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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.03.2013

Locker vom Hocker

Wie sich die Texte von Grundschulkindern in vier Jahrzehnten verändert haben

Wolfgang Steinig im Gespräch mit Katrin Heise

Die Filmszene erzählt von drei Jungs und einem Mädchen mit Puppe.  (AP)
Die Filmszene erzählt von drei Jungs und einem Mädchen mit Puppe. (AP)

Seit 1972 bittet der Germanist Wolfgang Steinig Kinder, einen Text zu ein und derselben Filmszene zu schreiben. Meinungsfreudiger, fantasievoller, aber dafür mehr Fehler, so fasst er seine Analyse zusammen. Dabei sei die Schere zwischen schwächeren und leistungsstärkeren Schülern auseinander gegangen.

Katrin Heise: Wie hat sich die Schreibfähigkeit der Kinder entwickelt in den letzten Jahrzehnten, in denen sich die Schule ja so verändert hat, in denen Kinder eine ganz andere Mediennutzung an den Tag legen. Kulturpessimisten konstatieren mit schöner Regelmäßigkeit einen Verfall der Sprache. Wolfgang Steinig, Germanist an der Universität Siegen, hat sich Texte von Viertklässlern angesehen und verglichen. Schönen guten Tag, Herr Steinig!

Wolfgang Steinig: Ja, schönen guten Tag!

Heise: Was waren denn das für Texte?

Steinig: Das waren Texte, die Viertklässler geschrieben haben, und zwar im Anschluss an einen kurzen Film, den ich im Jahre 1972 selbst mit einem Freund zusammen gedreht habe.

Heise: Was die Kinder darüber geschrieben haben, das hören wir jetzt. 1972: "Da waren drei Jungen. Einer von denen hat gesagt, so ein Mist, heute ist nichts los. Da haben die Jungen ein Mädchen mit einem Puppenwagen gesehen. Die Jungen sind ihr natürlich nachgeschlichen. Das Mädchen hat sich ahnungslos auf eine Bank gesetzt, ein Junge hat ihr dann die Puppe weggenommen, die Puppe haben sie dann von einem zum anderen geworfen. Da kam eine Frau des Weges und hat gesagt: Ihr Lümmels! Das Mädchen hat ihre Puppe im Puppenwagen getan und ist wahrscheinlich wieder nach Hause gefahren." Das war ein Text aus dem Jahr 1972, nachdem die Kinder eben einen Film gesehen haben.

2002 klang das so: "Drei gegen einen. Es war einmal ein Mädchen mit einer gelben Jacke, die mit ihrer Puppe im Park spazieren ist. Aber es war kein gewöhnlicher Spaziergang. Sie setzte sich auf eine Bank und legte ihre Puppe neben sich. Plötzlich schlichen sich drei Jungen von hinten an die Puppe heran und schnappten sie sich. Sie sprang sofort auf und versuchte, sie wiederzuholen. Aber sie kam nicht an die Puppe heran, weil sie warfen die Puppe im Dreieck herum. Dann kam endlich eine Frau. Sie kam an sie heran und bestrafte die bösen Jungs. Dann bekam auch das Mädchen mit der gelben Jacke ihre Puppe wieder."

So, und im Jahr 2012 klang der Text eines Kindes so: "Ich fande lustig, wo die drei Kinder die Puppe geklaut haben. Der Film war lustig. Was ich komisch fande, war, dass ein großes Mädchen noch mit Puppen spielt. Schade fande ich, dass die Frau dem Mädchen geholfen hat, weil es lustig war, dass die Kinder die Puppe hin- und hergeworfen haben. Was ich auch noch schade fand, dass im Film nicht so viel gesprochen wurde. War der Polizist am Anfang eine Handpuppe?" Ein Text eines Grundschulkindes aus dem Jahr 2012. Da hat ein Kind seine Meinung abgegeben, würde ich sagen. Was ist dem Wissenschaftler denn aufgefallen?

