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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.03.2013

Man wird die Atomenergie in Japan "langsam zurückbuchstabieren"

Fukushima zwei Jahre danach - der Schriftsteller Adolf Muschg berichtet von den Folgen

Moderation: Katrin Heise

Adolf Muschg hat Hoffnung, dass sich in Japan auch fundamental was ändert. (Deutschlandradio)
Adolf Muschg hat Hoffnung, dass sich in Japan auch fundamental was ändert. (Deutschlandradio)

Der Schweizer Autor Adolf Muschg ist mit Japan aufs Engste verbunden - seine Frau ist Japanerin, sein Sohn lebt in Tokio. Muschg meint, Japan werde sich in der Atompolitik in dieselbe Richtung bewegen wie Deutschland. Die Voraussetzungen dazu würden allerdings nur langsam wachsen.

Katrin Heise: Für uns in Deutschland bedeutete Fukushima und die auf den Tsunami folgende Reaktorkatastrophe das verkündete Ende der Atomenergie. Das Vorhaben, eine andere Energiepolitik umzusetzen, bedeutet natürlich Schwierigkeiten, ja. In Japan selbst haben die Folgen der Natur- und Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011 natürlich ganz andere Dimensionen.

Der Schriftsteller Adolf Muschg, der seit Jahrzehnten mit Japan aufs Engste verbunden ist - seine Frau stammt aus Japan, sein Sohn lebt in Tokyo -, er beobachtet die Folgen auf seinen nach wie vor erfolgenden Reisen nach Japan. Mit ihm konnte ich kurz vor der Sendung sprechen.

Herr Muschg, ich grüße Sie, guten Morgen!

Adolf Muschg: Guten Morgen, Frau Heise!

Buddhistische Mönche in Minamisanriku gedenken der Todesopfer von Erdbeben und Tsunami heute vor zwei Jahren in Japan (picture alliance / dpa / Kimimasa Mayama)Buddhistische Mönche in Minamisanriku gedenken der Todesopfer von Erdbeben und Tsunami heute vor zwei Jahren in Japan (picture alliance / dpa / Kimimasa Mayama)Heise : Sie haben vor knapp zwei Jahren nach einer Reise durch Japan nach der Katastrophe gesagt, auf die Frage, ob darüber dort überhaupt gesprochen wird, Japan sei keine diskursive Kultur, sie geht davon aus, dass es genug ist, wenn das Schlimmste eintritt, und es taktlos wäre, auch noch darüber zu reden, weil man dadurch eben nichts ändern kann und sich zu wichtig nimmt.

Herr Muschg, wenn Sie jetzt heute gucken, wird nach dem 11. März, der sich jetzt zum zweiten Mal jährt, wird jetzt über seine Folgen gesprochen noch?

Muschg: Ja, gewiss, und natürlich ist die Deutung, die ich da gegeben habe, als psychologische möglicherweise nicht falsch, aber völlig ungenügend. Natürlich wird gesprochen, aber unterm Strich ist es schon so, dass die Lähmung nicht nur anhält, sondern im gewissen Sinne größer geworden ist.

Ich habe den Eindruck, dass die Ratlosigkeit des Systems, und das ist nun nicht das japanische alleine, sondern das der Zivilisation überhaupt, dass die Ratlosigkeit sozusagen die Dominante ist in diesem Spiel. Wir sind an Kapazitätsgrenzen gestoßen, die in mancher Hinsicht erst jetzt richtig bewusst und in mancher Hinsicht auch weiter beschwiegen werden, denn die Folgen der atomaren Katastrophe, sie laufen weiter, sie bleiben völlig unabsehbar.

Wir rechnen mit Zeiträumen, die jenseits des individuellen Vorstellungsvermögens sind, und es ist ja wohl kein Zufall, dass in Japan selber, dort, wo man etwas tun kann, nämlich bei den Tsunamifolgen, der Diskurs heftig, laut, deutlich wird, und was die atomare Katastrophe angeht, ist die Ratlosigkeit vielleicht größer als je.

Denn es war ja möglich, dass eine Regierung an die Macht kam, die kein erkennbares Energieprogramm hatte, nur weil man die demokratische Partei identifiziert hat, und leider nicht zu Unrecht, mit dem Unglück. Ich meine nicht zu Unrecht - der einzige Mann, der damals sozusagen die Dimensionen der Sache erkannt hat, der damalige Premierminister Kan, wurde schmählich abgewählt von der eigenen Partei, stolperte über Intrigen, ist heute nicht mal mehr im Abgeordnetenhaus, hat zum Glück Zeit, Bücher zu schreiben und schreibt jetzt, was ihm aufgegangen ist anhand dieser Sache.

