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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 05.02.2016

Lian NajamiAls junge Araberin in Israel

Von Michael Hollenbach

Blick auf Haifa, Israel (picture-alliance / dpa / Andreas Keuchel)
Blick auf Haifa in Israel (picture-alliance / dpa / Andreas Keuchel)

Wie ist es, als Araberin in Israel zu leben? Die Muslimin Lian Najami stammt aus dem nordisraelischen Haifa. Sie lobt die multireligiöse Toleranz der liberalen Stadt. In Deutschland, ihrer aktuellen Heimat, habe sie mehr Probleme.

"Ich fühle mich doch eine Israelische, aber ich fühle mich nicht 100 Prozent Israelisch."

Sagt Lian Najami. Zurzeit studiert die 21-Jährige in Bremen Politikwissenschaften. Sie hat erst vor drei Monaten begonnen, Deutsch zu lernen. Deshalb wechselt sie lieber ins Englische, um die Dinge, die ihr wichtig sind, besser ausdrücken zu können: zum Beispiel, dass ihr in ihrer Heimatstadt Haifa so gut wie keine Diskriminierungen begegnen. Allerdings:

"Immer wenn ich meine Freunde in den arabischen Orten besuche, die auf israelischem Territorium liegen, bin ich überrascht und geschockt, wie anders das ist. Sie haben keine richtige medizinische Versorgung, sie haben eine schlechte Infrastruktur, oft kein Wasser, obwohl sie ganz normal Steuern zahlen wie ich."

Lian stammt aus einer liberalen muslimischen Familie. Sie hat eine private christliche High-School besucht: der einzige Weg, um als arabisches Kind in Israel eine gute Bildung zu erhalten. Denn die staatlichen Schulen für arabische Kinder seien schlecht. Deswegen gibt es in Haifa zehn private und eine staatliche Schule für Araber; für jüdische Kinder ist es genau umgekehrt, da die Ausstattung und das Niveau der staatlichen jüdischen Schulen viel besser seien. In Haifa hat Lian Najami mit dem Studium der Politikwissenschaften begonnen:

"Das Verhältnis zu den jüdischen Studenten ist sehr gut. Auch in schweren Zeiten wie jetzt, wenn es in Israel Angriffe gibt. Man spürt die Spannungen, aber die wirken sich nicht auf die Beziehungen untereinander aus. Alle Studenten haben das gleiche Ziel: sie wollen einen guten Abschluss machen. Da ist es egal, ob du Jüdin bist oder Araberin. Du bist eine von denen, die nicht durchs Examen fallen will."

Haifa gilt als liberale Stadt

Mehr als 20 Prozent der Einwohner von Haifa sind Araber. Haifa gilt als eine liberale Stadt: die einzige in Israel, an der zum Beispiel am Schabbat öffentliche Verkehrsmittel fahren.

"Für mich war es sehr gut, dass ich in einer gemischten Nachbarschaft aufgewachsen bin. Wir leben zusammen, wir treffen uns im Laden, auf dem Spielplatz."

Lians älteste Freundin ist Rita, eine Jüdin, die sie schon seit ihrem vierten Lebensjahr kennt.

"Das liebe ich an Haifa. Die Juden haben keine Angst, auf der Straße Arabisch zu hören. Sie sind es gewohnt, Frauen mit Kopftuch und Schleier zu sehen, wir vertrauen einander. Leider ist das im Rest Israels anders, weil Juden und Araber sonst überall getrennt sind."

Die multireligiöse Toleranz der nordisraelischen Stadt ist für die liberale Muslimin ein Vorbild:

"Ich sehe die Stadt als ein Modell für Israel."

Auch von den aktuellen Übergriffen und Messerattacken sei in Haifa nichts zu spüren. Bei ihrem letzten Besuch habe sie überall an den Bushaltestellen Plakate gesehen mit Tausenden von Unterschriften und dem Slogan: Juden und Araber sind keine Feinde.

"Es ist schön zu sehen, dass die Leute es nicht akzeptieren, sich gegenseitig zu boykottieren."

Unverständnis und Unwissenheit bei vielen Deutschen

Ärger bekomme sie eher in Bremen als in Haifa, sagt die engagierte junge Frau mit einem Lachen. Von arabischen Kommilitonen werde sie manchmal heftig attackiert:

"Da gibt es schon Druck von Arabern, die mir vorwerfen: 'Du kommst aus Israel, du bist eine Zionistin'. Und das bedeutet dann, du bist verdammt."

Aber auch bei vielen Deutschen stoße sie oft auf Unverständnis und Unwissenheit:

"Ich erlebe, dass viele sich nicht vorstellen können, dass ich als Araberin, als Muslimin, ganz normal in Israel lebe. Es gibt so viele Vorurteile. Ich merke immer, dass nur ein bestimmtes Bild von Israel von den Medien transportiert wird."

Ihre Muttersprache sei arabisch, ihr Vaterland Israel, sagt die junge Frau, die in den diplomatischen Dienst gehen möchte.

"Überraschenderweise ist es für Minderheiten in Israel relativ leicht, in den diplomatischen Dienst zu kommen. Die Regierung reserviert Plätze für Minderheiten. Ich denke, wenn ich Diplomatin werde, kann ich den arabischen Menschen in Israel helfen, dass sie ihre Interessen genauso vertreten können wie alle anderen Israeli. Und ich kann der Welt auch ein anderes Bild von Israel vermitteln." 

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