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Mahlzeit | Beitrag vom 07.04.2017

MahlzeitWenn Traktoren gehackt werden

Von Udo Pollmer

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Der Mähdrescher "New Holland CR 960" aus den USA  (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Der Mähdrescher "New Holland CR 960" aus den USA (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)

Cybercrime auf dem Acker: Weil die Hersteller von Erntemaschinen den Landwirten verbieten, Reparaturen auszuführen, greifen letztere manchmal zu illegaler Software. Sieger in diesem Kampf wird, wer die Cyberhoheit gewinnt, meint der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer.

Hacker in Osteuropa haben die Elektronik US-amerikanischer Landmaschinen geknackt. Nun verkaufen sie illegale Software, die es erlaubt, in die Programme einzugreifen, die über Sensoren jedes Teil der High-Tech-Traktoren überwachen und steuern. Für diesen unerlaubten Eingriff könnten viele Farmer in den USA den Hackern die Füße küssen. Denn sie helfen ihnen aus einer brisanten Abhängigkeit.

Es geht um High-Tech-Fahrzeuge, um Traktoren mit bis zu 27 Tonnen Eigengewicht, die es ermöglichen, in kurzer Zeit riesige Flächen mit höchster Präzision zu bearbeiten, es geht um moderne Mähdrescher, die pro Minute eine Tonne Getreide ernten. Um Kartoffelroder und Rübenmäuse, die so schwer sein können wie Leopardpanzer und vollgestopft sind mit Elektronik wie das Cockpit eines Flugzeugs. Während der Erntezeit fahren diese Kolosse in den wichtigsten Anbauregionen der Welt Tag und Nacht im Dauereinsatz.

Der Landwirt darf nichts reparieren

Der Konflikt zwischen Hersteller und Kunden schwelt schon seit Jahren. Dabei geht es um etwas scheinbar Unverfängliches – um eine Lizenzvereinbarung. Darin verpflichtet sich der Landwirt, nichts an seinem Fahrzeug zu reparieren, zu verändern oder zu programmieren – auch nicht durch einen Fachbetrieb. Selbst das Auswechseln eines Transmissionsriemens oder das Abstellen eines nervtötenden Fehlalarms darf nur vom Hersteller selbst durchgeführt werden. Dem Kunden steht in der Regel nicht mal eine Diagnosesoftware zur Verfügung.

Für den Farmer hat das Folgen. Die geringste sind die stolzen Preise, die ihm die Niederlassung in Rechnung stellt. Was aber so richtig ins Geld geht, ist der Ausfall der teuren Maschinen, wenn wegen jeder Kleinigkeit erst ein Techniker anreisen darf. Müssen dann Ersatzteile bestellt werden, liegt der Gedanke an eine mittelalterliche Heuschreckenplage nicht mehr fern. Denn der Preis, den der Farmer für seine Ernte erzielt, hängt vom optimalen Erntezeitpunkt ab – und der wiederum von der Witterung. Stehen ihm seine Erntemaschinen nicht rechtzeitig zur Verfügung, kann es zum Totalverlust kommen. Die Herstellerwerke lassen sich natürlich von allen Schadensersatzansprüchen freistellen.

Illegale Software ist die letzte Rettung

Mit der wachsenden Kritik in der Öffentlichkeit rudern deren Manager inzwischen zurück – aber von den Lizenzverträgen rücken sie nicht ab. Das bedeutet: Will die Firma einen älteren Mähdrescher nicht mehr reparieren, ist er für den Besitzer wertlos. Geht sie Pleite, bleiben die Kunden auf ihren Maschinen sitzen. Dann ist illegale Software die letzte Rettung. Damit können die Farmer ihre Landmaschinen nach Gutdünken nutzen und auch selbst reparieren. Man könnte fast behaupten, osteuropäische Hacker halten sozusagen die US-Landwirtschaft bei Laune.

Doch nicht ohne Risiken: Im Konfliktfall können die Landmaschinen eines Konkurrenten oder anderen Landes  über den Webserver im Gerät abgeschaltet werden – die Schlepper bleiben liegen, die Ernten verderben auf den Feldern. Damit lässt sich trefflich Politik machen. Sieger wird, wer die Cyberhoheit gewinnt, egal ob Hersteller oder Hacker, Militär oder Mafia.

Ernährungssicherheit braucht Cybersicherheit

Es ist schon komisch: In der deutschen Öffentlichkeit empören sich viele Kommentatoren über "Saatgutkonzerne", die sich das "Leben patentieren" lassen. Doch deren Macht ist geringer als die der Software-Monopole. Beim Saatgut gibt es zwangsläufig ein Limit: Die Lizenzgebühr kann immer nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was der Landwirt durch die Ernte dieser Sorte an Mehrgewinn einstreicht – sonst kauft er nicht und baut lieber ältere Sorten an.

Doch im Falle des Schleppers muss der landwirtschaftliche Betrieb vorab das komplette Fahrzeug bezahlen, aber ob und wie er es nutzen darf und was dafür an Kosten entsteht, entscheiden im Nachhinein andere nach eigenem Gutdünken. Das kann für den Landwirt bis zur Enteignung führen.

Ernährungssicherheit braucht nicht nur Cybersicherheit – die Anwender brauchen unter allen Umständen den Zugriff auf ihre Maschinen, damit sie in der Lage sind, auch im Krisenfall Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu produzieren. Mahlzeit!


Quellen:

Koebler J: Why American farmers are hacking their tractors with Ukrainian firmware. Motherboard vom 21. März 2017

Nosowitz D: Farmers demand right to fix their own dank tractors. Modern Farmer 18. July 2016

Anon: Saskatchewan farmer hacks his 'smart' tractor to avoid costly dealer fees. CBCradio: As it happens vom 27. March 2017

Solon O: A right to repair: why Nebraska farmers are taking on John Deere and Apple. The Guardian 6. March 2017

Röthlein B: PS-Giganten mit Joystick-Bedienung. Welt.de vom 16. März 2013

Griffith K: Tractor hackers! Farmers turn to black market for illicit John Deere software needed to repair their equipment and avoid pricey dealership fixs. Dailymail.com von 22. March 2017

Wiens K: We can’t let John Deere destroy the very idea of ownership. Wired.com vom 21. April 2015

netzpolitik.org/2017/usa-bauern-hacken-eigene-traktoren/

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