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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 22.01.2016

Lebensmittel-PanschereiWenn nicht drin ist, was draufsteht

Von Udo Pollmer

Milch (dpa / picture alliance / Jan-Philipp Strobel)
In Indien und Brasilien wird gerade heftig über gestreckte Milch diskutiert, weiß Udo Pollmer zu berichten (dpa / picture alliance / Jan-Philipp Strobel)

Unsere Lebensmittel werden angeblich immer sicherer. Auf der anderen Seite gibt es immer neue Verunreinigungen und Verfälschungen, die aufgedeckt werden. Udo Pollmer verrät die Tricks der internationalen Panscherszene: Bitte anschnallen!

Die große Leistungsshow der Lebensmittelwirtschaft, die Grüne Woche, neigt sich dem Ende zu. Beim Anblick der vielen hübschen Tiere habe ich etwas vermisst: die schwarzen Schafe, die regelmäßig das Image der Branche beflecken. Die Produktion ist globalisiert, der Handel bereit, alles jedermann allerorten anzubieten. So kann Gepanschtes aus Burma schon kurz darauf in Berlin in den Regalen liegen. Schwarze Schafe gibt es schließlich überall. Das Thema fordert eine globale Perspektive.

Kehren wir erst vor der eigenen Türe: Seit Jahren werden uns statt edler Seezungen kulinarisch lausige Fische untergejubelt. Das Hamburger Max-Rubner-Institut überprüfte zum wiederholten Male die Lage. In der Gastronomie hat sich nichts geändert: Bei jeder zweiten Bestellung servierten die Kellner statt des Edelfischs simplen Pangasius oder sogar Hundszungen. Die knapp 100 Proben aus dem Handel waren hingegen bis auf eine Ausnahme alle korrekt. Demnach bescheißt jeder zweite Küchenchef seine Gäste vorsätzlich.

Ein Kugelfisch im Tarnanzug

Auch in Brüssel beklagen Analytiker, in Restaurants und EU-Kantinen werde dem Gast statt Kabeljau und Co. ebenfalls billiger Pangasius aufgetischt. Nicht anders in Spanien, Griechenland oder Italien; die Uni Pisa spricht bei Fisch von bis zu 80 Prozent falscher Angaben. Um nicht den Argwohn der Behörden zu wecken, deklarieren Asia-Shops ihre getrockneten Quallen einfach als "Gemüse". Lebensgefährlicher Kugelfisch wurde als "Calamari" getarnt.

Selbst beim Fälschen wird noch gefälscht, wie türkische Kollegen ermittelten. Krebsfleisch wird gern aus Surimi nachgemacht. Dazu werden Fische, die normalerweise nicht als Speisefisch angeboten werden, wie zum Beispiel der Alaskapollack mit diversen Zusätzen zu einer gummigen Masse geliert, orange angefärbt und in Stücke geschnitten. Doch dort, wo auf Lateinisch Alaskapollack draufstand, war der Billigfisch häufig durch noch billigeren ersetzt worden. Nicht mal der Schmu ist echt.

Milch ist ein ganz besonderer Saft

Indien wird gerade von einem Milchskandal erschüttert. Das Land ist zwar einer der größten Milcherzeuger weltweit, aber es reicht trotzdem nicht. Die Molkereien strecken das Grundnahrungsmittel mit Sojamilch. Die ist nicht nur spottbillig, sondern wird von vielen Eltern bewusst gemieden – nicht wegen ökologischer Bedenken, sondern wegen ihrer fragwürdigen Hormongehalte und hohen Allergenität.

In einem anderen großen Milcherzeugerland, in Brasilien, sieht es nicht besser aus: Verdorbene Milch wird mit Wasser gestreckt, mit Natronlauge neutralisiert und dann mit Formaldehyd, Peroxiden oder Chlor haltbar gemacht. Die häufigste Manipulation: Jede zweite H-Milch war mit Harnstoff oder mit Urin gestreckt – und dann geschmacklich mit Zucker usw. nachbearbeitet. Wir Deutsche brauchen uns da nicht zu ekeln. In Gesundheitssendungen wurde vor Jahren von prominenten Moderatorinnen ungeniert das Trinken von Urin als Prävention empfohlen. Einschlägige Bücher wie "Die goldene Fontäne" finden noch heute Interesse. Da sind ein paar Spritzer in der Milch nicht unappetitlicher als ein Fläschchen gereifte ARD-Moderatorinnen-Pipi.

Kaum ein Fettnäpfchen wird ausgelassen

In Polen schießen sich die Analytiker auf Butter ein, weil sie Palmöl enthält. Brisant wird die Sache durch eine Schweinerei, die in Taiwan aufflog: Dort entpuppte sich vermeintliches Palmöl im Essen als Weichmacher für Kunststoff, genauer gesagt als Phthalat. In China hingegen fahndet man nach Kokosfett mit tierischem Fett. Dafür werden Geflügelreste ausgelaugt und das Öl dem sündteuren "nativen Kokosöl" zugesetzt - in China eine supergesunde rein pflanzliche Leckerei.

Die chinesischen Behörden haben noch einen Braten gerochen: Offenbar werden für Hammelspieße und Geschnetzeltes gerne Mäuse und Ratten verwendet. Nun wäre das nicht weiter tragisch, wenn es sich um Nager aus kontrollierter Mast oder Wildfängen mit Fleischbeschau handeln würde. Aber offenbar werden die Mäuse- und Rattenkadaver nach größeren Vergiftungsaktionen eingesammelt und zum Schnäppchenpreis an die Köche abgegeben. Die chinesische Lebensmittelüberwachung ist entsetzt und warnt. Mahlzeit!

Literatur
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