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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.11.2015

Literaturwettbewerb open mikeBerührende Dorfgedichte

Von Tobias Wenzel

Die open mike-Gewinner 2015: Jessica Lind (v.l.), Theresia Töglhofer, Andra Schwarz und Philip Krömer (Tobias Wenzel)
Die open mike-Gewinner 2015: Jessica Lind (v.l.), Theresia Töglhofer, Andra Schwarz und Philip Krömer (Tobias Wenzel)

Der open mike ist einer der wichtigsten Nachwuchswettbewerbe für deutschsprachige Autoren. Im Berliner Heimathafen Neukölln versuchten 20 Finalisten, Jury und Publikum zu überzeugen. Vieles klang gewollt, aber es gab mindestens eine wunderbare Entdeckung.

Philipp Enders singt: "zum Kampfe stehen wir alle schon bereit."

Jessica Lind ruft: "Mama!"

Mit ganzem Stimmeinsatz versuchten einige Autoren beim 23. open mike vor den rund 250 Zuhörern zu punkten. Andere ließen leise ihre Texte für sich sprechen:

Andra Schwarz (Gedicht-Auszug):
"hier gibt's nichts zu holen
außer den blick den flusslauf hinauf in die berge
gewächshäuser streuobst rot übe den wiesen
dahinter die GRENZE gesperrtes gebiet milizen
hier endet alles, auch unsere sicht
wir schließen die augen und gehen zurück
ins dorf zu den anderen im rücken kehrt wind"

Andra Schwarz war, dies vorweg, mit ihren von der Oberlausitz inspirierten Gedichten eine wunderbare Entdeckung dieses Wettlesens von Nachwuchsautoren im Heimathafen in Berlin-Neukölln.

Geklatscht wurde immer und viel. Autoren hatten ihre Fanclubs, darunter jede Menge Literaturstudenten, mitgebracht. Auch Mitarbeiter von Verlagen und Agenten saßen im Publikum. Man feierte also auch ein bisschen sich selbst und klatschte selbst dort, wo es nichts zu beklatschen gab.

Facebook und Twitter mit seinen Hashtags geisterten einfallslos durch einige Texte. Zwei Autoren versuchten sich in der Beschreibung und Überhöhung des Meeres. Vieles klang zu gewollt, zu trivial. Die Schmerzgrenze war bald überschritten.

Metatexte, die müde machten

Die freie Lektorin Christiane Schmidt hatte mit ihren Kollegen aus dem Berg von Einsendungen 20 Beiträge für dieses Finale ausgewählt:

Christiane Schmidt: "Natürlich sind das Anfängertexte. Aber bei mir hat sich jetzt nicht in den zwei Tagen wirkliches Leiden eingestellt. Also, ehrlich gesagt, bei keinem einzigen."

Ach so. Wirklich nicht?

Christiane Schmidt: "Also wir sind geübt – und das unterscheidet uns von Kritikern – Texte nach ihrem Potenzial zu beurteilen."

Hilde Drexler: "'Unter den Wipfeln', nein, scheiße, Wortwiederholung, 'unter den ...', warum nicht Wipfeln, ist ja kein Schulaufsatz"

Die Österreicherin Hilde Drexler und einige andere Autoren mehr schrieben über das Schreiben. Metatexte, die müde machten und bei denen man sich fragte, ob die in der Tat noch jungen Autoren denn bisher überhaupt nichts erlebt haben. Der Wiener Toby Dax brachte es in seinem Beitrag auf den Punkt, verstand aber wohl nicht den Bumerangeffekt seines Satzes:

Toby Dax: "Die Literatur ist eine anstrengende Sache, besonders wenn man nichts zu sagen hat."

Terezia Mora: "Dann lass es halt!"

Rief Terezia Mora diesem Autorentyp zu. Ihr und ihren Jury-Kollegen Jan Brandt und Klaus Merz ist es zu verdanken, dass andere Autoren die Preise erhielten:

Terezia Mora: "Wo wir sehen: Da wird ein Raum aufgemacht. Hier geht ein Schriftsteller los. Er macht sich auf den Weg."

Sätze, die hängen blieben

Das sah die Jury in den ruhigen wie berührenden Landschafts- und Dorfgedichten von Andra Schwarz, in Jessica Linds Prosatext "Mama" über das Muttersein und in Theresia Töglhofers Erzählung "Das pure Leben" über zwei Menschen, die gemeinsam weit gereist sind und sich doch voneinander entfernt haben. Den TAZ-Publikumspreis erhielt Philip Krömer, der in seinem Text den Dichter H.C. Artmann mithilfe einer Zeitreise auf den Serienmörder Fritz Haarmann treffen lässt.

Was bleibt vom 23. open mike im Gedächtnis hängen? Kuriose Sätze natürlich:

Anja Braunwieser: "In den Ecken, in denen nicht geknutscht wird, spricht man über Adorno." 

Paul Klambauer: "Ich huste, weil ich es kann."

Und zuallererst die Gedichte von Andra Schwarz:

Andra Schwarz (Gedicht-Auszug):
"fallen die temperaturen tiefer
ist alles verlangsamt auch dein blick
jeder laut gefriert über dem boden
sinkt in den abraum aus schnee
eine hand ein fuß
das öffnen und schließen deiner augen"

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