Seit 06:00 Uhr Nachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten
 
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.02.2013

Liebevoller Blick auf Occupy

Noam Chomsky: "Occupy - Occupied Media Pamphlet Service", Zuccotti Park Press

Rezensiert von Martin Hyun

Occupy-Wallstreet-Protest in New York (AP)
Occupy-Wallstreet-Protest in New York (AP)

Der amerikanische Linguist und Philosoph Noam Chomsky, den die New York Times als "einflussreichsten westlichen Intellektuellen" bezeichnet, ist davon überzeugt, dass der Protest der Occupy-Bewegung nicht umsonst war. Die Aktionen hätten das Bewusstsein einer ganzen Generation zum Positiven verändert, glaubt er.

Die Occupy-Bewegung sei die Summe eines 30 Jahre währenden Klassenkampfes. Und mit Protesten kennt sich Noam Chomsky aus. Anfangs sei die Occupy-Bewegung noch als alberner Jugendstreich verspottet worden, bevor sie von den Medien ernst genommen wurde. Und auch er selbst habe nicht für möglich gehalten, was da von New York aus aufgeblüht sei.

"Die Berichterstattung über die Occupy-Bewegung war geteilt. Anfangs war sie abweisend und machte sich über die beteiligten Personen lustig, als würden sie Kinderstreiche spielen. Doch die Berichterstattung veränderte sich. Es hat den gesamten Diskussionsrahmen verändert."

Chomskys Buch liest sich wie ein Lied der amerikanischen Rock-Ikone Patti Smith, dass die Menschen die Macht haben Narrenköpfe niederzuringen. Zu Recht wird er von der New York Times als "einflussreichster westlicher Intellektueller" bezeichnet. Mit seinem differenzierten Blick hat er immer wieder konstruktive Denkanstöße gegeben und dadurch politische Debatten bereichert.

Auch diese Sammlung von Interviews und Vorträgen folgt genau dieser Tradition und bindet die Akteure mit ein. Die Menschen fragen und Chomsky liefert die Antworten.

Cover: "Occupy" von Noam Chomsky (Zuccotti Park Press)Cover: "Occupy" von Noam Chomsky (Zuccotti Park Press)So ermahnt er die Intellektuellen, dass es nicht ihre Aufgabe sei, der Macht zu dienen, in der Hoffnung später in Expertenkommissionen sitzen zu dürfen, auch nicht nach Prestige zu streben. Vielmehr sollten sie ihr Wissen so einsetzen, dass es auch den einfachen Menschen zu Gute käme, indem es sie inspiriere "produktiv" zu werden.

Deshalb widmet Noam Chomsky sein Buch den beherzten und produktiven Menschen, die während der Occupy-Demonstrationen inhaftiert wurden. Sie hätten dies nicht umsonst auf sich genommen, weil sie mit ihren Aktionen das "Bewusstsein einer ganzen Generation" zum Positiven veränderten. Und er zitiert damit seinen langjährigen Weggefährten und Freund, den verstorbenen Historiker Howard Zinn.

Mit jeder weiteren Aktion motiviere die Bewegung, bislang ahnungslose Menschen mitzumachen. Weshalb Greg Ruggiero, der Herausgeber des Buches, über den sympathisierenden Philosophen schreibt:

"Was die Bewegung umso bemerkenswerter macht, ist, dass trotz der 'unvermeidlichen Repressionen' - Zurückdrängung durch Polizeibrutalität, Massenverhaftungen, erfundene Anschuldigungen, restriktive städtische Verordnungen, Überwachung und Razzien – die Bewegung stetig wächst und neue innerstädtische Viertel, lokale Gerichtssäle und Kongresshallen einnimmt."

Auch wenn es der Bewegung per se nicht um "Schlagzeilen" gehe, so Noam Chomsky, habe es "Occupy" geschafft, die öffentliche Wahrnehmung und Diskussion massiv zu beeinflussen. Sie habe soziale Ungleichheit, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, auf den Agenden der Politik und in den Mainstream-Medien platziert.

"In der Tat ist die Verteilung des Reichtums, buchstäblich auf einem Zehntel von einem Prozent der Bevölkerung gewichtet – einem Bruchteil so klein, dass sie nicht einmal bei einer Volkszählung vorkommen. Nur eine statistische Analyse bringt sie zum Vorschein.

Für die Mehrheit stagniert das Realeinkommen oder ist zurückgegangen. Es ist nicht das Elend der dritten Welt, es sind Zustände, die in einer reichen Gesellschaft nicht sein sollten, der reichsten in der Welt, mit so viel Wohlstand ringsherum, den Menschen sehen können - nur nicht in ihren Taschen."


Amerika gehöre zu den hoch industrialisierten Ländern dieser Welt und biete Bürgern eine Gesundheitsversorgung auf dem Stand eines Entwicklungslandes an, moniert er. Die "Ein-Prozent der Gesellschaft" der Reichen und Schönen werde alles tun, um ihren enormen Einfluss auf die restlichen 99-Prozent, dem so genannten Prekariat der Mittel- und Hoffnungslosen sowie der Außenseiter, nicht zu verlieren.

"Sie sind reicher, mächtiger als je zuvor, kontrollieren das politische System und ignorieren die Gesellschaft.

Sie werden versuchen das politische System zu beherrschen. Es wäre ein Wunder, wenn sie es nicht tun würden."


Das Buch ist aussagenstark und lehrreich. Man muss es gelesen haben. Der Linguist und Philosoph schreibt und antwortet zeitlos und überzeugend, uneitel, aufklärend und erhellend. Chomsky ist sich und seinen Idealen immer treu geblieben und nicht wenn es opportun war, mit der Welle mitgeschwommen. Seine Ausdrucksweise ist für jeden leicht verständlich. Er spricht mit einer authentischen Stimme.

Am Ende fragt man sich, wo in Deutschland die Intellektuellen geblieben sind, jene, die so kritisch und uneitel in ihrer Sprache und ihrem Status sein könnten wie Noam Chomsky, jene, die nicht den Mächtigen gefallen und sich selbst befördern und beweihräuchern, sondern einer gerechten Sache dienen wollen, als da wäre, die Gesellschaft aufzuklären, den Armen und Schwachen eine Stimme zu geben, "andere Werte" zu vermitteln - als immer nur Profitmaximierung.

"Was funktionieren kann sind freie Gemeinden, wie die Occupy-Gemeinde, die eine andere Art zu leben lehrt, die notwendig für unser Leben ist. Das ist auch eine Form von Profitmaximierung – nur Profitmaximierung auf eine andere Art und Weise."

Noam Chomsky: Occupy - Occupied Media Pamphlet Service
Zuccotti Park Press, Brooklyn Mai 2012
128 Seiten, 9,95 Dollar

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur