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Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsMusikfreunde hören Mono
Musik, Kopfhörer, Hören

"Wer 'Sgt. Pepper' noch nie Mono gehört habe, der habe 'Sgt. Pepper' überhaupt noch nie gehört", zitiert die "FAZ" John Lennon und singt ein Loblieb auf die alte Tonaufnahme. Die Zeitung rät: Auch im sonstigen Leben des Öfteren auf Mono schalten.Mehr

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Fazit

Alex van WarmerdamVerwüstung einer Familie

Er ist der große Surrealist des niederländischen Kinos und gilt als Kultregisseur: Alex van Warmerdam. Nun kommt mit "Borgman" sein neues Werk in die Kinos - ein verstörender Trip in das menschliche Böse.Mehr

FotografieGesichter des Krieges
Eine Porträtserie der Fotografen Lucian Read und Martin Roemers betrachtet eine Besucherin der Ausstellung "World Press Photo des Jahres 2006" in Magdeburg.

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Anne-Sophie Mutter"Die Feuilletons werden immer verletzender"
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Schlechter Musikunterricht, immer weniger Klassik-Liebhaber: Die Geigerin Anne-Sophie Mutter macht sich Sorgen um die Musikszene. Besonders bedauert sie, dass kaum noch ein Kulturjournalist in der Lage sei, dem Leser die "Begeisterung für das Werk" nahezubringen.Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.08.2012

Matte Performances

Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg

Von Michael Laages

Besucher stehen vor der großen Foyer-Halle des Kampnagel-Theaters in Hamburg.
Besucher stehen vor der großen Foyer-Halle des Kampnagel-Theaters in Hamburg. (picture alliance / dpa / Georg Wendt)

Sommerfestival im Hamburger Kampnagel, der ehemaligen Kranfabrik, in der seit Jahrzehnten freie Theatergruppen auftreten: Kapitalismuskritik, Erziehungselend, Blindenführungen. Antworten auf Fragen gab es nicht.

Obwohl es schon vor gut einer Woche eröffnet wurde, scheint das "Sommerfestival" in der Hamburger Kampnagelfabrik noch nicht richtig angekommen zu sein beim zentralen Thema, das es sich selber gesetzt hat - über "Die Grenzen des Wachstums" will es debattieren lassen, künstlerisch und im Diskurs. Die legendäre Bilanz über Zustand und Zukunft der Erde, 1972 vom "Club of Rome" veröffentlicht, gab dem "Sommerfestival" den Titel, und am Wochenende steht nun gleich ein "Marathon" in Sachen Wachstumskritik auf dem Programm. Wie kann es weiter gehen auch ohne das Wachstums-Mantra der Realpolitik - das ist die Festivalfrage. Antworten gab es noch nicht.

Immerhin: Griechenland hat's leidlich überstanden. Nur im südlichen Pindos-Gebirge hat's schwerere Schäden gegeben, und einige der Küsten sind noch ein bisschen ausgefranster als sonst, seit die gefräßigen Schweine kamen und zur Attacke grunzten: "Schweine fressen Griechenland" hatte der spanische Künstler Santiago Sierra die Installation für das "Sommerfestival" in der Hamburger Kampnagelfabrik überschrieben; und im reißerischen Ton klang natürlich eine gehörige Portion Kapitalismus-Kritik mit - eine wenige Reiche, Schweine halt, fressen ein ganzes armes Land auf.

Dazu hatte Sierra sozusagen eine Adventskeks-Vorlage mit Griechenland-Umrissen ausgestochen und die mit Teig oder sonst was ausgelegt, was Schweine halt so mögen. Doch für die kleine Herde, die dann in einer Kampnagel-Halle über den griechischen Keks herfiel, war dieses Futter wohl doch nicht lecker genug; und darum blieb das Land fast unverletzt.

Was für ein peinliches Ergebnis für eine an sich schon ziemlich dämliche Idee. Künstler Sierra hat übrigens angedroht, dass er demnächst auch die anderen krisengeplagten Länder, sein Heimatland Spanien etwa und Italien, von Schweinen wird auffressen lassen: heilige Einfalt! Hoffentlich sind die Ergebnisse beim "Wachstumsmarathon" am Wochenende intellektuell ein wenig nahrhafter.

Matthias von Hartz, im fünften (und nunmehr letzten) Jahr künstlerischer und gedanklicher Leiter des Sommerfestivals, hat das ehedem, seit Kampnagels Gründerzeiten vor bald auch schon 30 Jahren, ganz dem Tanz und dem Theater vorbehaltene Festival mit großer Beharrlichkeit in die neue Richtung gedrängt: vom Repräsentations- zum Diskurs-Festival, mit einigen Glanzlichtern auf den Bühnen des Hauses.

Er folgt damit eigenen Ideen, aber auch blanker Notwendigkeit - denn kaum je ist irgendeine der potenziell einladbaren Produktionen zuerst in Hamburg zu sehen; hier kommt an, was überwiegend schon anderswo gezeigt und diskutiert worden ist: bei dieser Ausgabe etwa Arpad Schillings "Priesterin", eine trist-kalte Analyse des Schul- und Erziehungselends in ungarisch-europäischer Provinz; oder die Video-Präsentation der "Prometheus"-Produktion, die "Rimini Protokoll" vor zwei Jahren in Athen am Fuße der Akropolis mit echten Athenern kreierte.

Vier davon sind jetzt auch nach Hamburg gekommen, sie erweitern aber nur minimal den Eindruck, einer bloßen Video-Vorstellung beizuwohnen - dass die Erfolgsgruppe "Rimini Protokoll" so etwas als "Produktion" ausweist, ist hochgradig unseriös; zumal sie das Prinzip (etwa 100 Bürger stellen einander Fragen über die Welt, das Leben und ihre Stadt) ja mittlerweile auch noch in Berlin und Köln und Braunschweig zum Zuge kam. "Rimini Protokoll", das ehedem so staunenswert kreative Ensemble steckt tiefer in der Krise, als es ahnt.

Die "Symphony of a missing Room" des schwedischen Performance-Duos Lundahl und Seitl erhielt im Vorjahr in Salzburg den Preis beim "Young Directors Project"; in Hamburgs Kunsthalle ist nun noch einmal zu spüren, wie angestrengt überschätzt diese dunkel raunende Blindenführung durch leere Räume auch schon in Salzburg war. Theater? Hm. Ein Erfahrungserlebnis mit Kopfhörern, bestenfalls.

In Hamburg beginnt die Führung immerhin in der aktuellen Schau über "Alice im Wunderland"; und das Publikum steigt sozusagen mit Alice gemeinsam hinab ins finstre Kaninchen-Loch - das ist eine hübsche Pointe, aber mehr auch nicht. Theater? Tanz? Gut - Anne Teresa de Keersmaekers "Rosas" kommen noch, mit der Rekonstruktion einer 25 Jahre alten Produktion, die wahrscheinlich auch schon beim einstigen "Sommertheater" zu sehen war; Michéle Anne de Mey ist im Programm und das "Nature Theatre of Oklahoma" - das aber ist eine Produktion des Wiener Burgtheaters.

"Typisch Kampnagel" ist auf den Bühnen nur noch sehr wenig, immerhin bekommt das Gelände mit all seinen Hallen und Gängen zum Festival stets besonders einen lauschigen Garten am Kanal, und es weitet sich auch aus in die Stadt; gut und schön - aber wenn es ein Festival bleiben will, benötigt es nach dem Ende der Ära von Hartz dringend einen Impuls, der künstlerisches Profil wieder möglich macht. Und das muss mehr sein als der Charme eines politischen korrekten Themen-Wochenendes.

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