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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.05.2011

Liebevolles Bekenntnis zur Kassette

Jan Drees / Christian Vorbau: "Kassettendeck - Soundtrack einer Generation", Eichborn 2011, 256 Seiten

Bandsalat inbegriffen: Musikkassette (picture alliance / dpa)
Bandsalat inbegriffen: Musikkassette (picture alliance / dpa)

Die selbst gestaltete Kassette mit Lieblingsliedern - besser bekannt als Mixtape - war in den 1980er Jahren noch ein weit verbreitetes Geschenk. Längst haben MP3s und CDs der Kassette den Garaus gemacht - doch Liebhaber dieses Mediums haben ihr jetzt ein wunderbares Buch gewidmet.

Eigentlich ist die Audio-Kassette längst ein Exponat fürs Museum: Erfunden in den 60ern, groß geworden in den 70ern, traf sie Anfang der 80er-Jahre auf die CD und den Computer – und damit auf ihr unaufhaltsames Ende. Abwegig und auch fast unmöglich scheint es, heutzutage irgendwo noch leere Audio-Kassetten käuflich zu erwerben.

Dieser Entwicklung zum Trotz gibt es nach wie vor eine überraschend große Zahl bekennender Kassettenfans, die sich musikalisch, künstlerisch, historisch und literarisch mit der Kassette beschäftigen. Das Buch bietet dazu einen großartigen Querschnitt: Ob es um die Bedeutung der Musikkassette für die Verbreitung des Hiphop geht oder um Aspekte der Demokratisierung selbstgestalteter Song-Auswahl (Stichwort: "Broadcast yourself!"); ob es um die bedeutsame Rolle der Audio-Kassette in der DDR geht oder um das erste, heute noch existente (!) New Yorker Audio-Kassetten-Label "Roir", bei dem Gruppen wie die Beastie Boys oder die Einstürzenden Neubauten ihre frühen Werke veröffentlicht haben. Erfahren kann man in diesem Band auch etwas über Ausstellungen wie "Kassettengeschichten: Von Menschen und ihren Mixtapes" oder darüber, wie viele Schriftsteller - von Nick Hornby bis Karen Duve - sich in ihren Werken der Audio-Kassette genähert haben.

Der thematischen Fülle entsprechend kommen in diesem Band viele Stimmen zu Wort, darunter prominente Autoren wie Benjamin Stuckrad-Barre oder Bret Easton Ellis, DJs wie Hans Nieswandt oder Musiker wie Smudo von den Fantastischen Vier, Installationskünstler, aber auch Medienwissenschaftlerinnen wie Katharina Schaack. Die 30-Jährige widerlegt in ihrer Diplomarbeit zum Thema "Das kreative Potential der Audiokassette" die vorherrschende Meinung, vor allem Männer würden Mixtapes zum Zwecke der Brautwerbung erstellen. Für beide Geschlechter gilt vielmehr: "Mixkassetten sind eine Kreuzung aus Liebeserklärung, Selbstdarstellung und Belehrung. Ein Mixtape ist so persönlich wie eine Kontaktanzeige, ein Liebesbrief oder ein erster Chat."

Gemeinsamer Nenner aller Beiträge, ob in Interviewform, Essay oder zusammenfassendem Bericht, ist ein Satz des Sonic Youth-Gitarristen Thurston Moore - das heimliche Motto des Bandes: "Let us all sing the praises of the mixtape" ("Lasst uns alle das Mixtape lobpreisen"). Thurston Moore hat 2006 das bibliophile Künstlerbuch "Mix tape - The Art of Cassette Culture” veröffentlicht – es ist ein Gesamtkunstwerk, das ohne Zweifel Pate gestanden hat für dieses "Kassettendeck" von Drees und Vorbau. Jede Seite ist hier anders gestaltet. Schwarz-weiße Zeichnungen (von Denise Franke) umrahmen jeweils den Textblock: Abbildungen von Kassetten, Kassettengeräten, stilisiertem Bandsalat und individuellen Listen ultimativer Lieblingssongs.

Inhaltlich wie optisch ist dieses Buch ein echtes Liebhaberstück - ein romantisches, liebevolles Bekenntnis zur Kassette. Vier Wochen nach seinem Erscheinen ist es bereits vergriffen. Eine zweite Auflage folgt.

Besprochen von Olga Hochweis


Jan Drees und Christian Vorbau: Kassettendeck - Soundtrack einer Generation, Eichborn, Frankfurt/Main 2011
256 Seiten, 18,95 Euro

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