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Studio 9 | Beitrag vom 21.10.2014

Lehrer des JahresQuereinstieg in den Klassenraum

Wie Peter Bulicke seine Schüler für den Unterricht begeistert

Von Hartwig Tegeler

Schüler malen an einer Hauptschule in Arnsberg (Sauerland). (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)
Schüler malen an einer Schule (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)

Einige von denen, die täglich als Lehrer arbeiten, haben eigentlich etwas ganz anderes gelernt. Auch Peter Bulicke hat den Quereinstieg gewagt. Mit Erfolg: Die Schüler kürten ihn in Hamburg zum Lehrer des Jahres.

Klar, im Labor, wo Bulicke jahrelang forschte, wäre der Arbeitsbeginn anders, aber beim Unterricht gibt´s natürlich erst mal.

"Ich wünsche euch erst einmal einen schönen guten Morgen."

Die klassische Begrüßung.

"Morgen."

"Klasse"

Obwohl, eigentlich ist schon Mittag. Fünfte, sechste Stunde, in der Julius-Leber-Stadtteilschule. 22 Schüler im Alter von 14 Jahren sind bereit, die Physik von Raumfahrt und Raketen zusammen mit einem Lehrer, der jahrelang als Physik-Ingenieur forschte, zu erkunden. In einem sogenannten Modul zusätzlich zum normalen Physikunterricht.

"Und da liegt das Interesse scheinbar bei den Jungen eher bei Physik als bei den Mädels."

Raketenbau mit Scheren und Kleber

Für die geht es jetzt darum, ein Problem bei der Raumfahrt praktisch anzugehen:

"Wir müssen ja eines haben: Wir brauchen Raketen, die gerade fliegen."

Praktisch heißt: Peter Bulicke legt dickes Papier, Scheren, Kleber und längliche Luftballons bereit.

"Und ihr sollt jetzt quasi eine Vorrichtung bauen und an diesem Luftballon befestigen, damit, wenn wir die Luft rauslassen, er eine gerade Bahn fliegt."

"Raketenbau"

Dreiergruppen. Der Geräuschpegel steigt. Ein Autoritätsproblem hat dieser Lehrer nicht. Im Testosteron-Schub mit dem Stuhl gegen die Wand zu knallen.

"Oh, ich finde es nicht okay. Ihr dötzt einfach mit den Stühlen gegen die Wände. Und davon sehen weder die Wände besser aus, noch die Stühle."

Der Lehrer geht von einer Gruppe zur anderen, gibt Tipps, mahnt, nicht abzuschweifen. Praktisches Bauen - ganz wichtig, meint er:

"Also, ich finde, man kann alles digital angucken. Und natürlich ist mancher Film besser auf YouTube, wenn er erklärt, wie Physik funktioniert, als ich das manchmal kann. Aber Dinge an wahren, anfassbaren Sachen auszuprobieren, ich glaube, das kann man nicht durch Film ersetzen."

Anderer Blick auf den Lernstoff

Praxisbezug: Das ist Credo für den Quereinsteiger Bulicke. 1969 im niedersächsischen Bückeburg geboren ging der Physikingenieur zunächst in die Forschung, entwickelte dann aber im Sportverband und in der Kirche Interesse für die Jugendarbeit, was ihn zur Pädagogik führte. Bulicke, inzwischen verbeamteter Lehrer, unterrichtet Physik, Mathematik und Technik an der Julius-Leber-Stadtteilschule in Hamburg. Peter Bulicke geht davon aus, dass dieser Quereinstieg von entscheidendem Vorteil ist für die Motivation der Schüler

"Breit aufgestellt zu sein ..."

"Das schätzen auch die Schüler. Weil man natürlich auch einen anderen Blick manchmal auf den Lernstoff hat und sagt, wir können das jetzt lernen, und wir werden das jetzt auch lernen, aber wichtig sind eigentlich andere Dinge im Leben."

"So, meine Damen und Herren, wie sieht´s denn aus?"

Eine Luftballon-Rakete geht an den Start. Na ja.

"Achtung, Benjamin startet. Das sieht schon sehr raketig aus. Achtung!"

"Eindeutig zu schwer!"

Jendrick klettert und Marten sichert ihn

Basti, Max und Johann fühlen sich von diesem Lehrer motiviert:

"Er lässt uns aber auch viel alleine machen. - Er macht aber auch häufig so Art Spiele quasi. - Ich finde ziemlich cool bei Herrn Bulicke, dass er auch mal ein bisschen Spaß versteht im Unterricht, dass er nicht immer grimmig drauf istrrr. Ja, das ist halt der Unterschied zu den anderen Lehrern, dass er anders ist halt."

Im Innenhof. Jendrick klettert, Marten sichert ihn.

"Ja, du kannst deinen Fuß jetzt noch mal ein bisschen höher setzen. Genau!"

In einem kleinen Innenhof der Julius-Leber-Schule. Peter Bulicke schaut, ohne Frage stolz nach oben:

"Das ist die Kletterwand. Zehn Meter Bauhöhe."

Da oben ist Jendrick jetzt angekommen.

"Zu!"

"Ist!"

"Und ab."

"Genau. ´Zu´ und ´ab´ sind die wichtigen Begriffe. Ja, und jetzt ist er sicher wieder unten angekommen."

Bildungsgut à la Goethe und eine Kletterreise in die Alpen

Seit zwei Jahren stehen die beiden Kletterwände hier. Peter Bulicke hatte die Idee, entwickelte die Initiative. Inzwischen finden hier sieben Kletterkurse pro Woche statt. Fünftklässler klettern wie Schüler aus der 13. Klasse. Bulickes Bildungsbegriff, erster Teil:

"Also, ich finde es einfach schön, den Schülern zu zeigen, wie man Verantwortung übernehmen kann. Und die hat man beileibe, wenn man jemanden sichert, der auf fünf oder acht Meter Höhe hängt."

Als er noch als Physikingenieur arbeitete, fing Peter Bulicke selber an zu klettern. Eine gute Möglichkeit, nun Jugendliche in die Natur zu führen. Bulickes Bildungsbegriff, zweiter Teil: Die Schüler zu interessieren für etwas:

"Ich finde, wenn man das schafft, dann reicht das eigentlich an Bildung. Dann muss ich denen nicht unbedingt den Pythagoras erklärt haben, sondern, wenn ich den Keim gesetzt habe, dass sie es schaffen, sich selber in irgendwas reinzudenken, dann kann daraus Bildung entstehen. Und wenn diese Offenheit da ist, ist eigentlich für mich das Entscheidende."

In diesem Bildungskonzept, das Peter Bulicke praktiziert, sind also klassisches Bildungsgut à la Goethe und eine Kletterreise in die Alpen kein Widerspruch. Kleine Einschränkung:

"Aber vielleicht haben sie in den Alpen ja noch mehr gelernt als bei Goethes ´Faust´. Das will natürlich kein Deutschlehrer hören, aber ich würde es fast denken."

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