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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.07.2007

Mann ohne Gedächtnis

Paul Auster: "Reisen im Skriptorium", Rohwolt Verlag, 174 Seiten

Mr. Blank nennt der New Yorker Schriftsteller Paul Auster den Protagonisten seines neuen Romans "Reisen im Skriptorium". Ein Name als Programm, denn dieser Herr Leer (nichts anderes bedeutet das englische Wort "blank") hat offenkundig sein Gedächtnis verloren. Sämtliche Gegenstände in einem spartanisch eingerichteten Zimmer sind mit Schildchen gekennzeichnet.

Ein alter Mann erwacht in einem spartanisch eingerichteten Zimmer, einem isolierten Wohn- und Schlafraum, der rund um die Uhr von einer Kamera überwacht wird, die jede Sekunde ein Bild schießt. Sämtliche Geräusche, die der Mann von sich gibt, werden aufgezeichnet. Der indessen weiß weder, weshalb er hier ist, noch wo er sich befindet. In einer Gefängniszelle? Einer Klinik? In psychiatrischer Behandlung?

Mr. Blank nennt der New Yorker Schriftsteller Paul Auster den Protagonisten seines neuen Romans "Reisen im Skriptorium". Ein Name als Programm, denn dieser Herr Leer (nichts anderes bedeutet das englische "blank") hat offenkundig sein Gedächtnis verloren. Sämtliche Gegenstände im Zimmer sind mit Schildchen gekennzeichnet, auf dem Schreibtisch liegen Fotos von Personen, die er nicht kennt, auch wenn er sich vage an die eine oder andere zu erinnern vermeint. Besucher finden sich ein, Pflegerinnen, Ärzte, Therapeuten, ein Polizist – alles Menschen, die Blank, so der leise Vorwurf seiner Gesprächspartner, einst aus schierer Leichtfertigkeit mit gefährlichen Aufträgen betraut hat, denen seinetwegen Leid geschehen ist. Ihre Fotos, in jüngeren Jahren aufgenommen, sind es, die auf dem Schreibtisch liegen, doch die Namen sagen Mr. Blank auch dann noch nichts, als er eine Liste von ihnen anfertigt.

Dem Leser allerdings wird spätestens auf Seite 77, als der Name Fanshawe auftaucht, klar, dass es sich um Figuren aus Austers früheren Werken handelt, um Anna Blume aus "Im Land der letzten Dinge", Daniel Quinn aus der "New York-Trilogie" (aus der auch Fanshawe stammt), Benjamin Sachs aus "Leviathan" und viele andere mehr. Und dass "Reisen im Skriptorium" einmal mehr eine Auseinandersetzung des Autors mit dem Schreiben an sich ist. Zumal der in seiner Kammer hockende Mr. Blank von einem seiner Betreuer den Auftrag erhält, ein unvollendetes Manuskript zu vollenden, eine Art Western, dessen Held auf eine gefährliche Mission in die unzivilisierten Randgebiete seines Landes geschickt wird. Zaghaft macht sich Blank zunächst ans Werk, bis ihm eine neue Idee zufliegt, "eine teuflische Erleuchtung, die seinen ganzen Körper von den Zehenspitzen bis zu den Nervenzellen in seinem Gehirn vor Wonne erbeben lässt", worauf er alle Vorbehalte und Skrupel, die aus den vorherigen Gesprächen mit seinen Besuchern entstanden sind, über Bord wirft und sich für einen radikalen Schluss des Textes entscheidet.

Ein Ende, wie es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, typisch für Austers jüngere Werke ist: eine Auseinandersetzung mit dem Schreiben an sich, ein Vexierspiel über Pflichten und Verantwortung des Autors, der Protagonist und Erzähler in einer Person ist. In "Reisen im Skriptorium" entwirft Auster ein wahrhaft kafkaeskes Ambiente, ohne jedoch über die sprachliche Kraft eines Franz K. zu verfügen. Sein Buch wirkt allzu oft langatmig, so als sollte der Leser mit peniblen Beschreibungen über den Tagesablauf des Mr. Blank, die diversen An- und Auskleiderituale, Waschungen, Medikationen etc. hingehalten und abgelenkt werden von einer Auflösung, die er längst durchschaut hat. Kunst um der Kunst willen? Oder eine Abhandlung über die Überwindung einer Schreibblockade? Jedenfalls eher ein Recycling des Austerschen Ouvres als ein wirklich neues Buch. Man würde gern mal wieder den Paul Auster lesen, dem wir die "New York-Trilogie", aber auch die wunderbaren Dialoge aus den Filmen "Smoke" und "Blue in the Face" verdanken.

In den USA und England, wo "Reisen ins Skriptorium" vergangenes Jahr erschien, stieß das Werk denn auch auf ein geteiltes Echo. Während es die "Washington Post" für "herausragend" befand, gab es in der Literaturbeilage der "New York Times", im Fachblatt "Kirkus Rerview" wie auch in der Londoner "Times" und im renommierten "Guardian" eher Verrisse.

Rezensiert von Georg Schmidt

Paul Auster:
Reisen im Skriptorium
,
übersetzt von Werner Schmitz,
Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg,
174 Seiten, 16,90 Euro.