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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.08.2015

LyriksommerZwischen Mittelhochdeutsch und Leuchtreklame

Von Michael Opitz

  ( Peter Jähnel/ dpa picture-alliance)
Leuchtreklame ist einer der Pole, zwischen denen Volker Sielaff seine Worte verortet. ( Peter Jähnel/ dpa picture-alliance)

Volker Sielaff versteht sich in seinen Gedichten auf die sanften Töne. Er spielt mit der Sprache. "Glossar eines Prinzen" will einerseits sprachliche Erklärungen liefern, andererseits meiden die Texte alles Eindeutige. Ein vielversprechendes Werk.

Es klingt ernüchternd, wenn der 1966 in der Lausitz geborene Volker Sielaff in seinem Gedicht "Dichtung und Wissenschaft" einen jungen Dichter mit den Versen auf den Boden der Tatsachen zurückholt:

"du kannst noch so viel brüllen, es bleibt
ein bloßes Nennen, ein Satz
zwischen Mittelhochdeutsch und Leuchtreklame."

Wie energisch sich der Dichter auch zu Wort meldet, nüchtern betrachtet, bleibt alles, was er sagt, zwischen diesen beiden Markierungen verortet - Mittelhochdeutsch auf der einen, Leuchtreklame auf der anderen Seite. Das Gedicht darf auch als eine Art Selbstverständigungstext verstanden werden. Wer gehört werden will, muss nicht unbedingt mit Furor vorbringen, was gesagt werden muss - manch sanfter Ton vermag sehr viel mehr zu bewirken.

Sielaff nutzt Sprache als Spielraum

Auf die sanften Töne - Joachim Sartorius nennt seinen schreibenden Kollegen eine "nicht zornige Stimme" - versteht sich Sielaff, der mit "Glossar des Prinzen" nach "Postkarte für Nofretete" (2003) und "Selbstporträt mit Zwerg" seinen dritten Lyrikband vorlegt. In Sielaffs neuen Gedichten erweist sich die Sprache als ein Spielraum. So behauptet das lyrische Ich in dem Gedicht "Das Weltall ist ein großer Wald in dem die Angst keine Ohren hat", dass ihm keine Sprache eingetrichtert werden muss. Die Abwehrhaltung wird mit einer überraschenden Wendung vorgetragen:

"ihr müsst mir keine Sprache eintrichtern,
ich sehe ganz von selbst."

Sich der eigenen sprachlichen Möglichkeiten versichern und Gesehenes in Sprache übertragen, das sind die beiden Pole, zwischen denen sich Sielaffs Gedichte bewegen. Als Glossare verstehen sie sich als sprachliche Erklärungen, wobei sie tunlichst alles Eineindeutige vermeiden. Und es gibt auf der anderen Seite eine Vielzahl von Gedichten, denen bildkünstlerische Arbeiten von Cranach, Klee, Matisse und Goya zugrunde liegen.

Auf die weitere Entwicklung darf man gespannt sein

Sehr viel mehr als in dem vorherigen Gedichtband experimentiert Sielaff in "Glossar des Prinzen" mit der Sprache. In dem Gedicht "Bahnstation, Dorf" stellt er eine Verbindung her zwischen Lauten und Laufen. Ein Kind artikuliert mit "la - la- laufen" in der Sprache, was es zu tun beabsichtigt, indem es den Wunsch ins Lautliche überträgt. Sielaffs Gedicht gelingt es, mit diesem Verweis auf das kindliche Wollen ein Einfallstor in den Sprachkosmos zu errichten. Wer das Sprachtor benutzt, kommt entweder an oder der, an den man sich wendet, versteht nur Bahnhof. Der Vokal wird dabei in Sielaffs Gedicht zum Stand- und Spielbein, wobei sich Bewegung und Sprache ergänzen. Das Lallen hält Schritt mit dem Gehen-Wollen und ähnelt einem

"Bahnhofsglühen bei der Einfahrt
des Zuges, ein wildes Versteppen, Lallen, Ins-Kraut-Schießen".

Der in Dresden lebende Volker Sielaff erhält in diesem Jahr die Ehrengabe der deutschen Schillerstiftung. Auf die Entwicklung, die dieser Dichter nehmen wird, darf man gespannt sein.

Volker Sielaff: "Glossar des Prinzen. Gedichte"
Luxbooks, Wiesbaden 2015
120 Seiten, 19,80 Euro

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