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Lesart | Beitrag vom 19.02.2016

Lyriker Adonis erhält Remarque-FriedenspreisVerspätete Auszeichnung für streitbaren Dichter

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Der syrische Lyriker Adonis, aufgenommen 2004 (picture alliance / dpa / Kokot)
Dem umstrittenen Lyriker Adonis wurde unter anderem 2001 die Goethe-Medaille verliehen. (picture alliance / dpa / Kokot)

Der Ehrung ging ein monatelanger Streit voraus - Kritiker werfen dem syrisch-libanesischen Lyriker Adonis eine zu große Nähe zu Baschar al-Assad vor. Dennoch wurde Adonis nun mit dem Erich Maria Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet.

Trotz einer seit Monaten andauernden kritischen Debatte wurde der syrisch-libanesische Schriftsteller Adonis mit dem mit 25.000 Euro dotierten Erich Maria Remarque-Friedenspreis ausgezeichnet. Mit der Auszeichnung ehrt die Stadt Osnabrück alle zwei Jahre Autoren, die sich mit den Themen "innerer und äußerer Frieden" auseinandersetzen.

Ursprünglich hätte Adonis der Preis bereits im vergangenen November verliehen werden sollen. Dies wurde jedoch verschoben - aus organisatorischen Gründen, da sich aufgrund der öffentlichen Kritik nicht ausreichend Gesprächspartner für den Festakt gefunden hätten. Der 86-Jährige sah sich vor allem dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht deutlich genug von Syriens Machthaber Baschar al-Assad zu distanzieren.

In seiner Dankesrede im historischen Osnabrücker Rathaus sagte Adonis, dass alle aufgeklärten Menschen bewaffnete Konflikte wie in Syrien ächteten. Sie träumten von einer Gesellschaft, in der der Glaube - wie die Liebe - eine Privatangelegenheit sei. Auf einer Podiumsdiskussion im Vorfeld der Preisverleihung war der Lyriker zuvor mit dem Islam hart ins Gericht gegangen. Dieser sei nicht reformierbar und zudem eine Religion ohne Kultur, die nie einen vernünftigen Philosophen hervorgebracht habe.

Hören Sie hier den Beitrag zur Podiumsdiskussion in der Sendung "Fazit" vom 18.02.2016:

 

"Nichts anderes als eine Kopie des Hakenkreuzes"

Gegen Adonis' Ehrung mit dem Remarque-Friedenspreis hatten sich schon im vergangenen Herbst zahlreiche kritische Stimmen formiert. Dazu gehörte unter anderem der in Berlin lebende irakische Schriftsteller Najem Wali. Im Deutschlandradio Kultur zielte Wali vor allem auf Adonis' Mitgliedschaft bei der Syrischen Sozial-Nationalistischen Partei, deren Logo "nichts anderes als eine Kopie des Hakenkreuzes" darstelle. Adonis mit dem Friedenspreis auszuzeichnen bedeute deshalb, "Erich Maria Remarque quasi posthum ein zweites Mal auszubürgern".

Zu hören ist hier das Interview mit Najem Wali in der Sendung "Fazit" vom 12.11.2015:

 

Zuvor hatte auch der Islamwissenschaftler Stefan Weidner ein gewisses Verständnis für die Diskussion um den Schriftsteller geäußert. Dessen Haltung im Syrien-Konflikt sei "ungenügend", vor allem, weil sich Adonis nie deutlich genug von Baschar al-Assad distanziert habe.

Daniel Gerlach, Mitherausgeber der Zeitschrift "Zenith" und sowie Laudator der Preisverleihung, verteidigte die Jury-Entscheidung hingegen. Die Diskussion sei "aus dem Ruder gelaufen", sagte Gerlach, ebenfalls im Deutschlandradio Kultur. Er warf den Kritikern vor, sich nicht intensiv genug mit dem Werk Adonis' auseinandergesetzt zu haben, denn die Kritik beziehe sich nur auf einige wenige kontroverse Aussagen. Außerdem seien einige umstrittene Aussagen von Adonis teilweise mehrere Jahrzehnte alt. "Dann dürften wir uns heute auch nicht mehr mit intellektuellen Größen wie Michel Foucault oder Helmut Schmidt vollauf identifizieren", so Gerlach. Einige Aussagen solle man deswegen "einfach so stehenlassen".

Hören Sie hier das Gespräch mit "Zenith"-Herausgeber und Laudator Daniel Gerlach in "Fazit" vom 13.11.2015:

 

"Positionen, die auf Unwissen begründet sind"

Adonis selbst bezog im November im Deutschlandradio Kultur Stellung zu den Vorwürfen. Es sei zu bedauern, dass viele, die ihn tadelten, "Positionen bezogen haben, die auf Unwissen begründet sind". Er empfahl seinen Kritikern - zu denen neben Najem Wali und Stefan Weidner auch Navid Kermani gehört -, erst seine Bücher zu lesen, bevor sie über ihn urteilten.

Mit Blick auf den Syrien-Konflikt sagte Adonis:

"Die Situation in Syrien ist eine Auseinandersetzung internationaler Mächte. Und ich bin gegen das Regime und gegen die Opposition. Das sind einfach zwei Gesichter einer Münze. Keiner von denen hat irgendetwas Fortschrittliches vorzuweisen. Keine der beiden Seiten spricht von einer laizistischen, zivilisierten Gesellschaft. Und keiner von ihnen setzt sich dafür ein, dass die Frau emanzipiert wird."

Das Interview mit Adonis aus der Sendung "Lesart" vom 18.11.2015:

 

Sehen Sie hier ein Interview mit Adonis in der 3Sat-Sendung "Kulturzeit".

(PS)

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