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Mark Zuckerberg als "Messias der Geldvermehrung"

"Wirtschaftswoche"-Chefredakteur Tichy zur Woche des Facebook-Börsengangs

Roland Tichy im Gespräch mit Ulrike Timm

Wer Facebook-Aktien kauft, kauft nicht einen Wert wie eine Fabrik, sondern den Glauben an das Unternehmen, gibt Tichy zu bedenken.
Wer Facebook-Aktien kauft, kauft nicht einen Wert wie eine Fabrik, sondern den Glauben an das Unternehmen, gibt Tichy zu bedenken. (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

Wenn die Zeitungen mit ganz großen Buchstaben irgendeine Aktie empfehlen, dann sei es meistens zu spät, warnt Roland Tichy, Chefredakteur der "Wirtschaftswoche". Im Fall von Facebook habe Mark Zuckerberg sein Unternehmen immerhin für sich selbst zur Geldmaschine gemacht.

Ulrike Timm: Auf den Sekt folgte postwendend der Kater. Die Facebook-Börsenwoche im Schnelldurchlauf: Fieberhafter Start, Rekordpreis pro Aktie, Softwarefehler, Absturz, Klagen vergrätzter Anleger, die statt ihres persönlichen Stücks vom Kuchen plötzlich nur noch Krümel auf dem Teller hatten. Knapp 20 Prozent Absturz in drei Börsentagen, auch das muss man erst einmal bringen. Facebook hat das hingekriegt. Aktuell hat die Aktie Boden gutgemacht und kriecht jetzt Cent um Cent zum Ausgabekurs zurück. Kurzum: Es kostet Nerven.

Ein gewiefter Dramatiker könnte da ein gutes Lehrstück draus machen. Welche Rolle darin Gier, Vertrauensseligkeit, Dummheit, aber auch Risikofreude und Wagemut spielen, darüber wollen wir jetzt sprechen mit Roland Tichy, dem Volkswirt, Journalisten und Chefredakteur der "Wirtschaftswoche". Guten Morgen!

Roland Tichy: Guten Morgen!

Timm: Herr Tichy, jetzt kann man nicht einfach "Gefällt mir nicht" klicken, stellen viele Facebook-Fans fest, die womöglich zum ersten Mal in ihrem Leben Aktien gekauft haben. Müssen sie uns leidtun?

Tichy: Nein, überhaupt nicht, das ist die freie Entscheidung, sein Geld da zu investieren. So schlimm ist das auch übrigens auch nicht, ich meine, denken Sie einmal daran, hätten Sie todsichere griechische Staatsanleihen gekauft, wäre ihr Wertverlust, der Geldverlust 80 Prozent. Und vielleicht kommt ja Facebook wieder, es geht ja auch wieder nach oben. Die Börse ist keine Garantie zum Geldverdienen, man kann schon auch kräftig verlieren dabei und manchmal dauert es Jahrzehnte, zum Beispiel eine VW-Aktie, die ursprünglich mal ausgegeben wurde, brauchte 20 Jahre, um den Ausgabekurs wieder einzuholen. Dazwischen war es nicht so lustig für die Anleger.

Timm: Also, mit Griechenland zu trösten, finde ich trotzdem ziemlich schwarzbrothaft, entschuldigen Sie, aber schauen wir mal auf ...

Tichy: So ist das eben mit der Geldanlage.

Timm: Schauen wir mal auf Mark Zuckerberg, den jungen Unternehmensgründer. Der wurde ja erst gehypt und wird jetzt gerupft. Ist das fair?

Tichy: Nein, er hat ein riesiges Unternehmen geschaffen. Es ist eines der gigantischsten Unternehmen geworden von seinem Wert her, in der Welt, er ist ein junger Mann, 29, wer hat das schon geschafft? Er hat bei Facebook, auch das muss man wissen, alle Fäden in der Hand. Und wer Facebook-Aktien kauft, kauft nicht einen Wert wie eine Fabrik, sondern kauft den Glauben, dass dem guten Zuckerberg wieder etwas einfällt und dass er aus Facebook wirklich erst irgendwann mal eine Geldmaschine macht, so wie er sie bisher zur Geldmaschine für sich selbst gemacht hat. Also, es ist der Glaube an einen Messias der Geldvermehrung, und der heißt Zuckerberg im Augenblick.

Timm: Schätzen Sie ihn, frei nach dem Spruch, dass ist endlich mal ein Unternehmer, kein Unterlasser?

Tichy: Natürlich. Ich meine, wir haben ja in Deutschland das Problem, dass wir keines dieser großen Unternehmen hier haben. Wir haben kein Apple, wir haben kein Google, wir haben kein Microsoft. Die jüngste Unternehmung, die in Deutschland wesentliche Aktien ausgegeben hat, ist die SAP, und die ist auch schon 30 oder 40 Jahre alt. Wir haben die Giganten des vorigen Jahrhunderts, Thyssen, wir haben Krupps, wir haben Siemens – das sind alles uralte Unternehmen.