Heise : Und gewählt wurde eben eine Partei, die, wie Sie sagen, nicht mal ein vernünftiges Energieprogramm hat. Was ist eigentlich aus der Protestbewegung gegen Atomkraft geworden? Denn es heißt ja, dass die Reaktoren nach einer gewissen Sicherheitsprüfung auch wieder alle angefahren werden sollen.

Atomkraft-Gegner demonstrieren im japanischen Osaka (picture alliance / dpa / Mizuha Mori)Atomkraft-Gegner demonstrieren im japanischen Osaka (picture alliance / dpa / Mizuha Mori)Muschg: Ja, ich halte das nicht für wahrscheinlich. Ich glaube, dass der Druck der Straße vielleicht nicht so sichtbar ist, wie er in den anderen Ländern ist. Es gibt ja jetzt sozusagen zum traurigen Jubiläum wieder die großen Demonstrationen, aber sie haben sich nicht umgesetzt in eine politische Konsequenz, und sie haben recht, die jetzige Regierung steht ja für die Atompolitik, die verhängnisvolle, der letzten Jahrzehnte, muss man sagen. Sie hat ja geradezu ein Monopol darauf.

Aber auch der jetzige Premierminister wird sich nicht leisten können, gegen das Grundgefühl, das Grundunbehagen von 70 Prozent seiner Landsleute sozusagen eine alte Agenda durchzuziehen. Die Japaner sind, wenn es hart auf hart kommt, pragmatisch. Sie heften der Sache einfach nicht gerne ein Fähnchen an, aber ich bin ganz sicher, dass sich Japan in derselben Richtung bewegt wie Deutschland oder die Schweiz.

Also es werden Alternativen gesucht. Was noch nicht möglich ist, ist eine - sozusagen genau so wenig wie beim Erdbeben von Lissabon im 18. Jahrhundert -, die Wahrnehmung dessen, was da wirklich geschehen ist mit der Zivilisation. Es geht ja nicht um einen einzelnen Ort, es geht auch nicht um Japan, sondern es geht um einen Paradigmenwechsel allergrößten Stils, und die Voraussetzungen dazu müssen ganz langsam einsinken und wachsen auch langsam.

Denn das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann, wird, solange das Ding strahlt - und das wird es für einige Generationen -, wird am Leben bleiben. Also so paradox es klingt, ich habe Hoffnung, dass sich in Japan auch fundamental was ändert.

Heise : Gerade weil dieses Strahlen eben immer weitergehen wird, gerade weil man mit den Folgen immer weiter zu kämpfen hat, denn beispielsweise widmet man sich von Regierungsseite her sehr stark der Dekontaminierung, man lässt Hauswände schrubben, Dächer schrubben, holzt Bäume und Büsche ab, lässt Erde in ganz großen Mengen abräumen und hat dann den ganzen verseuchten Müll, mit dem man eigentlich gar nicht weiß, wohin damit.

"Eine kosmetische Arbeit"


Muschg: Das ist das eine, der verseuchte Müll bleibt sozusagen liegen, aber das andere ist ja, dass man nicht eine ganze Landschaft dekontaminieren kann. Man kann die Wälder nicht dekontaminieren, die Luft, der Staub, der bei jedem Wind aus allen Ecken des Landes wieder aufgewirbelt wird.

Es ist natürlich eine - ich sage es mit Zittern - es ist eine kosmetische Arbeit, es ist furchtbar, es ist wie wenn man bei einem terminalen Patienten sagt: Es muss, damit was geschieht, palliative Maßnahmen. Und sie machen sich natürlich gut, und sie werden mit der äußersten, echt japanischen Hingabe und Energie durchgezogen, aber es ist ein bisschen so, wie wenn man ununterbrochen an der falschen Stelle einen Nagel einschlägt.

Man sieht die Mühe, die der Mann hat mit dem Nageleinschlagen, aber man sieht, dass der Nagel nicht wirklich in die Mauer geht.

Heise : Zwei Jahre nach der Natur- und Reaktorkatastrophe in Japan - der mit Japan eng verbundene Schriftsteller Adolf Muschg erzählt hier im "Radiofeuilleton" von den Folgen. Herr Muschg, der Wiederaufbauetat wurde ständig aufgestockt, darauf ist die Regierung auch recht stolz. Wie sieht es denn eigentlich mit der Hilfe zur psychischen Gesundung aus?

Muschg: Ja, also wenn ein Volk sozusagen die Mittel hat, mit schrecklichen Dingen zu leben, dann ist es Japan, und das ist ja nicht nur eine Tugend. Es hat sich bei Hiroshima und Nagasaki gezeigt, dass ein Schock auch umpolbar ist in eine Errungenschaft. Man hat ja dann gesagt, jetzt endlich haben wir die Atomenergie gebändigt, gezähmt, und genau diese Leistung ist jetzt annulliert worden. Und bis das verarbeitet ist, dauert es eine Weile, aber ich glaube, die Reaktion darauf, auch wenn Sie für unsere Augen sehr wenig spektakulär artikuliert wird, sie bleibt nicht aus.

