sehr gut, deutsche Sprache mangelhaft

Studie fördert bestürzende Lücken bei Studienanfängern zutage

Wolf: Viele Studienanfänger sind nicht in der Lage, den roten Faden eines Textes zu erkennen.
Wolf: Viele Studienanfänger sind nicht in der Lage, den roten Faden eines Textes zu erkennen. (Stock.XCHNG / Irum Shahid)

Deutsche Studienanfänger weisen massive Lücken in Rechtschreibung und Grammatik auf und zeigen zudem eine mangelnde Lesekompetenz. Zu diesem Schluss kommt eine bislang unveröffentlichte Studie unter den Philosophischen Fakultäten an deutschen Universitäten.

Ulrike Timm: Irgendwie passt das nicht zusammen. Die Zahl der Abiturienten ist erneut gestiegen, titelte gerade stolz ein Hamburger Lokalblatt, und nahezu jeder vierte Abiturient habe einen Einserschnitt im Abitur. So oder so ähnlich ist es fast überall. Bestens vorbereitet fürs Studium, die jungen Leute. Könnte man meinen, und dann hört man von Uni-Abbruchquoten von bis zu 50 Prozent in Mathematik und Naturwissenschaften. Bei den Geisteswissenschaften sind diese Quoten nicht so hoch, dafür bestürzt die Unis, mit welchen sprachlichen und welchen Lesefähigkeiten oder vielmehr -unfähigkeiten die Studenten dann bei ihnen landen. Eine Umfrage an den philosophischen Fakultäten förderte Deprimierendes zutage. Wir sprechen darüber mit Gerhard Wolf, Professor für Ältere Deutsche Philologie an der Universität in Bayreuth. Schönen guten Tag!

Gerhard Wolf: Guten Morgen!

Timm: Herr Wolf, was genau haben Sie denn herausgefunden?

Wolf: Also, wir hatten bei unserer Umfrage zunächst einmal angezielt, dass wir uns mit den Kolleginnen und Kollegen an den 135 Fakultäten, die wir ja repräsentieren, über die Frage unterhalten, wie kann es sein, dass wir an sich so viele gute Noten im Abitur auf der einen Seite haben, auf der anderen Seite aber uns diese Qualitätsmängel bei den Studierenden förmlich ins Auge springen. Und der Sinn der Umfrage war zunächst mal, herauszubekommen, wie das überhaupt von den Kolleginnen und Kollegen empfunden wird. Das Ergebnis war ziemlich bestürzend, weil die Kritik also derartig heftig war, dass wir uns dann auch entschlossen haben, also dieses nicht alles zu veröffentlichen.

Timm: Aber was genau haben Sie nun herausgefunden?

Wolf: Es gibt vor allem Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung, der Orthographie, der Beherrschung von Grammatik und Syntax. Es ist insgesamt eine mangelnde Fähigkeit beobachtet worden, selbstständig zu formulieren, zusammenhängende Texte zu schreiben und vor allem auch eine mangelnde Fähigkeit bei der Lesekompetenz, also etwa bei Vorträgen mitzuschreiben.

Timm: Was heißt das genau? Ich meine, die können lesen, die können schreiben, wenn sie aus der Schule kommen. Sind sie nicht in der Lage, einen anspruchsvollen Text zu verstehen, zu analysieren? Was ist das genaue Problem?

Wolf: Also, das sollte man meinen. Also, natürlich können sie lesen. Aber es fällt ihnen sehr schwer, den roten Faden eines Textes zu begreifen. Und auch eine ähnliche Beobachtung haben wir aus den Vorlesungen erhalten, dass die Studierenden nicht in der Lage sind, also den Verlauf einer Vorlesung in ihren Exzerpten so zu folgen, dass sie das nachher noch mit Gewinn dann wieder verwenden können.

Timm: Wenn jemand mit einer schwachen Orthographie und Grammatik Lehrer werden will, dann findet er ja später bei seinen Schülern womöglich nicht mal die grundlegenden Fehler.

