Seit 14:30 Uhr Vollbild
 
Samstag, 28. Mai 2016MESZ15:44 Uhr

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.01.2014

Mafia-RomanBlut muss fließen

Dennis Lehane: "In der Nacht"

Von Thomas Wörtche

Dennis Lehane (dpa / picture alliance / epa efe Olive)
Der Schriftsteller Dennis Lehane (dpa / picture alliance / epa efe Olive)

Vom Kleinkriminellen in Boston, zum Mafioso in Florida und nebenbei eine große Liebe. In Dennis Lehanes Roman "In der Nacht" geht es auf 600 Seiten quer durch alle Facetten des Ganoventums während der amerikanischen Prohibition. Nichts sensationell Neues, aber dennoch ein routiniertes und spannendes Buch.

"Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexico wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement.“ So beginnt Dennis Lehanes Mafia-Roman "In der Nacht". Cementa shoesa gehören zum Standardrepertoire aller amerikanischen Mafia-Erzählungen genauso wie Aufstieg und Fall der jeweiligen Gangster, die entgegen der Realität in der Populären Kultur immer zum Scheitern verurteilt sind, wie der Essayist Robert Warshow es schon in den 1940er-Jahren beschrieben hat.

Ebenfalls zur erzählerischen Topik gehört eine gewisse "Interethnizität", die letztendlich zur Problematik von einschlägigen Figuren beiträgt: Lehanes Joe Coughlin ist Ire aus Boston (auch noch mit bürgerlichem Hintergrund, denn Papi ist hochrangiger Polizist), der für eine italienische Mafia-Familie die Geschäfte in Florida leitet. Florida ist das Sprungbrett nach Kuba, wo man während und nach der Prohibition – der Roman spielt 1926 bis 1935, als die Great Depression heftig wütete –, an Rum und Zucker herankommt, willkommene Rohstoffe mit erheblichen Profit-Margen.

Coughlin ist intelligent, hält sich zunächst seinen Gangsterkollegen für moralisch ein klein wenig überlegen, bis er lernt, genau so brutal und beiläufig zu töten. Und fast alles wäre gut, hätte er nicht in seinen Bostoner Tagen einem lokalen Boss die Frau ausgespannt. So muss viel Blut fließen, bis sich Coughlin mit den zwei Visionären des Organisierten Verbrechens arrangiert – mit Lucky Luciano und Meyer Lansky. Mit den beiden historischen Figuren also, die Mafia als ein Geschäftsmodell wie jedes andere begriffen und versuchten, die Profite in legales Kapital umzuwandeln.

Auch dieser Prozess zieht sich durch Lehanes Roman – was frommt den Gangstern mehr? Mit nackter Gewalt und übergekommenen Kategorien wie Ehre oder "Familie" (letztere wie es sich gehört immer schön doppelt codiert: Die Mafia-Familie, der die höchste Loyalität gehört und die private Familie) ihre Ziele brutal und ohne Rücksicht auf Kollateralschäden durchzuziehen - oder mit klugen Koalitionen und politischem Handwerkszeug wie Bestechung und Beteiligung zu weit effektiveren Resultaten zu kommen?

Coughlin ist auch eher ein Außenseiter, der mit der Latino-Bevölkerung Floridas zusammenarbeitet und sich auch noch in eine Latina verliebt. Das wiederum läuft quer zu dem rassistischen Status quo der Südstaaten in den 1930er Jahren.

Dennis Lehanes 600-Seiten-Panorama zieht die große Totale auf, ähnlich wie das die von u.a. Martin Scorsese produzierte HBO-Serie "Boardwalk Empire" tut, die eine ähnliche Prohibitions- und Mafia-Saga mit teilweise dem gleichen Personal erzählt. Bedenkt man, dass Lehanes literarischer Ort Boston ist – wo Scorseses modernes Mafia-Epos "Departed" spielt –, scheint es kein Zufall, dass sich "In der Nacht" wie ein Bewerbungstext für "Boardwalk Empire" liest.

Und prompt finden wir Lehane dort unter den neuen Autoren. Das spricht nicht gegen sein routiniertes und spannendes Buch. Es erklärt aber auch nicht vollständig sein Interesse an einem Stoff, der wenig bis keine neuen Aspekte zum Thema bietet und für dessen narrative Feinverästelungen sich das Riesenformat "Serie" dann doch besser eignet als der Roman. Und wenn er noch so gelungen ist.

Dennis Lehane: In der Nacht
Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Diogenes Verlag, Zürich 2013
583 Seiten, 22,90 Euro

Mehr zum Thema:
26.09.2013 | Kritik
Jeder verliert
Massimo Carlotto: "Die Marseille Connection", Tropen, Stuttgart 2013, 239 Seiten
14.02.2013 | Kritik | Archiv
Luigi Romolo Carrino: "Der Verstoß". Pulp Master, Berlin 2013, 124 Seiten
20.07.2012 | Kritik | Archiv
Howard Linskey: "Crime Machine", Knaur, München 2012, 378 Seiten

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj