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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 15.04.2013

Lukrative Tierquälerei für den Export

Lebendtiertransporte in Australien

Von Andreas Stummer

Australische Rinder vor ihrem Transport nach Indonesien (dpa / picture alliance / Dave Hunt)
Australische Rinder vor ihrem Transport nach Indonesien (dpa / picture alliance / Dave Hunt)

Eine qualvolle Seereise und ein grausamer Tod in ausländischen Schlachthöfen: Jedes Jahr verschiffen australische Farmer Hunderttausende Rinder in andere Länder und machen damit Milliardenumsätze. Als Bilder davon an die Öffentlichkeit gerieten, wurden die Transporte kurzzeitig ausgesetzt, mittlerweile finden sie wieder statt.

Am Hafen von Darwin, Nordaustralien. Ein paar hundert Demonstranten versuchen 13.000 Rinder aufzuhalten. Jedenfalls symbolisch. Die Tiere werden über eine Rampe in den Bauch eines gewaltigen Frachtschiffs getrieben. Die "Ocean Drover" ragt 15 Stockwerke nach oben, ein schwimmendes Hochhaus.

Ziel des Lebendtiertransports ist Indonesien. Die Tiere werden unterwegs Enge, unerträgliche Hitze, Seekrankheit, Stress, Hunger und Durst erleiden. Nur um hinterher geschlachtet zu werden. Kevin Mulvahil von Livecorp, Australiens größtem Vieh-Exporteur, hört die Proteste gar nicht mehr. Lebendtiertransporte sind ein zu gutes Geschäft, um es sich von ein paar Hippies verderben zu lassen.

"Jeder würde eine Menge Geld verlieren. Futterlieferanten, die Zulieferer und Spediteure - aber vor allem die Züchter, Exporteure und Schiffseigner. Dazu noch die Arbeiter in Indonesien. Lebendtiertransporte sind eine Industrie, an der Hunderttausende Menschen verdienen."

Es dauert einen ganzen Tag, bis alle Rinder an Bord sind, danach vier Tage auf hoher See bis nach Indonesien. Das Vieh wird ausgeladen und in spezielle Futterhöfe getrieben. Sind die Rinder fett genug, kommen sie zum Schlachter. Indonesier wollen ihr Fleisch nicht aus der Tiefkühltruhe, sondern frisch vom Schlachthof. Lyn White von der Tierschutzorganisation "Animals Australia" folgte den Rindern, um herauszufinden wie sie dort behandelt werden.

"Die australische Lebendtier-Industrie blüht, weil sie ihre Tiere in Länder schickt, in denen niemand sieht, was vor sich geht. Wir dachten, die Indonesier würden unser Vieh besser behandeln, weil die australischen Züchter mit ihnen zusammenarbeiten. Aber – wie sehr haben wir uns getäuscht."

Lyn White sieht aus, als könnte ihr jede Fliege etwas zuleide tun. Sie ist eine zierliche Person, hübsch, Mitte 40, mit blonder Kurzhaarfrisur. 20 Jahre lang war sie Polizistin in Adelaide. Dort hatte sie mit Vergewaltigung, Mord und Totschlag zu tun. Aber erst als Tieraktivistin sah sie Gräuel, die ihren Glauben an die Menschheit erschütterten. Vor Jahren in Ägypten, jetzt in elf indonesischen Schlachthöfen.

Sehnen werden durchschnitten, Beine gebrochen

Die Aufnahmen, die Lyn White mit Wissen der Schlachter gedreht hat, sind erschütternd. Immer wieder werden die Rinder geschlagen, mit Stöcken oder Ketten. Um sie ruhigzustellen werden den Tieren die Sehnen durchgeschnitten, anderen die Beine gebrochen. Was nach islamischer Tradition nach nur einem Kehlenschnitt und in ein paar Sekunden vorbei sein sollte, braucht wegen stumpfer Messer oft ein Dutzend Versuche, der Tod dauert qualvolle Minuten.

Angebunden müssen die Rinder mit ansehen, wie Tier um Tier vor ihnen geschlachtet und zerteilt wird. Sie beginnen am ganzen Leib zu zittern, als sie ihr eigenes Schicksal begreifen. Lyn White konnte nur mit Mühe weiterfilmen.