Die Japaner haben gemerkt, dass sie mit gewissen Dingen leben müssen - Tsunami wird es weiter geben -, aber das Kernkraftwerk war kein Tsunami, so wenig wie Lissabon nur deswegen zerstört wurde, weil die Natur unbeherrschbar ist, sondern auch darum, weil da Leute auf zu engem Raum zusammenwohnten und sich auf eine Art geballt haben, die offenbar fatal werden kann. Und genau so wird man die Atomenergie in Japan langsam, langsam zurückbuchstabieren. Hoffentlich bleibt die Zeit dafür.

Heise : Ja, Sie haben gerade gesagt, spektakulär ist das nicht, was man im Moment beobachtet. Was beobachten Sie denn im Kleinen? Beobachten Sie im Kleinen Gespräche im Bekanntenkreis oder genau darüber, Veränderung oder eher nicht?

Unglaubliche Einsatzbereitschaft


Muschg: Dort, wo man glaubt, etwas nicht ändern zu können, redet man wenig in Japan. Man hält ja - da halte ich an meiner ursprünglichen Position fest -, den Diskurs nicht für ein Lösungsmittel für Probleme.

Also die Sprache, mit der man sich ausdrückt, ist Einsatzbereitschaft, Hilfsbereitschaft, unglaubliche Gesten des Opfers, auch des persönlichen Opfers, das spricht für sich selbst, und man glaubt nicht, dass die Zunge dann noch reden muss. Aber ich weiß nicht, wie man weiß, wie viel Verlass gewissermaßen auf die Lernfähigkeit des Systems ist, und damit meine ich nicht das japanische allein.

Bei uns ist ja auch der Energiewandel zwar angesagt, aber noch lange nicht durchgezogen, und wir sind, sobald der Eklat nachlässt und der Schock abklingt, sind wir wieder fast so unbelehrbar wie zuvor, das hat leider die Geschichte bewiesen. Das ist ungefähr das Einzige, was sie beweist, dass wir aus ihr nichts lernen.

Heise : Sie haben eben betont, dass also die, wo man eigentlich nicht helfen kann, Zunge auch nicht weiter darüber spricht. Gilt das auch für die Kultur, für kulturelle Bearbeitung? Denn wenn man ein nationales Trauma überhaupt verarbeiten möchte, hilft die Kultur ja durchaus. Was beobachten Sie da in Literatur oder auf dem Theater beispielsweise, wird es umgesetzt, findet es Eingang, die Katastrophe?

Muschg: Es gibt ein Beispiel, sozusagen ein Gegenstück zu Kan, das ist unser Freund und Kollege Oe, der japanische Nobelpreisträger, der unglaublich radikal ist in seiner Position und gewissermaßen aus stilistischen Gründen von den Japanern nicht ernstgenommen, man kann auch sagen, verdrängt wird im wahrsten Sinne des Wortes.

So ist es in Kan passiert, als er sozusagen einen radikalen Paradigmenwechsel anmahnte und sich auch entsprechend verhielt. Da gilt die alte Regel: Der Nagel, der den Kopf zu weit rausstreckt, wird eingeschlagen.

Heise : Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, eine intellektuelle Debatte darüber, eine intellektuell-kulturelle Debatte über Fukushima und die Folgen sehen und hören sie auch nicht.

Muschg: Ich nicht, nein, nein, die Zeitungen und Magazine sind voll davon, aber man hört zu viel Pragmatisches und zu wenig hinlänglich Radikales. Das ist nicht nur in Japan, das ist nirgends populär. Man isoliert sich eben, wenn man sagt, so geht es nicht weiter, und dann sagt, ja, was ist die Alternative zum Wettbewerb, was ist die Alternative zum Fortschritt und so weiter.

Und man endet dann schließlich bei einer ganz persönlichen Moral, man kann dann am Ende nur noch sagen, ich verzichte auf dieses und jenes und mache dieses und jenes nicht mit.

Also ich erkenne sozusagen den bösartigen Charakter eines bestehenden Wachstums, das die deutsche Bundesregierung ja nach wie vor unerschütterlich anderen Völkern vorschreibt, ohne die Komponenten dieses Wachstums näher anzusehen und die Mentalität, zu der es anstiftet.

Heise : Sagt der Schriftsteller Adolf Muschg zwei Jahre nach Tsunami und Atom-GAU in Japan. Herr Muschg, vielen Dank für dieses Gespräch!

Muschg: Ja, ich danke Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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