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Lesart | Beitrag vom 06.02.2016

Matthias von Hellfeld: "Das lange 19. Jahrhundert"Am Ende siegten die Feindbilder

Moderation: Ernst Rommeney

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Ein Sturmangriff österreichischer Truppen an der Isonzofront (Ostabschnitt der italienisch-österreichischen Front) 1915. (picture alliance / dpa)
Ein Sturmangriff österreichischer Truppen an der italienisch-österreichischen "Isonzo-Front" im Jahr 1915 (picture alliance / dpa)

Von der amerikanischen und französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg dauert das lange 19. Jahrhundert, wie es der Kölner Journalist Matthias von Hellfeld beschreibt: ein beständiger Kampf zwischen Fortschritt und Restauration.

Das 19. Jahrhundert hat Deutsche und Europäer immer wieder irritiert zurückgelassen. Nie zuvor, auch heute nicht, betont Matthias von Hellfeld, hätten Menschen einen derart schnellen gesellschaftlichen Wandel erlebt.

Cover Matthias von Hellfeld: "Das lange 19. Jahrhundert", Copyright: Dietz VerlagNach der Gewalt der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege sehnten sie sich nach Frieden. Ihn sicherte der Wiener Kongress um den Preis monarchischer Restauration. Statt Bürgerrechten und Demokratie jedoch, die liberale Verfassungen versprachen, wurde der Alltag unter Fürsten, Königen und Kaisern durch einen Polizeistaat enttäuscht.

Parallel dazu veränderten technischer Fortschritt und Industrialisierung das Leben radikal. Nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Städte wuchsen, nicht nur der Wohlstand nahm zu, sondern auch das soziale Elend.

Das enttäuschte Bürgertum flüchtet ins Biedermeier

Zunächst reagierte das Bürgertum mit einem Rückzug ins Private. Bildung, Familie und Kinder bestimmten die Zeit von Biedermeier und Romantik. Daraus entstanden später Jugendbewegung, Reformpädagogik und Freikörperkultur. Am Ende schafften es nationale wie auch sozialpolitische Ideen die Enttäuschten in die Politik zurückzuholen - in Parteien, Gewerkschaften, Frauenverbände oder Unternehmerorganisationen.

Das Konstitutionelle rang mit der Monarchie, Nationalismus wie Liberalismus mit dem Status quo, der Reformeifer mit dem Machterhalt, die Diplomatie mit Krieg und Frieden, kleine wie große Mächte um Vormacht und Interessenausgleich.

Juden, Katholiken, Sozialisten, Briten, Franzosen - jeder taugte zum Feindbild

Die deutsche Frage beispielsweise prallte immer wieder am Widerstand von 350 kleinen Fürstentümern und am Misstrauen benachbarter Großmächte ab.

Das Ende des langen Jahrhunderts spiegelte schließlich die Gemütslage in öffentlichen oder persönlichen Feindbildern: wahlweise Juden oder Katholiken, Sozialdemokraten oder Frauen, Briten oder Franzosen.

Matthias von Hellfeld: "Das lange 19. Jahrhundert. Zwischen Revolution und Krieg 1776-1914"
Dietz Verlag, Bonn 2015
288 Seiten, 22,00 Euro

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