Steinig: Ja, also die Texte, die diesen kommentierenden Charakter haben, die fand man 1972 und 2002 noch gar nicht. In dieser Zeit wäre, vor allen Dingen 1972, wäre einem Kind überhaupt nicht in den Sinn gekommen, in dieser Form etwas zu schreiben. Dort waren die Kinder einfach noch sehr viel stärker auf die Erwartungen, die von der Schule an sie herangetragen wurden, von ihrem Deutschlehrer, von ihrer Deutschlehrerin, an sie herangetragen wurden, darauf waren sie fixiert und haben versucht, dieses Textmuster Nacherzählung möglichst so zu realisieren, wie man das von ihnen erwartet. Aber 2012 finden wir sehr häufig Kommentare, manchmal auch Kommentare, ohne dass der Film überhaupt erzählt wird, so wie in diesem Text, den Sie da eben gerade vorgelesen haben.

Heise: Ja, vom Film erfährt man eigentlich nicht viel. Würden Sie insgesamt also einen Wandel kindlichen Schreibens konstatieren?

Steinig: Also grundsätzlich ist es so, dass die Kinder heute nicht mehr so eng an eine Textsorte gebunden sind. Wir haben es mit neueren didaktischen Entwicklungen zu tun, mit dem kreativen Schreiben vor allen Dingen, wo sie einen Impuls bekommen, etwas sehen, etwas, ein Bild, eine Karikatur, und dann ihrer Fantasie freien Lauf lassen können und dann, ja, etwas schreiben, was einfach sehr viel fantasievoller ist, als es in den 70er-Jahren noch war.

Heise: Fantasievoller – selbstbewusster, würde ich auch vor allem denken.

Steinig: Ja, auch selbstbewusster ...

Heise: Kann man das in Beziehung setzen zum Twittern und zum Gebrauch von Sozialen Medien in der Gesellschaft, also dass man heutzutage doch einen ziemlich starke Meinungsfreude hat, oft selbst bei wenig Information im Hintergrund?

Steinig: Ja, diese Vermutung liegt nahe ...

Heise: Wobei Viertklässler nicht unbedingt twittern, würde ich sagen.

Steinig: Na ja, aber wir haben beispielsweise auch in einigen wenigen Texten Hinweise darauf, dass den Kindern das Internet vertraut ist. Smileys kamen ab und zu vor, nicht, also Kinder sind nicht unberührt von diesen Medien, auch in dem Alter. Dass man so kommunikativ schreibt und vor allen Dingen, sagen wir mal, so locker vom Hocker, ohne sich großartig Gedanken zu machen, wie es mit der Rechtschreibung aussieht, das war 1972 gänzlich anders. Damals kam es in der Schule vor allen Dingen darauf an, dass man zunächst einmal eine schöne Handschrift erwirbt, Schwungübungen wurden da zunächst gemacht. Die Wörter mussten richtig geschrieben werden. Wenn ein Wort falsch war – damals hat man ja noch auf einer Tafel zunächst geschrieben –, wurde das sofort ausgewischt, damit sich dieser Fehler nicht einprägt, einschleift.

Diese Ängste sind völlig passé heutzutage. Heute ist man froh, wenn die Kinder viel schreiben. Hauptsache, man kann es verstehen, was da steht, Hauptsache, der Text hat eine kommunikative Funktion. Und wenn Sie gerade noch mal an diesen rein kommentierenden Text denken, den Sie gerade vorgelesen haben. Das ist ja eine intelligente Schreibhandlung, die da vollzogen wurde von diesem Kind. Denn was habe ich davon als Professor, den Text oder einen Text über einen Film zu lesen, den ich ja selber kenne? Aber ich kenne nicht den Kommentar des Kindes, also wie hat dieser Film auf das Kind gewirkt. Das würde mich ja grundsätzlich sehr viel mehr interessieren. Und darauf geht dieses Kind dann auch ein.

