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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.04.2013

Letzter Baustein zur Theorie der Psychoanalyse

Vor 90 Jahren erschien Sigmund Freuds "Das Ich und das Es"

Von Hans-Martin Lohmann

Sigmund Freud, 1939 (AP / Sigmund Freud Museum)
Sigmund Freud, 1939 (AP / Sigmund Freud Museum)

Bis heute ist es dasjenige Freudsche Werk, das das Bild der Psychoanalyse in der Öffentlichkeit maßgeblich bestimmt. Auch die internationale Rezeptionsgeschichte der Theorie des Unbewussten erhielt durch die am 24. April 1923 erschienene Schrift "Das Ich und das Es" entscheidende Impulse.

Seit Sigmund Freud sehen wir die Welt mit anderen Augen. Vor allem uns selbst als Individuen mit unseren wunderlichen Wahrnehmungen und Gefühlen, unseren uneingestandenen Hemmungen und Ängsten, unseren geheimen Phantasien und Begierden. Am 24. April 1923 erschien Freuds Schrift über "Das Ich und das Es". Drei Jahrzehnte lang hatte er an seiner Systematik der menschlichen Seele gearbeitet. Mit "Das Ich und das Es" fügte Freud seiner Theorie des unbewussten Seelenlebens den letzten Baustein ein – das Theoriegebäude war vollendet.

Freuds bahnbrechende Leistung als Psychologe liegt darin, dass er den innerseelischen Kräften und Mechanismen, die im Individuum wirken, eine Sprengkraft zusprach, die weit über das hinausgeht, was einen Menschen sonst noch bewegen mag. Entgegen einer auch heute noch weit verbreiteten Ansicht, wonach es vor allem externe Ereignisse sind, die bildend für die Entwicklung des Individuums sind, beharrt die Freudsche Psychoanalyse darauf, dass erst die psychischen Umbildungen der Realität und die entsprechenden unbewussten Fantasieleistungen darüber entscheiden, welche Stellung das Subjekt zur Welt einnimmt. Der Psychoanalytiker und Psychiater Helm Stierlin:

"Freud führte neurotisches und auch psychotisches Leiden nicht mehr auf tatsächliche elterliche Einflüsse und Traumata, sondern auf die die Patienten überwältigenden konflikthaften Triebe und Phantasien zurück. Ihre theoretische Legitimierung fand diese neue Sicht im sogenannten Ödipuskomplex, den Freud in der Folge zur theoretischen Grundfeste der Psychoanalyse erklärte."

In "Das Ich und das Es" legt Freud sein endgültiges Modell des sogenannten "psychischen Apparats" vor. Hatte er in einem früheren, dem sogenannten topographischen Modell von Bewusstem, Vorbewusstem und Unbewusstem gesprochen, die als seelische Bereiche gleichsam räumlich gegeneinander abgegrenzt sind, so wird jetzt der psychische Apparat neu gefasst, und zwar im Sinne eines Strukturmodells der Seele. Die Begriffe dieses Modells – Es, Ich und Über-Ich – beschreiben Eigenschaften und Strukturen der psychischen Instanzen sowie ihr kompliziertes Mit- und Gegeneinander. Freud geht es darum, zu zeigen, dass auch im Ich und im Über-Ich psychische Kräfte am Werk sind, die vom Es, also vom Triebhaften und Unbewussten, gesteuert werden.

Über das Ich schreibt Freud:

"Es gleicht so im Verhältnis zum Es dem Reiter, der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln soll … Wie dem Reiter, will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrig bleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so pflegt auch das Ich den Willen des Es in Handlung umzusetzen, als ob es der eigene wäre."

Freud zufolge fließt das Ich "nach unten hin", also in den tieferen seelischen Schichten, mit dem Es zusammen. Ähnliches gilt für jene Instanz, die in Gestalt des Über-Ich Gewissen und Moral, das heißt, die sogenannten höheren Werte, repräsentiert. Auch die Gewissensbildung und die Entwicklung moralischer Strukturen im Individuum sind an das Es zurückgekoppelt.

Dreh- und Angelpunkt all dieser Komplikationen sind Freud zufolge die Verarbeitungsformen des in der Kindheit untergegangenen Ödipuskomplexes und der daraus resultierenden unbewussten Identifizierungen. Am Ödipuskomplex führt für Freud kein Weg vorbei – jedes Individuum muss ihn auf seine Weise bewältigen. Die Art und Weise, wie wir ihn jeweils bewältigen, entscheidet am Ende über psychische Gesundheit oder Krankheit, beides freilich relative Größen.

Die Schrift über "Das Ich und das Es" war, was das theoretische Gerüst der Psychoanalyse angeht, Freuds letztes Wort. Gegen Ende seines Lebens, im Dezember 1938, nachdem er von den Nazis aus Wien vertrieben worden war, gab er in London noch einmal selbstbewusst zu Protokoll, was er als seine Lebensleistung ansah:

"Ich begann meine berufliche Laufbahn als Neurologe, der seinen neurotischen Patienten zu helfen versuchte. Angeregt von einem älteren Freund, entdeckte ich einige bedeutsame neue Fakten über das Unbewusste in unserem Leben, die Rolle der Triebkräfte usw. Aus diesen Erkenntnissen heraus erwuchs eine neue Wissenschaft, die Psychoanalyse als Teil der Psychologie und als neue Behandlungsmethode für Neurosen."

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