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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.06.2010

Literatur als Werkzeug der Kritik

Nachruf auf den portugiesischen Schriftsteller José Saramago

Von Gregor Ziolkowski

Der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago  (AP)
Der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago (AP)

Der portugiesische Schriftsteller José Saramago hat sich nie gescheut, seine literarische Autorität dafür einzusetzen, der Welt ihre Verbesserungswürdigkeit vorzuhalten. Sein soziales Gewissen bildete die Richtschnur seines Schreibens - jetzt ist der Nobelpreisträger im Alter von 87 Jahren gestorben.

"Einmal wünsche ich mir, dass wir in einer Demokratie leben, die wirklich diese Bezeichnung verdient. Denn das, was wir heute haben, hat mit Volksherrschaft wenig zu tun. Zum anderen wünsche ich mir das allmähliche Verschwinden sozialer Ungerechtigkeiten und drittens Politiker, die die Menschen lieben, weil sie ein Recht auf Glück haben. Denn das Leben an sich rechtfertigt sich nur in der Achtung des Nächsten. Das ist natürlich alles recht utopisch."

Das politische Credo des portugiesischen Schriftstellers José Saramago ist sowohl in seiner Biografie als auch in seinem Werk verwurzelt. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, musste sich der 1922 in der Nähe von Lissabon geborene Sohn eines Landarbeiters den Weg zur Bildung, zur Literatur schließlich, hart erarbeiten. Stationen als Schlosser, technischer Zeichner, Angestellter im Sozialamt, Verlagsmitarbeiter und Journalist verzeichnet die Vita dieses Autors, der 1966 mit einem Gedichtband debütierte. Bis zum wirklichen Erfolg war es da noch weit hin, erst 1980, mit dem Roman "Hoffnung im Alentejo", konnte Saramago sich wirklich etablieren.

Seine Herkunft und so etwas wie ein soziales Gewissen, die Sehnsucht nach der Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen, nach Emanzipation, bildeten da schon die Richtschnur seines Schreibens. Diese Leitlinie hat er recht eigentlich nie verlassen. Als er 1995 den Roman "Die Stadt der Blinden" veröffentlichte, der eine Gesellschaft beschreibt, die durch eine rätselhafte Erblindungsepidemie aus ihren Fugen gerät, merkte er an, dass es ihm um mehr ging als um einen hochaktuellen Zeitkommentar:


"Das Buch wäre nicht gerechtfertigt, wenn es nur von heute sprechen würde. Mein Ziel war, darüber hinauszugehen. Ich glaube, dass das Buch zu jeder Zeit hätte geschrieben werden können, denn es hat immer in der Geschichte der Menschheit Gewalt, Egoismus und Intoleranz gegeben. Es ist durchaus nicht nur für unsere heutige Zeit charakteristisch. Ich glaube, dass wir uns nicht nach einem ethischen Kodex verhalten: Dieser Verlust eines Verstandes, der sich nach ethischen Prinzipien richtet. Das hat zur Dekadenz, zum Verfall der heutigen Gesellschaft geführt."

Saramago hat nie aufgehört, sich gegen diesen Verlust eines Verstandes, der sich nach ethischen Prinzipien richtet, aufzulehnen. Die Literatur war ihm ein Werkzeug, solche Barrikadenkämpfe auszufechten. Was nichts zu tun hat mit einer biederen, pamphletistischen Propagandaliteratur: Einer seiner Lieblingsautoren war Franz Kafka, und als ihm Leser vorhielten, seine Liebäugeleien mit experimenteller Vielstimmigkeit gingen auf Kosten der Verständlichkeit, da empfahl er einfach, man solle seine Texte laut lesen. Das Verfahren, so heißt es, habe jenen Lesern tatsächlich geholfen.

Je älter er werde, um so freier fühle er sich, und je freier, um so radikaler, bekannte José Saramago einige Jahre vor seinem Tod. Seine Texte beglaubigen diese Haltung: Sein Roman "Das Evangelium nach Jesus Christus" trug ihm einen heftigen Zwist mit der katholischen Kirche und mit der Kulturbürokratie in Portugal ein und führte dann auch zu seiner Auswanderung auf die kanarische Insel Lanzarote, wo er heute gestorben ist.

Sein letzter Roman, "Kain", im vorigen Jahr erschienen, führte erneut zu heftigen Protesten der Kirche und klerikal gesinnter Kreise. Die Lebensbedingungen in palästinensischen Flüchtlingslagern verglich er ungeniert mit Auschwitz, und in seinem Internetblog wetterte er zuletzt gegen die Bushs und Berlusconis dieser Welt, allen damit verbundenen Verlusten zum Trotz. José Saramago, der Kommunist, hat sich nie gescheut, seine literarische Autorität dafür einzusetzen, der Welt ihre Verbesserungswürdigkeit vorzuhalten. Er tat es mit dem wissenden Blinzeln desjenigen, der um die Vergeblichkeit solcher Anstrengungen weiß.

Aber irgendwann bald wird man feststellen, welcher Mangel der Welt entsteht, wenn eine solche Stimme verstummt ist.

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