"Es brach mir das Herz. Diese Tiere wussten genau, was ihnen bevorstand und sie hatten Todesangst. Ich dachte nur daran, Beweismaterial zu sichern. Denn das Leid dieser Tiere muss andere vor den gleichen Umständen bewahren."

Als Lyn Whites Aufnahmen im Juni 2011 im australischen Fernsehen zu sehen waren, gab es einen Aufschrei. Zuschauer waren entrüstet, Politiker empört und der Züchterverband wurde mit wütenden Protest-Emails bombardiert. Dabei wurden die schlimmsten Szenen gar nicht gezeigt.

Bidda Jones ist die leitende Wissenschaftlerin beim australischen Tierschutzverein in Melbourne. In ihrem Computer hat sie Lyn Whites Videomaterial aus den indonesischen Schlachthöfen gespeichert. Insgesamt elf Stunden. Jones verbrachte Wochen damit, die Aufnahmen zu analysieren. "Nichts in ihrer Karriere", gibt sie zu, sei ihr jemals schwerer gefallen.

"Wenn wir lebende Tiere exportieren, dann setzen wir sie enormen Gefahren aus. Vor allem in Ländern, in denen es kein Tierschutzgesetz gibt. Ich bin entsetzt, dass wir immer noch australische Rinder in diese Märkte schicken."

Die angeblich von Australiern trainierten Schlachter waren unerfahrene Schlächter. Und auch von den Bolzengeräten, mit denen die Rinder – nach australischem Standard - erst betäubt werden sollten, fand Lyn White keine Spur.

"Um Vieh auch nur annähernd human zu schlachten, müssen die Tiere erst betäubt werden. Doch selbst dann muss der Handel mit lebendem Vieh aufhören. Wir sollten die Tiere hier in Australien unter unserer Kontrolle töten und sie dann zu Fleisch verarbeitet ausführen – nicht als Lebendtiere."

Die meisten Rinder, die Lyn White in Indonesien filmte, kamen aus Westaustralien. Von einer Farm, die Ken Warriner gehört, Australiens Kuhflüsterer.

Ganz Australien war schockiert

Inmitten einer Herde, mit Flanellhemd, Jeans, Gummistiefeln und einem Hut so groß wie eine Suppenschüssel. "Ich sehe genau so aus, wie sich Leute in Sydney oder Melbourne einen Viehbaron vorstellen", witzelt Warriner. Was der 72-Jährige nicht über die Rinderzucht weiß, das braucht man auch nicht zu wissen. Seine Gesellschaft kontrolliert Farmen in drei Staaten, eine Fläche doppelt so groß wie Belgien. Kein Dünger, keine Futtermittel, keine Ställe – nur Gras und jede Menge Platz. Ken Warriners Rinder wachsen organisch auf. Umso verstörender waren für ihn die Aufnahmen aus den indonesischen Schlachthöfen. "Das ist Tierquälerei", sagt Warriner. Die Bilder hätten ihn da getroffen, wo es weh tut. Wie ein Schlag in die Magengrube.

"Wir waren bitter enttäuscht, wie sehr die Tiere misshandelt wurden, wie sie immer wieder geschlagen und zu Boden geworfen wurden. Und wie amateurhaft die Halal-Schlachtmethode ausgeführt wurde. Wir müssen dafür sorgen, dass sobald wie möglich Bolzengeräte zur Betäubung des Viehs eingesetzt werden."

Ganz Australien war schockiert. Zehntausende demonstrierten in Sydney, Melbourne, Adelaide und anderen Großstädten für das Abschaffen des Lebendtierhandels. Unter Druck setzte die Regierung die Exporte für sechs Monate aus, um der Industrie Zeit zu geben, die Missstände zu beheben. Ausbilder wurden nach Indonesien geschickt – und ein Trainingsvideo.

Anfang 2012 wurden die Lebendtiertransporte wieder aufgenommen. Doch seitdem wollen die Züchter Schadensersatz. Millionen von Dollar. Die Rinderzucht sei keine Fabrik, die man vorübergehend schließt und in der dann das Fließband einfach wieder angestellt wird. Doch das Image der Industrie ist ramponiert. PR ist alles. Deshalb ist Kirsty Forshaw heute auch mehr bei Presseterminen als auf ihrer Rinderfarm. Die 35-Jährige versucht ihr Bestes, um vor allem Großstädter davon zu überzeugen, dass es ihr und anderen Viehzüchtern nicht nur ums Geld, sondern auch um das Wohl ihrer Tiere geht.

