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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.08.2008

Leuchtende Erinnerungsmusik

Salvatore Sciarrinos Oper "Die tödliche Blume" und "12 Madrigali" bei den Salzburger Festspielen

Von Jörn Florian Fuchs

Blick auf Salzburg in Österreich, Schauplatz der Salzburger Festspiele. (Stock.XCHNG / Günter M. Kirchweger)
Blick auf Salzburg in Österreich, Schauplatz der Salzburger Festspiele. (Stock.XCHNG / Günter M. Kirchweger)

Mit "12 Madrigali" erklangen Haikus des japanischen Dichters Matsuo Basho. Salvatore Sciarrino hat die feinfühligen Naturbetrachtungen in feinziselierte Klangebilde übersetzt, die die Neuen Vocalsolisten Stuttgart vorzüglich umsetzen. Das Klangerlebnis ist atemberaubend. Und Sciarrinos Oper "Die tödliche Blume" gehört zu den bisher interessantesten Produktion des Salzburger Festspielsommers.

Salvatore Sciarrinos oft wie hingetuschte Musik braucht eigentlich gar keine Themen und Stoffe. Wenn Sciarrino jedoch konkrete Texte vertont, vielmehr diese in fantasiereiche Klang(t)räume verwandelt, dann handelt es sich oft um Lyrik vorwiegend asiatischer oder altitalienischer Provenienz. Mit der Festspielauftragskomposition "12 Madrigali" erklangen am Sonntagvormittag in der Kollegienkirche Haikus des japanischen Dichters Matsuo Basho (1644-1694).

Es sind feinfühlige Naturbetrachtungen, die Sciarrino in feinziselierte Klanggebilde übersetzt, angelehnt an die Madrigalkunst und Hoquetustechniken um 1600. Sechs Haikus werden nach dem ersten Durchlauf nochmals gespielt, allerdings nun "unrein" gespiegelt, mit neuen Materialvariationen angereichert und erweitert.

Immer wieder wehen Naturstimmen und -stimmungen herein: Man hört Vögel, Zikaden, Wind und Wellen - alles wie aus ferner, gleichsam gedämpfter Zeit. Während ein unruhiges Klangbett den nervösen Grundrhythmus vorgibt, mäandern und huschen die einzelnen Gesangsfiguren wie Gespenster durch den Raum.

Das Ergebnis ist atemberaubend, nicht nur weil die Neuen Vocalsolisten Stuttgart vorzüglich präpariert sind. In der akustisch äußerst problematischen Kollegienkirche sorgen Planen und ein großer Trichter für präzise Klangerlebnisse, nichts wirkt hallig oder verwackelt wie in früheren Jahren.

Am Sonntagabend machten die Künstlerin Rebecca Horn und das Klangforum Wien (unter Beat Furrer) Sciarrinos Oper "Die tödliche Blume" zu einer meditativen Reise in die zwischen Liebessehnen und Todessucht changierende Innenwelt der Protagonisten. Das rund 70-minütige Musiktheater ist inspiriert von Carlo Gesualdo (1566-1613), dem revolutionären Komponisten und mehrfachen Mörder. Als gehörnter Ehemann erdolchte er - vermutlich - sowohl seine Frau wie deren Liebhaber.

Sciarrino schuf eine konzentrierte Studie, deren Binnenspannung sich aus der Differenz von ariosen Bruchstücken, nervösen Motiven und auskomponiertem Atmen ergibt. Die Musik zittert und bebt, sie kreist um sich selbst, wiederholt sich atemlos, um dann an einigen wenigen Stellen abrupt zu explodieren. Die eigentliche Handlung vollzieht sich subkutan, gleichsam in den Tiefenschichten der Partitur.

Auf der Bühne sieht man eine große Skulptur, sie wird später zum Matrazengrab für den Liebhaber, die Figuren bewegen sich minimalistisch, ein Projektor zeigt dazu ein sich langsam verwandelndes Gemälde von Rebecca Horn. Dünne Striche korrespondieren mit oder stoßen sich an größeren, gröberen Formen. Im Verlaufe des Abends verwischen Bindfäden, Rosenblätter und Sand die Strukturen des Bildes.

Auch die Musik verwischt und verweht. Im Gegensatz zu den Madrigali wirkt Sciarrinos Musik hier noch zurückgenommener, sanfte Dissonanzen und Schleifklänge sorgen für eine betörend ätherische Atmosphäre. An den ganz leisen Stellen, dort wo die Musik zart vor sich hin zirpt, schreitet ein Falkner samt entsprechendem Vogel durch die Szenerie - das Tier soll Würde und Kraft, aber auch das Geheimnisvolle, Unerklärliche symbolisieren.

Horns kluge Ökonomie der szenischen Mittel macht diese Aufführung der "Tödlichen Blume" zur bisher interessantesten Opernproduktion des Salzburger Festspielsommers.

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