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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2015

Mai Jia: "Das verhängnisvolle Talent..."Ein Polit-Thriller aus China

Von Thomas Wörtche

Studenten halten Poträts von Mao Zedong während einer Erinnerungsfeier zum 120. Geburtstag von Mao Zedong. (dpa picture alliance/ Chinafotopress)
Der Thriller spielt zum Teil im maoistischen China. (dpa picture alliance/ Chinafotopress)

Ein Krimi aus China: "Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong" ist der erste übersetzte Roman des chinesischen Autors Ma Jia. Es dreht sich um einen genialen Kryptologen und einen totalitären Überwachungsstaats ausgenutzt, der seine Kenntnisse ausnutzt.

Polit-Thriller aus der Volksrepublik China sind nicht gerade alltäglich. Zwar ist Mai Jia in seinem Land ein belletristischer Mega-Star, aber bei uns ist er bislang noch nicht angekommen. Das wird sich spätestens nach seinem Roman "Das verhängnisvolle Talent des Rong" ändern, das erste auf Deutsch erschienen Buch des Autors. Nun stehen Romane nicht-dissidenter Autoren aus totalitären Staaten, zumal wenn sie so sensible staatsraisonable Dinge wie Geheimdienste behandeln, schnell unter dem Verdacht, regierungsamtliche Propaganda zu sein oder - positiv gewendet - verschlüsselt Regimekritik zu betreiben, wie das der Kubaner Leonardo Padura vorexerziert hat. Um diese Einwände vom Tisch zu nehmen – für Mai Jias Roman trifft beides nicht oder nur marginal zu.

Der Leser versinkt zunächst in einer streng rational strukturierten Welt

Dazu ist der Stoff, den Mai Jia gewählt hat zu spröde. Herr Rong ist ein mathematisches Genie, das aus einer ganzen Dynastie genialer Mathematiker und Mathematikerinnen stammt. Deren Geschichte seit dem späten 19. Jahrhundert bis in Maos Zeiten erzählt der erste Teil des Buches und macht damit ein Riesenpanorama chinesischer Geschichte seit der Kaiserzeit mit den Stationen Kuomintang, japanischer Besatzung, Bürgerkrieg und schließlich dem Maoismus inklusive der "Kulturrevolution" auf, die auch vor Genies zunächst nicht haltmacht.

Aber der chinesische Geheimdienst braucht Herrn Rong. Denn dessen Bestimmung ist die Kryptoanalytik, also das Knacken von Codes. Er wird rekrutiert, in einem kafkaesken Labyrinth isoliert, damit er sich voll und ganz seiner Aufgabe widmen kann. Herr Rong ist ein seltsamer Mensch, eher autistisch, verschroben, sozial schon beinahe debil. Sein Leben sind die Zahlen, denen er alles verdankt. Und so versinken wir im zweiten Teil des Buches in eine Welt, die streng rational strukturiert erscheint, aber – jenseits der Mathematik – schnell ins Mystische, ins Visionäre, ins Psychologische und letztlich in den Wahnsinn führt. Herr Rong kann einen Super-Code erfolgreich entschlüsseln, am nächsten noch raffinierter gebauten, scheitert er und verliert seinen Verstand.

Ein Super-Code, den zu entschlüsseln auch dem Erzähler wohl nicht gelingt

Das maoistische China, das der Roman zeichnet, ist ein abgeschottetes Land, mit Privilegien für die Herrschenden, ein totaler Überwachungsstaat, der seine Bürger hemmungslos manipuliert und sich um individuelle Dispositionen nur schert, wenn er sie funktionalisieren kann. Nicht sein Talent wird Herrn Rong zum Verhängnis, sondern der Zweckrationalismus, mit dem er missbraucht wird.

Erzählt wird diese traurige Geschichte von einem "Biographen" Rongs, der die Stimmen von Zeitzeugen montiert. Rongs Leben selbst erscheint so als Super-Code, den zu entschlüsseln auch dem Erzähler nicht gelingt. Der Roman mäandert durch die unterschiedlichsten Exkurse, ruft eminent viele historische Kontexte auf, wird zeitweise gar abstrakt bis kryptisch. Mit westlichen Modellen von Polit-Thrillern hat das ziemlich wenig zu tun. Aber aus dieser Distanz und Fremdheit bezieht der Roman seine Faszination. Das gute, alte Spionage-, Maulwurf-, Loyalitäts- und Manipulations-Narrativ bekommt durch die uns sehr fremde Inszenierung eine spannende, verblüffende und neue Dynamik.

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