"Ich glaube, dass die Öffentlichkeit und Tierschützer unterschätzen, wie sehr uns unser Vieh am Herzen liegt. Wir wollen nicht, dass es leidet. Wir Züchter kämpfen derzeit ums Überleben und gegen den schlechten Ruf, den unsere gesamte Industrie in Australien bekommen hat."

Züchterversammlung in Kingsley, 200 Kilometer nordöstlich von Perth. Wie so oft geht es um Lebendtiertransporte. Diesmal aber ist ein Gast da: Senator Nick Xenophon aus Canberra, ein erklärter Kritiker der Exporte und Befürworter des Sechs-Monate-Ausfuhrstopps nach Indonesien. Eines muss man Xenophon lassen: Er hat Courage. Der ganze Saal ist gegen ihn. Draußen ist sein Mietwagen von dicken Pick-ups und Allrad-Jeeps zugeparkt, drinnen ist dicke Luft.

Horrende Zustände in indonesischen Schlachthöfen

Ein Farmer nach dem anderen lässt Senator Xenophon wissen, was sie von ihm halten. John Carter kann sich das alles nicht mehr länger mit ansehen. Er braucht eine Zigarette. Carter ist Rinderzüchter in fünfter Generation, "Kettenraucher in dritter", sagt er zwischen zwei Zügen an einer filterlosen Selbstgedrehten. John Carter ist ein besonnener Mann, der nur redet, wenn er auch etwas zu sagen hat. Er gibt nicht den Politikern Schuld, sondern seinen eigenen Leuten – genauer gesagt MLA, "Meat & Livestock Australia", dem australischen Fleisch- und Lebendtierverband.

Carter erklärt warum. Jeder Schaf-, und jeder Rinderzüchter ist Mitglied der Organisation. Der Verband ist dafür verantwortlich, dass australisches Vieh im Ausland auch nach australischem Standard getötet wird. Human und ohne Qualen. "Im Verband weiß man seit mehr als zehn Jahren von den horrenden Zuständen in indonesischen Schlachthöfen", sagt John Carter. Aber niemand hätte etwas dagegen unternommen, sondern einfach nur weggesehen.

"Für jedes Tier, das wir verkaufen, müssen wir dem Verband eine Abgabe von fünf Dollar bezahlen. Ich frage mich: Was bekommen wir dafür? Der Verband hat 1,7 Milliarden Dollar unserer Abgaben und Steuergelder ausgegeben. Und nichts hat sich geändert."

Letztes Jahr machte der australische Fleisch- und Lebendtierverband einen Gewinn von 150 Millionen Euro, die Hälfte ging in den Bereich "Forschung und Entwicklung". Doch statt damit die Bedingungen in Schlachthöfen von Indonesien bis in den Mittleren Osten zu verbessern, blieb der Großteil des Geldes in Australien. In den Taschen der großen Lebendtier-Exporteure. "Von wegen Forschung und Entwicklung". John Carter winkt ab: "Diese Konzerne werden dafür belohnt, auf ihren Händen zu sitzen und nichts zu tun."

"Der Verband verkauft nicht ein Kilogramm Fleisch, er ist nichts weiter als ein Blutsauger. Abermillionen unserer Beiträge gingen an Firmen, an denen die Direktoren des Verbandes beteiligt sind. Wofür genau das Geld verwendet wurde, wissen wir nicht."

Vorbild Neuseeland

"Die Krokodilstränen vieler Züchter lassen mich kalt", meint John Carter. Wäre ihr Vieh erst einmal auf einem Transportschiff und ein dicker Scheck in ihrer Tasche, dann sei den meisten das Wohlergehen der Tiere völlig gleichgültig – am Ende ihrer Reise warte ja sowieso nur der Schlachter. Carter unterstützt den Vorschlag von Nick Xenophon. Der südaustralische Senator fordert alle Lebendtiertransporte schrittweise, über die nächsten drei Jahre, einzustellen. Dem Vieh würden die Strapazen der Seereise und ein grausamer Tod in ausländischen Schlachthöfen erspart. Und es würden tausende Jobs für Australier geschaffen.