Heise: Der Germanist Wolfgang Steinig untersuchte Texte von Grundschulkindern aus vier Jahrzehnten zu ein- und demselben Film. Also, Herr Steinig, Sie haben also eine gewisse Schreib- und Meinungsfreude bei den Kindern festgestellt. Sie haben aber auch schon angesprochen: Fehler. Wie sieht es denn mit der Rechtschreibung und der Grammatik aus in der Entwicklung?

Steinig: Da muss man tatsächlich sagen, dass sich die Zahl der Rechtschreibfehler enorm verstärkt hat. Das ist geradezu, ja, teilweise extrem angestiegen, und vor allen Dingen bei Kindern, die aus einer unteren sozialen Schicht kommen.

Heise: Das heißt, die Chancen in gebildeten und in bildungsfernen Elternhäusern gehen weiter auseinander, die Schere da, das haben Sie in Ihrer Studie festgestellt, wie das auch andere Studien vorher schon festgestellt haben. Da auch im Blick auf Rechtschreibung und Schreiben - wird da zu wenig von der Schule dann getan?

Steinig: Ja, vor allen Dingen die schwächsten Schüler oder die schwächeren Schüler, die werden zu wenig unterstützt. Es gibt einfach zu wenig kompensatorische Angebote vonseiten der Schule. Und schwächere Kinder werden nicht aufgefangen vom System. Die Eltern, die genügend finanzielle Ressourcen haben, können das dann durch bezahlten Nachhilfeunterricht und so weiter ausgleichen. Aber sozial schwache Familien können das halt gerade nicht. Und ich denke, das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die Schere auseinander geht.

Heise: Haben Sie insgesamt festgestellt, dass die Qualität des Schreibens der Kinder sich verändert?

Steinig: Da konnten wir feststellen, dass der Wortschatz sich deutlich erweitert hat. Texte wurden 2002 interessanter, vielfältiger, die Kinder hatten ein stärkeres stilistisches Bemühen auch, versuchten, Spannung in diese Erzählung hineinzubekommen – all das war ‘72 so noch nicht durchgängig zu finden. Dort waren die Texte auch deutlich kürzer, waren nüchterner, knapper, nicht so ausgestaltet wie 2002. Und das war ein sehr positives Ergebnis, darüber haben wir uns gefreut. Nur, auch bei der Wortschatzentwicklung konnten wir wieder feststellen, Kinder aus der sozialen Unterschicht, 1972, 2002, dort sah man halt diese Entwicklung nicht. Diese Kinder blieben auf ähnlich niedrigem Niveau, während die Kinder aus der oberen Mittelschicht, die dann auch eine Gymnasialempfehlung bekamen, das sind gewissermaßen die Gewinner des Systems, die haben einen richtigen Sprung nach vorne gemacht. Die Texte sind auch wesentlich länger geworden.

Heise: Diese Tendenz sehen Sie auch in den Texten 2012, die Sie noch nicht komplett jetzt ausgewertet haben?

Steinig: Nein, da sehen wir sie gerade nicht mehr so deutlich. Und das hängt wohl damit zusammen, dass eine ganze Reihe von Kindern die Filmhandlung nicht mehr vollkommen erzählerisch dargestellt haben, sondern dass sie dann einfach, oft nur relativ knapp, einen kurzen Kommentar formuliert haben. Sie sahen das irgendwie wohl nicht mehr als so notwendig an, die Filmhandlung sprachlich zu gestalten. Insofern wurden die Texte, die neuesten Texte wieder deutlich kürzer. Das hat uns sehr überrascht, muss ich sagen.

Heise: … sagt Wolfgang Steinig, Germanist von der Universität Siegen über das Schreibverhalten von Viertklässlern, das er über vier Jahrzehnte beobachtet hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Links bei dradio.de:

Schüler schreiben mit mehr Fehlern - aber fantasievoller - Studie vergleicht Schüleraufsätze von 1972 und 2002

Kindern Lust aufs Zeitungslesen machen <br> Was Verlage gegen den Leserschwund tun können

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