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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.12.2015

Leichte Sprache"An erster Stelle steht die Verständlichkeit"

Annette Flegel im Gespräch mit Frank Meyer

Nicole Papendorf, Testleserin mit geistiger Behinderung, markiert am 01.09.2014 im Büro für Leichte Sprache in Bremen Textstellen, die sie nicht versteht. Das Bremer Büro für Leichte Sprache macht offizielle Dokumente verständlicher. Das hilft auch Analphabeten. (dpa / Carmen Jaspersen)
Nicole Papendorf, Testleserin mit geistiger Behinderung (dpa / Carmen Jaspersen)

Es gibt Menschen, die sich schwer tun mit der deutschen Sprache, zum Beispiel, weil sie geistig behindert sind. Die "Lebenshilfe" setzt daher auf "Leichte Sprache" - und sogar die Weihnachtsgeschichte gibt es in einer leicht verständlichen Version.

Man muss nicht Analphabet sein, um Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache zu haben, auch andere Gründe können dazu führen, dass man sich mit Texten schwer tut - zum Beispiel aufgrund von Lernschwierigkeiten oder aufgrund einer geistigen Behinderung.

Seit 2006 gibt es daher das Konzept "Leichte Sprache", das von einem Netzwerk sozialer Einrichtungen und Verbände gefördert wird. Sie geben Texte in leicht verständlicher Sprache heraus, die auch für Menschen mit Handicap lesbar sind. So werden zum Beispiel Formulare, Behörden-Anträge, Broschüren, Verträge oder Gesetzestexte in einer leichtverständlichen Übersetzung herausgegeben. Aber auch literarische Texte erscheinen immer öfter in "leichter Sprache".

Kurze Sätze und nur eine Aussage pro Satz

Eine Pionierin auf diesem Gebiet ist Annette Flegel. Sie leitet den Treffpunkt "Leichte Sprache" bei der Lebenshilfe im Main-Taunus-Kreis und setzt sich dafür ein, das Konzept auch bundesweit noch bekannter zu machen. "Ich habe früher in der Behindertenhilfe gearbeitet und habe da eigentlich überall festgestellt, dass sie Schwierigkeiten haben, Texte zu verstehen", sagte Flegel am Freitag in Deutschlandradio Kultur. Als Beispiel nannte Flegel Mietverträge oder Informationen über Krankheitsbilder - "und da fehlten eben die Texte, weil die herkömmlichen eben zu schwierig sind."

So habe die Lebenshilfe damit begonnen, verschiedenste Texte in "leichte Sprache" zu übertragen. Insgesamt gebe es 40 Regeln, dazu zählten zum Beispiel kurze Sätze und pro Satz nur eine Aussage. Auch Fremdwörter werden vermieden oder entsprechend erklärt. Bei gedruckten Texten sei die Schrift oft größer und werde durch Bilder oder Illustrationen unterstützt.

Die Weihnachtsgeschichte neu erzählt

Zuletzt hat die Lebenshilfe auch biblische Geschichten und auch die Weihnachtsgeschichte in "leichter Sprache" veröffentlicht. Anders als der sehr komplexe Bibeltext, beginnt diese mit den Worten:

"In Israel gibt es eine Stadt, die heißt Nazareth. Dort lebt eine junge Frau. Die Frau heißt Maria. Maria hat einen Freund. Der heißt Joseph. Joseph ist Zimmermann. Er baut Häuser und Dinge aus Holz. Eines Tages wird es sehr hell in Marias Zimmer. Da steht ein Engel vor Maria. Der Engel heißt Gabriel. Engel Gabriel sagt: Maria, Du bekommst bald ein Kind. Maria wundert sich. Sie fragt: Wie kann ich ein Kind bekommen? Ich schlafe doch nicht mit Joseph. Gabriel antwortet: Das Kind ist nicht von Joseph. Das Kind ist von Gott."

Nicht besonders schön, aber verständlich

Flegel äußerte Verständnis dafür, dass "Menschen, die viel verstehen" die "Leichte Sprache" kritisieren, weil sie nicht besonders schön sei und auch viel verloren gehe. Für Behinderte sei dies aber nicht relevant: "Ich finde, für Menschen, die die herkömmlichen Texte nicht verstehen, die eben so eine reduzierte Form brauchen, steht doch an erster Stelle nicht die Schönheit, sondern die Möglichkeit, einen Text verstehen zu können - und eben nicht mehr ausgeschlossen zu sein von den Informationen."

Wichtig sei, dass alle Texte in "Leichter Sprache" auf ihre Verständlichkeit getestet werden. So seien beim Schreiben immer auch Betroffene dabei, die die den Autoren ein entsprechendes Feedback geben.  Inzwischen seien auch die ersten Kinderbücher in leicht verständlicher Sprache erschienen, denn es gebe Kinder mit Lernschwierigkeiten, für die die Texte herkömmlicher Kinderbücher zu kompliziert seien, zum Beispiel wegen der verschachtelten Sätze, sagte Flegel.

Weiterführende Links

Netzwerk Leichte Sprache
Verein von Menschen mit Lern-Schwierigkeiten

Lebenshilfe im Main-Taunus-Kreis
Treffpunkt Leichte Sprache

Universität Hildesheim
Forschungsstelle Leichte Sprache
Auch das Deutschlandradio hat eine Rubrik in leicht verständlicher Sprache: So bietet der Deutschlandfunk seit einiger Zeit eine komplette Nachrichtenseite in "Leichter Sprache" an.

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