Nick Xenophon: "Vor 30 Jahren wurde all unser Fleisch hier verarbeitet. Ich sehe keinen Grund, warum wir das nicht wieder tun können. Wir würden dann nicht länger Lebendtiere, sondern nur noch ihr Fleisch exportieren. Es gab damals sechs große Schlachthöfe in Nordaustralien, heute sind sie alle verschwunden. Nicht einer ist übrig. Das ist einfach nicht akzeptabel."

Neuseeland hat es vorgemacht. Dort wurde der Export von lebenden Schafen eingestellt – ohne größere Einbußen für die Züchter. Die Tiere wurden in einheimischen Schlachthöfen verarbeitet und dann tiefgefroren ausgeführt. Nick Xenophon will das gleiche Modell für australische Rinder. Die Fünf Dollar-Abgabe für jedes verkaufte Stück Vieh könnte mithelfen, Kühlhallen in Indonesien und dem Mittleren Osten einzurichten. Luke Bowen aber will davon nichts wissen. Er vertritt die Interessen der nordaustralischen Rinderzüchter. Der Idee, Schlachthöfe durch Kühlhäuser zu ersetzen, zeigt er die kalte Schulter.

"Es steht uns nicht zu, den Indonesiern vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Sie wollen Rinder nach ihren religiösen Bräuchen schlachten. Sie wollen kein tiefgefrorenes Fleisch, sie wollen frisches - und das liefern wir ihnen. Ohne Lebendtiertransporte können weite Teile der Viehindustrie Nordaustraliens nicht überleben. Das sind die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen."

Züchter und Exporteure interessieren nur ihre Profite, doch immer mehr Juristen beschäftigen sich mit dem ethischen Umgang mit Nutztieren. Nach der Tierschutzverordnung der Europäischen Union sind Nutztiere, rechtlich gesehen, "fühlende Kreaturen". In Australien aber gelten sie, nach dem Gesetz, als Ware. Ihr Wohl liegt in der Hand ihrer Züchter oder Händler. Auch bei Lebendtiertransporten.

Eine Rechtslage, die Michael Kirby ändern möchte. Früher, am Obersten Gerichtshof, war der 74-Jährige Australiens renommiertester Gesetzesmacher. Jetzt will Kirby mithelfen, das australische Tierschutzgesetz nach dem Vorbild der Europäischen Union zu reformieren.

"Genau wie wir Menschen fühlen Tiere Schmerz, Trauer oder Einsamkeit. Das müssen auch wir rechtlich anerkennen. Nur so können Nutztiere von der Farm bis zum Schlachthof vor Missbrauch bewahrt werden. Diese Tiere werden für unseren Konsum gezüchtet. Sie sollten human behandelt und getötet werden. Aber es ist ermutigend, dass sich junge Rechtsexperten immer mehr für einen besseren Schutz der Tiere einsetzen."

Ein anderer Schlachthof, die gleichen Horrorbilder. Wieder aus Indonesien, den Monat zuvor waren es Pakistan und Ägypten. Je öfter Videoaufnahmen vom Missbrauch australischer Rinder im Fernsehen auftauchen, desto leidenschaftlicher wird für das Ende von Lebendtiertransporten protestiert. Die australische Regierung steckt in einem Dilemma. Noch dazu in einem Wahljahr. Was wiegt schwerer? Die Interessen einer Milliardenindustrie, von der Zehntausende Jobs im ländlichen Australien abhängig sind oder der Schutz wehrloser Nutztiere? Bidda Jones vom Tierschutzverein stellt sich immer wieder dieselbe Frage: "Wie können uns unsere Politiker ins Gesicht sehen, wenn sie dem Leid hilfloser, australischer Tiere im Ausland den Rücken zukehren?"

"Es ist ein schrecklicher Gedanke, dass diese Tierquälereien immer noch passieren und dass die Viehindustrie seit mehr als zehn Jahren von diesen Bedingungen in ausländischen Schlachthöfen wusste. Warum schicken wir weiter unsere Tiere in diese Hölle? Dort werden sie nur weiter misshandelt. Jedes Mal."

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