Wolf: Ja. Das ist das nächste Problem. Wir hatten ja in einigen Bundesländern in der letzten Zeit wieder einen Lehrermangel. Jetzt hat sich das weitgehend geändert. Und da ist auch unsere Befürchtung, dass diese Lehrer dann später genau die von ihnen beschriebenen Schwierigkeiten haben. Aber da müsste man eben bei der Ausbildung zum Lehrer eingreifen. Man müsste sich auch die Frage stellen, ob dieses Lehramtsstudium, das ja sehr heikel ist für die Gesellschaft ist, wirklich von jedem studiert werden kann.

Timm: Sind denn die Schulen schuld? Wird dort zu wenig geübt, zu wenig gelesen?

Wolf: Na ja. Es ist – sicher wäre es wohlfeil, diese Schuld einfach bei den Schulen abzuladen. Aber insgesamt haben wir doch den Eindruck, dass dort die Bildungsstandards nicht beachtet werden. Und das war ja auch das Ergebnis unserer Umfrage, die wir dann an die Ministerien und auch an die entsprechenden Landtagsausschüsse versandt haben, dass ja einige Länder, also ich nenne jetzt mal als Beispiel Bayern, darauf schon reagiert haben. Und die momentane Diskussion um Bildungsstandards im Abitur sprechen da auch für sich.

Timm: Ist es denn bei den Fremdsprachen besser? Also Englisch oder eine zweite Fremdsprache sind doch heute selbstverständlich, viel selbstverständlicher auch als noch vor 10, 15 Jahren. Das braucht man ja schon im Urlaub, und geht zudem häufig noch ein halbes Jahr ins Ausland.

Wolf: Ja, gewiss. Aber auch hier war die Resonanz von unseren Kolleginnen und Kollegen aus den Neuphilologien, also Englisch, Französisch und so weiter, eigentlich bedrückend. Es mag sein, dass sie im Ausland waren, sich dort auch verständigen können, aber das heißt noch nicht, dass sie sozusagen auf dem Niveau von fachwissenschaftlichen Texten argumentieren können. Und hier ist also auch die Klage, dass die Fremdsprachen viel zu wenig beherrscht werden, um darauf ein Studium aufzubauen.

Timm: Herr Wolf, was können die Studenten denn besser als früher?

Wolf: Also, sie haben sicher größere Medienkompetenz, das ist völlig unbestritten. Sie sind vielleicht auch flexibler als frühere Studentengenerationen, setzen sich vielleicht auch auf dem Arbeitsmarkt leichter durch, aber unsere Beobachtung ist, dass dies eben nicht langt, um gerade ein geisteswissenschaftliches Studium aufzunehmen. Und, wie Sie ja anfangs auch gesagt haben, in den Naturwissenschaften sieht es nicht viel besser aus.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton, im Gespräch mit Gerhard Wolf, Universitätsprofessor in Bayreuth. Herr Wolf, nun ist die Studie bislang unveröffentlicht. Warum? Ich meine, indem Sie mit uns sprechen, veröffentlichen Sie sie ja auch zum Teil. Also man könnte meinen, sie sei womöglich doch etwas tendenziös geraten.

Wolf: Ja, also wir waren ja über die Wucht der Kritik selber überrascht und hatten das dann, also auf unserer letzten Plenarversammlung, besprochen. Die Studie war ja ursprünglich nicht zu Veröffentlichung gedacht. Also, Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir im Jahr vielleicht vier, fünf Umfragen bei unseren Mitgliedern durchführen …

Timm: Ich füge es mal kurz ein, es sind 135 Fakultäten, die sie befragt haben, und die sollten Ihnen in Texten zurückschreiben, also nicht ankreuzen oder so. Fragt man sich doppelt, warum haben Sie es nicht veröffentlicht?

Wolf: Also diese Sache ist unendlich heikel. Man muss nämlich bedenken, dass in dem Moment, wo man Kritik an den Schulen übt, man sofort also auch die Politik als Gegner hat. Und das wollen wir nicht. Wir sind daran interessiert, dass die momentanen Diskussionen in der KMK über die Bildungsstandards im Abitur, dass diese Diskussionen zu einem vernünftigen Ende führen und hier also diese Defizite, die ich gerade beschrieben habe, versuchen, zu neutralisieren. Aber das ist etwas, was wir also durch ein öffentliches Medienecho eigentlich nicht irgendwie belasten wollten.

