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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.05.2013

Manipulierter Manipulator

John le Carré: "Der Spion, der aus der Kälte kam", Ullstein Verlag, Berlin 2013, 276 Seiten

John le Carré begründete mit dem Polit-Thriller von 1963 seine internationale Karriere. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
John le Carré begründete mit dem Polit-Thriller von 1963 seine internationale Karriere. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

50 Jahre nach seiner Entstehung erweist sich "Der Spion, der aus der Kälte kam" als Schlüsselwerk mit Bestand. John le Carrés politischer Roman in neuer Übersetzung ist <em>der</em> Undercover-Thriller schlechthin.

John le Carrés Polit-Thriller "Der Spion, der aus der Kälte kam” von 1963 ist sicher einer der berühmtesten Romane des 20. Jahrhunderts. Er begründete le Carrés internationale Karriere und löste nicht nur die naiven James-Bond-Märchen ab, die damals das Bild der Spionageliteratur prägten, sondern begründete eine neue Sicht auf die politische Welt.

Ob er bei heute noch einem breiten Publikum einer der bekanntesten Romane des 20. Jahrhunderts ist, darf man bezweifeln. Insofern ist es sehr zu begrüßen, dass der Ullstein Verlag zum 50-jährigen Erscheinungsjubiläum nicht nur eine Neuausgabe, sondern gleich eine Neuübersetzung von Sabine Roth vorlegt. Das hat einen hohen Prestigewert, der durch ein neues, altersweises und selbstironisches Vorwort des Autors noch gesteigert wird.

Ob eine neue Übersetzung tatsächlich notwendig war, kann man angesichts der durchaus brauchbaren alten von Christian Wessels und Manfred von Conta diskutieren, Man müsste dann allerdings einlässlich über einige Stellen reden und darüber, ob Sabine Roth nicht möglicherweise le Carrés demonstrativ sehr "gebildete" und anspielungsreiche Sprache glättet, wenn zum Beispiel aus der biblischen "Schrift an der Wand" ("writing on the wall") eine prosaische "Bedrohung" wird.

Präziser politischer Roman

Beeindruckend ist auf jeden Fall ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung, wie gut le Carrés Geschichte noch funktioniert. Der Kalte Krieg, der die Spiele von Verrat und politischem Vorteil, ideologisch begründet hatte, ist vorbei. Umso schaler lesen sich heute die Argumente, die damals zur Rechtfertigung jeder Grausamkeit angeführt wurden. Und umso aktueller, wenn man die heutigen Konfliktlagen und deren "Kollateralschäden" im sogenannten Krieg gegen den Terror betrachtet.

Alec Leamas, der desillusionierte Spion, der aus den Kälte kam, wird von seinen eigenen Leuten wieder in Kälte geschickt, um ein anti-semitisches Scheusal zu schützen, das der britische Geheimdienst strategisch bei der Staatssicherheit der DDR platziert hatte: Dieser Thriller ist auch ein erstaunlich präziser Roman nicht nur über politische Spionage, sondern über jede Art von Undercover-Tätigkeit: eine Lesart des Romans, die vor Jahrzehnten schon einmal der amerikanische Romancier Joseph Wambaugh vorgeschlagen hatte, die aber heute, ohne den direkten zeitgenössischen politischen Kontext, noch deutlicher wird.

Der Manipulator Alec Leamas wird manipuliert, seine privatesten Regungen sind Material für die Kalküle seiner Puppenspieler, die ihn zum Opfer auserkoren haben, ohne ihm je eine andere Option zuzugestehen. Engagement, persönlicher Einsatz, Mut und Loyalität sind Kategorien, mittels derer man Menschen günstig funktionalisieren kann.

Mit le Carrés Welterfolg ist im ernstzunehmenden Polit-Thriller die Zeit der Grauwerte angebrochen – gut und böse, richtig und falsch haben sich als ungeeignete Parameter erwiesen, erzählerisch mit der Welt umzugehen. Skepsis und Misstrauen gegenüber gewaltbereiten Bürokratien, Paranoia als intellektuelle Tugend und elegante Prosa als Antidot gegen den gefährlichen Irrwitz der Welt. Das sind die Qualitäten, die den "Spion" zu einem Schlüsselwerk machen und die Bestand haben.

Besprochen von Thomas Wörtche

John le Carré: Der Spion, der aus der Kälte kam
Roman
Aus dem Englischen von Sabine Roth
Ullstein Verlag, Berlin 2013
276 Seiten, 18,00 Euro

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