Es fehlt in Deutschland die Bereitschaft, solchen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen, es fehlt die Bereitschaft, solche Ideen auch zu finanzieren, und das ist, glaube ich, einer schon der Gründe dafür, dass eben Deutschland nicht so dynamisch ist, wie man sich das so vorstellen könnte. Wir sind letztlich die Helden des vergangenen Jahrtausends.

Timm: Na gut, aber wenn der Mann eine großartige Unternehmerbegabung ist, der Mark Zuckerberg, dann fehlt ihm trotzdem bislang die konkrete Idee, womit er Geld verdienen will.

Tichy: Das ist bei dieser Art von Investition tatsächlich das Risiko und deswegen darf man als Anleger auch nicht zu beleidigt sein, wenn es nicht sofort klappt. Wenn Sie zum Beispiel Amazon hernehmen: Vor 15 Jahren hat irgendjemand ausgerechnet, um den hohen Kurswert von Amazon zu rechtfertigen, dann müsste Amazon sämtliche Bücher verkaufen, die jemals in der Welt gedruckt und verkauft wurden. Also ein – das kann ja gar nicht möglich sein. Aber Amazon ist eben kein Buchhändler mehr, als der er gestartet ist, sondern Amazon ist ein globaler Versandhändler, da kriegen Sie von der Bettwäsche bis zur Kinderwindel oder Bettgestell kriegen Sie alles, was das Herz begehrt.

Das heißt also, es geht darum, aus diesem Unternehmen Facebook etwas ganz anderes zu gestalten, und manche vermuten, dass er Facebook in eine Bank umbaut. Eine Bank, in der Sie zum Beispiel Ihre Überweisungen dann per Facebook-Account machen. Ob das gelingt, weiß kein Mensch. Wenn Sie dabei sein wollen, kaufen Sie eine Aktie, wenn Sie es gefährlich finden, lassen Sie die Finger davon. In keinem Fall jammern Sie. Jammern Sie nicht, wenn Sie Geld verlieren, jammern Sie auch nicht, wenn Sie welches gewinnen.

Timm: Lassen Sie uns doch bitte mal weggehen von den Firmen und mal im Grundsätzlichen gründeln. Die Börse ist ja eine Spielhalle. Das wird denen, die Facebook-Aktien als Gelddruckmaschine sahen, jetzt plötzlich sehr bewusst. Sie ist aber auch eine Spielhalle mit gesellschaftlichen Aufgaben, denn ohne Aktionäre wären solide Unternehmen ja auch nie groß geworden. Welche Rolle hat Spekulation im gesellschaftlichen Zusammenhang, aus Ihrer Sicht?

Tichy: Na ja, die Börse ist insofern keine Spielhalle, weil bei der Spielhalle ist das Geld, das ich verliere, das Geld, das Sie gewinnen, und es bleibt sich gleich.

Timm: Na gut, ein bisschen Nachdenken hilft manchmal, aber trotzdem.

Tichy: Ja, ja. Im Ergebnis ist es natürlich blöd, wenn mein Geld bei Ihnen ist, finde ich auch nicht in Ordnung. Aber Hauptsache ist natürlich, dass die Sparkapitalien von Millionen Menschen zusammengefasst werden und in große, wagemutige Investitionen, Unternehmen gesteckt werden können. Letztlich ist die Geburtsstunde der Börse im modernen Sinne die Eisenbahn.

Die Eisenbahn war das, was wir heute Facebook nennen oder Apple, und die Eisenbahn brauchte unendlich viel Geld, um sich zu entwickeln, und das ist über die Börse geschehen. Und es ist ja auch gut gegangen, wir haben in der ganzen Welt Eisenbahnen, und die meisten sind eben über Aktiengesellschaften finanziert worden. Das ist die Aufgabe der Börse, Kapital zu sammeln, zu raffen, um es einer neuen Verwendung zuzuführen.

Und ob es gutgeht, wissen wir nicht. Niemand weiß es. Stellen Sie sich einmal vor, da war so ein Wahnsinniger, der hat sich vorgestellt, so eiserne Reifen quer durch Europa zu legen und darauf so was fahren zu lassen, so Kutschen ohne Pferde. Eine fantastische Idee. Kann man so jemandem Geld leihen? Das wäre die Frage gewesen, die Sie mir vor 150 Jahren hätten gestellt. Aber Gott sei Dank gab es damals noch kein Radio.

Timm: Und wer war der Wahnsinnige?

Tichy: Ja, das war zum Beispiel der deutsche Freihändler Friedrich List, nur um einmal diese Figur zu beschreiben: Das war ein baden-württembergischer Beamter, dann hat er freche Artikel gegen den Staat geschrieben, kam in Festungshaft, ist geflohen, nach Amerika ausgewandert, dort eine der drei ersten Eisenbahnlinien gebaut, wurde reich, ging nach Deutschland zurück und schrieb kluge Werke über Volkswirtschaft, die noch heute, vor allen Dingen in China, gelesen werden.