Timm: Das heißt, Sie wollen die Kultusministerkonferenz, die KMK, anregen, aber nicht aufregen?

Wolf: Na ja. Es hat sich herausgestellt, dass einige schon aufgeregt sind. Es haben auch einige Länder bereits darauf reagiert. Also wir sind guter Hoffnung, und es gibt Signale aus dieser KMK, dass man hier jetzt bei diesen Bildungsstandards diese Monita berücksichtigen wird.

Timm: Ich piesacke Sie da so, weil ich auch auf Sätze stieß wie: "Eine halbwegs akzeptable Fähigkeit zur Teilhabe an der Schriftkultur bringen immer weniger Studierende mit." Das liest sich natürlich schon so, als sei ein Professor das auch, pardon, ziemlich naserümpfend angegangen, und dass die Jugend früher viel besser war, das wissen wir schon seit Platon. Wie grenzen Sie sich denn gegen bloße Miesmacherei genügend ab?

Wolf: Ja. Also. Da haben Sie sicher recht, dass Professoren, die dann schon länger in der Universität sind, genau diese Beobachtung machen. Aber Sie müssen bedenken, dass bei dieser Umfrage die Professoren dieser Kritik von vornherein bewusst waren. Und wir haben auch noch mal untereinander darüber gesprochen. Also, es wird ja nicht behauptet, dass die jungen Leute heute dümmer sind. Das sind sie keineswegs. Sondern die Kompetenzen haben sich eigentlich auf Gebiete verschoben, die für die Geisteswissenschaften höchst nachteilig sind. Also eine höhere Medienkompetenz bringt den Literatur- und Sprachwissenschaften wenig. Und das soll eigentlich markiert werden und kein allgemeines Bashing der Schüler oder Studenten durchgeführt werden.

Timm: Sollte man denn zum Beispiel eine Art Studium generale oder so ein Freshman-Semester vorschalten, wie es das in den USA gibt, bevor man ein Fachstudium beginnt?

Wolf: Ja. Also das scheint vielen von uns eine sinnvolle Lösung dieses Problems zu sein. Also wir müssen zu diesen sogenannten General Studies kommen. Die Studierenden, gleich welcher Fächer, müssen auch wieder über ein Weltwissen, oder man kann auch sagen Allgemeinbildung, verfügen, die über ihre Fächer hinausgehen, die über den engen Horizont ihrer Fachkompetenz auch hinausweisen, und das ist durchaus ein Weg, gerade im Hinblick auf diese Studienreform oder der angestrebten Reform des Bologna-Prozesses wäre das sinnvoll.

Timm: Nun setzt man seit einigen Jahren so sehr auf Tempo in der Bildung. G8 in den Schulen, verschultes Bachelorstudium, da bleibt das Denken womöglich auf der Strecke, weil das Abprüfen so wichtig ist. Und heraus kommt dann als Erfolg ein gerade 22-jähriger Psychologe mit Uni-Abschluss. Da kann einem schon mächtig schwindelig werden. Die Rahmenbedingungen sind ja beschlossene Sache, da werden Sie nicht gegen ankommen. Was also tun?

Wolf: Also, ich bestätige Ihre Diagnose. Das trifft nicht nur auf den Psychologen zu, sondern auch auf denjenigen, der mit 22 ein Lehramtsstudium abschließt, ja? Also der hat auch nicht die Erfahrung, die notwendig ist, um dann in der Schule bestehen zu können. Aber – was kann man dagegen tun? Man muss hier die berühmten dicken Bretter bohren, von denen auch Max Weber schon gesprochen hat. Und ich bin mal zuversichtlich, dass gerade in den Bundesländern, in denen die Bildung an einem ganz hohen Stellenwert ist, man sich auch da eines Besseren besinnen wird.

Timm: Gerhard Wolf, Professor für Ältere Deutsche Philologie an der Universität Bayreuth, beklagt mit vielen seiner Kollegen von den philologischen Fakultäten, dass die Studenten heute nicht genügend Fähigkeiten mit ins erste Semester des Studiums bringen. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Wolf: Keine Ursache. Schönen Tag!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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