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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.03.2016

Marion Poschmann: "Geliehene Landschaften"Wo liegt der Garten Eden?

Von Michael Opitz

Großer Garten in Dresden (picture alliance / dpa / Foto: Foto: Sebastian Kahnert)
Ein Garten: Sich darauf einlassen, was einem am Wegesrand begegnet. (picture alliance / dpa / Foto: Foto: Sebastian Kahnert)

Gärten sind das Thema von Marion Poschmann. Kaliningrad, Berlin-Lichtenberg oder Coney Island – in "Geliehene Landschaften" spannt sie einen topografischen Bogen. Dieser Gedichtband lädt dazu ein, ihn zu "begehen".

Gedichte leihen sich Landschaften. Der Raum, den sie ihnen zur Verfügung stellen, bleibt unveränderlich. Die Koordinaten der Sprache zurren ihn gerade zu fest. Außerhalb des Gedichts ist der Raum in Bewegung, er verändert sich. Landschaften sind gefährdet, weil ihnen nichts Starres eignet. Dass sie verschwinden können, diese Gefahr lässt die japanische Gartenkunst sinnfällig werden, indem sie außerhalb des Gartens liegende landschaftliche Details in den Garten integriert. Beim Wegfall des geliehenen Landschaftsmoments entstünde im architektonischen Ensemble eine Lücke, die die Fragilität des Kunstwerks deutlich werden ließe. Von daher umfasst die Sorge um den Garten mehr als nur den unmittelbaren Raum, in dem er Gestalt angenommen hat.

Marion Poschmann hat ihren neuen Gedichtband "Geliehene Landschaften" durchkomponiert. Jeder der neun Zyklen, aus denen er besteht, hat mit dem Garten ein zentrales Thema. Dies allein wäre durchaus beachtenswert, aber erstaunlich ist, welche Wege sie in diesem vom Garten zusammengehaltenen Raum zwischen den einzelnen Gedichten legt. Der in diesem Band entworfene Sprach- und Bedeutungsraum erschließt sich auf eindrucksvolle Weise, folgt man den von Poschmann angelegten Wegen, lässt man sich ein darauf, was einem am Wegesrand begegnet.

Heimweh nach Eden

Auf das Geburtshaus des Aufklärungs-Philosophen Immanuel Kant kommt sie in dem Gedicht "Flom oder Matt" zu sprechen, um die Vernunft geht es dann im Gedicht "Kettenkarussel" und schließlich stellt sie im Gedicht "Geisterbahn" die Frage nach dem Verstehen. Wer diesen von Poschmann angelegten Wegen folgt, stolpert über Fragen: Wo ist die Menschheit angelangt, die der Vernunft folgte, wo liegt der Garten Eden, den zu finden das Recht einer jede Generation wäre? Vom Heimweh nach Eden handelt das Gedicht "Schierklar", das die "Leere und ihre Vergehen" in Erinnerung ruft.

Solche Fragen sind den Gedichten von Marion Poschmann eingeschrieben. Sie werden nicht groß plakatiert, sondern stellen sich unter der Hand ein, folgt man ihr auf den  Gedicht mit Gedicht verbindenden Wegen. Wie Inklusen in einem Bernstein schimmern sie auf – "Wir sind Inklusen", heißt es in dem Gedicht "Schwarzfirnis". Auf die Varietäten smaländischer Bernsteinfunde beziehen sich die Gedichttitel des ersten Teils der Sammlung. Sie spannen einen topografischen Bogen von Kaliningrad über Berlin-Lichtenberg nach Coney Island und zu den japanischen Gärten in Kyoto und Matsushima. Gärten sind in Japan auch Zufluchtsstätten, die bei Erdbeben aufgesucht werden sollen. Sicherheit ist ein Wort, das Poschmann in ihren Gedichten stets aufs Neue durchbuchstabiert, indem sie Gefährdungen benennt und im Blickkontakt mit den Dingen bleibt, die im Begriff sind, sich rar zu machen.

Dieser Gedichtband lädt dazu ein, ihn zu "begehen". Er eröffnet seine Schönheit dem, der sich auf Details einlässt und bereit ist dem Logosfaden zu folgen, den Poschmann von Gedicht zu Gedicht zieht – es lohnt sich unbedingt.

Marion Poschmann: "Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016,
121 Seiten, 19,93 Euro

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