Das ist die Figur des Unternehmers, wie er gerade idealtypisch da steht: Beamter, Revolutionär, Autor und jemand, der eine gute Idee hat und da rein investiert.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton im Gespräch mit dem Volkswirtschaftler Roland Tichy. Er leitet die "Wirtschaftswoche". Herr Tichy, Spekulation heißt erst einmal schlicht und einfach Vermutung, Erwartung. Ist nicht gut, ist nicht schlecht. Gehen Spekulationen eigentlich besonders schief, wenn plötzlich Aktien das ganze Volk erwartungsvoll nur in eine Richtung schauen lassen, nämlich nach oben, also zum Beispiel die Telekom wurde ja auch als Volksaktie beschrieben. Hat man dann schon verloren, wenn wirklich alle mitmachen?

Tichy: Ja, natürlich ist das so. Früher, also heute darf man das ja schon gar nicht mehr sagen, ist ja politisch unkorrekt, da sprach man von der Dienstmädchen-Hausse, also auch wenn die Magd aus der Küche gewissermaßen ihre Spargroschen an die Börse schleppte und in ein Unternehmen investierte, dann war sie verloren, denn die Schlaumeier hatten zu dem Zeitpunkt schon längst ihre Schäflein ins Trockene gebracht und die arme Dienstmagd guckte dann in die roten Zahlen. Und das erleben wir auch heute wieder so.

Ich kann immer nur davor warnen, wenn die Zeitungen mit ganz großen Buchstaben irgendeine Aktie empfehlen, dann ist es meistens zu spät. Denn immer ist es ja so: Spekulation, Sie beschreiben es sehr gut, heißt wir wissen es nicht, wir wissen nicht wirklich, welche Erträge da sind, und im Laufe der Zeit steigern sich die Erwartungen, man redet sich gegenseitig hoch, man redet sich in einen Rausch. Dann steigt der Preis und steigt immer höher, das war der Fall bei der Telekom, die irgendwann mal bei über 100 Euro pro Aktie war und dann letztlich abgestürzt ist auf acht Euro.

Und in diesen Rausch darf man sich nicht hineinbegeben, sondern sollte trotzdem nüchtern bleiben. Abschätzen, wissen, dass die Zukunft unsicher ist, dass die Erwartung nicht erfüllt werden kann, dass es aber auch Begrenzungen gibt. Dann nutzt es dann doch, wenn man der Fantasie einen Riegel vorschiebt in Form einiger Berechnungen über Umsatzgewinn und einem Vielfachen dessen, was dann der Aktienkurs sein soll.

Timm: Nun gab es ja in den letzten zehn Jahren zumindest für den Laien besonders auffällig oft Blasen, und es könnte ja auch sein, dass Facebook schlicht eine Blase wird. Weiß man ja noch nicht. Aber diese Blasen, wenn man auf die Geschichte von Spekulationen guckt, sind die eigentlich neu oder sind sie im Moment bloß ein bisschen öfter dran als schon immer?

Tichy: Die wenigsten Menschen machen sich darüber klar, dass der Kapitalismus eine Abfolge von Krisen ist. Das wusste ein gewisser Karl Marx eigentlich ganz gut. Die Frage ist, ist das jetzt schlimm mit diesen Krisen oder ist das nicht so schlimm. Und da wir nie wissen, was wirklich gut ist, bieten sich eben, dann manchmal hoffen Menschen, dass die Erträge viel größer sind. Ganz viele Eisenbahngesellschaften, um bei diesem simplen Bild zu bleiben, sind pleitegegangen, weil sie eben an den falschen Stellen waren, weil nicht so viele Leute fuhren oder Fracht nicht aufkam.

Das heißt aber trotzdem, dass am Ende eine Infrastruktur da war. Auch der neue Markt, also im Zusammenhang mit der Telekom, hat natürlich bei vielen Menschen tiefe Löcher in die Bilanz gerissen, aber er hat auch Unternehmen geschaffen, die heute zukunftsfähig sind. Qiagen, Aixtron, 1&1 Internet, also es gibt eine ganze Reihe von Firmen ...

Timm: Aber gibt es das jetzt öfter, diese Blasen, oder ist es öfter geworden oder war das schon immer so?

Tichy: Nein, ich glaube nicht einmal, dass es öfter geworden ist. Es ist eigentlich immer schon so, es ist "the boom and the bust", also es ist das Auf und Ab, und irgendwie muss man durchschauen können. Nur die Stagnation des Sozialismus ist ohne Blasen, das ist immer nur ein Tal.

Timm: Roland Tichy, Chefredakteur der "Wirtschaftswoche", Volkswirtschaftler, ich danke Ihnen fürs Gespräch!

Tichy: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema auf dradio.de:
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