Seit 13:05 Uhr Breitband
 
Samstag, 28. Mai 2016MESZ13:48 Uhr

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 01.08.2010

Markenartikel contra Billigprodukte

Wer mehr bezahlt, kriegt nicht immer etwas Besseres

Von Udo Pollmer

Eine neue Studie zeigt: Bei Fruchtsäften gibt es keinen Zusammenhang zwischen Preis und Leistung. (USDA, Scott Bauer)
Eine neue Studie zeigt: Bei Fruchtsäften gibt es keinen Zusammenhang zwischen Preis und Leistung. (USDA, Scott Bauer)

Der Zusammenhang zwischen Qualität und Preis ist bei vielen Konsumgütern nicht besonders ausgeprägt - aber wenigstens statistisch auffindbar. Bei Lebensmitteln ist die Lage besonders trostlos. Ob teuer oder billig, getrickst wird immer.

Der deutsche Verbraucher ist bei Umfragen von der guten Qualität der Markenartikel überzeugt – um dann im Supermarkt zielsicher das No-Name-Produkt zu kaufen. Dennoch vermag der Handel nicht auf Markenartikel zu verzichten. Erfahrungsgemäß greift der Kunde vor allem dann zur billigen Handelsware, wenn er daneben den teuren Markenartikel erblickt.

Eine Untersuchung der Justus Liebig Universität Gießen prüfte den Zusammenhang zwischen Preis und Qualität bei Fruchtsäften. Da aber der Begriff "Qualität" nicht so einfach zu greifen ist, wurden als Maßstab die Tests der Stiftung Warentest verwendet. Ergebnis: Zwischen Preis und Leistung gibt es keinen Zusammenhang. Die Autoren sagen klipp und klar, dass "der Preis ein schlechter Qualitätsindikator" ist. Dafür fand sich aber ein Zusammenhang mit der Verpackungsgestaltung. Je attraktiver die Anmutung von Karton oder Flasche, desto teurer das Produkt. Tja, Kleider machen Leute.

Apropos Kleider: Der Zusammenhang zwischen Qualität und Preis ist bei vielen Konsumgütern nicht besonders ausgeprägt - aber er ist wenigstens statistisch auffindbar. Nirgends ist die Lage so trostlos wie bei Lebensmitteln. Beim jüngsten Warentest zum Thema Schokoladeneis, den ich betreuen durfte, gab es keinerlei Unterschiede mehr zwischen Billigeis und Markenware. In beiden Fällen gab es genauso viele bessere wie lausigere Produkte. Die Spannbreite war enorm. Und kein Produkt, bei dem nicht irgendwo getrickst worden wäre.

Beim mit Abstand teuersten Eis hatte der Hersteller die Schokolade durch ein billiges Schokoimitat ersetzt, durch eine sogenannte Fettglasur. Angeblich, weil der Verbraucher echte Schokolade im Eis gar nicht mag. Auf der Packung stand was von "schokoladigen Stückchen" - zur juristischen Absicherung. "Schokoladig" ist nämlich ein Fingerzeig an den Käufer, dass gerade keine Schokolade drin ist. So also sieht bei uns Premium-Marken-Qualität aus!

Der bisherige Lebensmittelmarkt und seine Qualitätsvorstellungen sind in Auflösung begriffen. Der klassische Markenartikel ist tot. Offensichtlich ist es reizvoller, Produkten den Anschein von Qualität zu geben. Immer neue Fantasiebegriffe, die in Anlehnung an geschützte Begriffe ausgelotet werden, machen die Verwirrung perfekt. Zunehmend wird das Geld von der Produktion abgezogen und für Etikettenschwindler, Marketingexperten und Lebensmittel-Juristen investiert. Mehr Schein als Sein - das schafft wahren Mehrwert. Auch Täuschungsmanöver kosten Geld. Gespart wird beim Produkt.

Der Verbraucher ist angewiesen auf eine korrekte Information über die Qualität der Ware, die er kaufen will, weil er halt was essen muss. Die meisten Hersteller bezweifeln, dass es möglich ist, die äußerst komplizierte Herstellungstechnik zu vermitteln. Andererseits ist auch das Arsenal an Methoden, um Rohstoffe zu frisieren, um minderwertige Ware zum Premiumprodukt aufzuwerten, so raffiniert, dass sie sich nicht mit wenigen Worten plakativ beschreiben lassen. Dann lassen auch die Medien die Finger davon, weil zu kompliziert.

Die eingangs genannte Studie aus Gießen fordert Lebensmittelwirtschaft auf, zu "gewährleisten, dass dem Verbraucher verlässliche Informationen über die Lebensmittelqualität vorliegen". Aber wie? Wie wäre es, wenn man den technischen Fortschritt nicht nur in der Fabrik, sondern auch im Umgang mit der Öffentlichkeit nutzen würde? Im Internet wäre genug Platz, um Interessierten alle wichtigen Informationen zur Verfügung zu stellen.

Zum Beispiel auf der Homepage des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Da macht es auch nichts, wenn wahrheitsgemäße Infos kompliziert sind. Die Angst, Betriebsgeheimnisse zu verraten, ist nur vorgeschoben. Was die Hersteller wirklich umtreibt, ist die Angst, ihre teuren Werbemärchen könnten dann als das erkannt werden, was sie wirklich sind: Das beste Mittel, um jegliches Vertrauen in Markenartikel zu untergraben. Mahlzeit!

Literatur:

Roeben A, Möser A: Was sagt der Preis über die Qualität von Lebensmitteln aus? Neue empirische Befunde am Beispiel Fruchtsaft. Journal für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 2010; epub before print

Foerster H: So werden die Verbraucher ausgetrickst. Stern TV, online 2. Juli 2010

Schulze H et al: Ist Geiz wirklich geil? Preis-Qualitäts-Relationen von Hersteller- und Handelsmarken im Lebensmittelmarkt. Agrarwirtschaft 2008; 57: 299-310

Mahlzeit

GlyphosatVergleichsweise harmlos
Die Verpackung eines Unkrautvernichtungsmittel, das den Wirkstoff Glyphosat enthält. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Das Herbizid Glyphosat sei vergleichsweise harmlos, meint Lebensmittelchemiker Udo Pollmer. Und bei der ganzen Aufregung um das Unkrautbekämpfungsmittel gerieten wirklich fragwürdige Pestizide aus dem Blickfeld.Mehr

ReizdarmSorgt Weizen für Bauchschmerzen - oder eher Rohkost?
Reifende Ähren in einem Weizenfeld  (imago / Harald Lange)

Sorgt Weißmehl für einen Reizdarm? Das lässt sich nicht beweisen, meint Udo Pollmer Naheliegender sei, dass zu viel Rohkost, Obst oder Vollkorn den Darm stressen. Viele Reizdarm-Patienten würden sich aber auch in den Medien mit "sozial interessanten Lebensmittelintoleranzen" infizieren. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj