Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv /

Lebensgefühl der untergehenden DDR

Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" als ARD-Zweiteiler

Von Silke Lahmann-Lammert

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp (l) und der Schauspieler Jan Josef Liefers bei der Premiere des ARD-Zweiteilers "Der Turm" in Dresden
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp (l) und der Schauspieler Jan Josef Liefers bei der Premiere des ARD-Zweiteilers "Der Turm" in Dresden (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Als unverfilmbar galt Uwe Tellkamps Roman "Der Turm". Eine unüberschaubare Zahl von Figuren und ein Erzählstil voller Auslassungen sprachen gegen eine Adaption. Man fragt sich, woher Drehbuchautor Thomas Kirchner und Regisseur Christian Schwochow den Mut nahmen, aus dem ausufernden DDR-Familienepos einen TV-Zweiteiler zu destillieren.

Dezember 1982: Der schönste Weihnachtsbaum im Volkseigenen Forstbetrieb ist für Parteifunktionär Barsano reserviert.

"Der isses. Den nehmen wir. Wir klauen den Baum vom SED Bezirkssekretär?"

Dr. Richard Hoffmann und seine Kollegen finden, dass sich die Tanne besser in der chirurgischen Abteilung ihrer Klinik machen würde. Sie sind allerdings nicht die Einzigen, die es Barsanos Baum abgesehen haben. Auch Pfarrer Magenstock tappt mit Taschenlampe und Säge durch die dunklen Baumreihen.

"Was machen Sie denn hier? Ja, glauben Sie denn, der VEB Forstwirtschaft stellt für eine Kirche einen Dreimeterbaum in den Plan ein?"

Jan-Josef Liefers spielt den Oberarzt, der seinen Glauben an den Arbeiter- und Bauernstaat längst verloren hat. Tag für Tag schlägt er sich mit der sozialistischen Mangelwirtschaft herum: In der Klinik fehlt es an Verbandsmaterial und medizinischer Grundausstattung, in den Behandlungsräumen regnet es durch. Doch: Je mehr die DDR ihrem Untergang entgegensteuert, um so heftiger drangsaliert sie ihre Bürger. Auch Richard Hoffmann, der es auf den Posten des Klinikchefs abgesehen hat, setzt die Stasi unter Druck. Der Chirurg soll als IM seine Kollegen ausspionieren. Sonst - drohen die Kontaktmänner von "Horch und Guck" - werden sie Ehefrau Anne wissen lassen, dass ihr Gatte sie seit Jahren betrügt.

"Ist es nicht legitim, dass der Staat wissen will, wie der zu unserem Land steht, der durch Studium und Beruf privilegierte Positionen einnehmen will? Wie Leiter einer Klinik, zum Beispiel?"

Mit Jan-Josef Liefers, Claudia Michelsen, Sebastian Urzendowsky, Nadja Uhl Götz Schubert ist der ARD-Zweiteiler erstklassig besetzt. Wie Drehbuchautor und Regisseur stammen die Darsteller aus dem Osten und beherrschen die feinen Zwischentöne von Menschen, die gelernt haben, aufzupassen, wer mithört. In manchen Szenen steigt der Geruch von Wofasept und Bohnerwachs auf, von kleinbürgerlichem Muff und perfiden Zwängen. Gleichzeitig versprüht "Der Turm" die Freude eines verschworenen "Jetzt erst recht!". Kein anderer Film hat das Lebensgefühl in der untergehenden DDR so auf den Punkt gebracht: Schonungslos und liebevoll zugleich.

Service:
Der zweiteilige Fernsehfilm "Der Turm" nach dem gleichnamigen Roman von Uwe Tellkamp ist am 3.10. und 4.10. jeweils um 20.15 Uhr, in der ARD zu sehen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Radiofeuilleton - Kino und Film

Mode-Film"Gehobenes Unterhaltungskino"

Der Schauspieler Pierre Niney als Yves Saint Laurent mit Charlotte Le Bon als seine Muse Victoire Doutreleau

Dem Modeschöpfer Yves Saint Laurent haftete Zeit seines Lebens der Ruf an, medienscheu zu sein. Ein französisches Biopic hat sein Leben und Werk nun näher beleuchtet. In Frankreich war "Yves Saint Laurent" von Regisseur Jalil Lespert ein Publikumserfolg.

Wahre GeschichteWeiter, immer weiter

Zeitzeuge Yoram Fridman (l.) und Hauptdarsteller Andrzej Tkacz (Srulik) am 18.10.2012 während eines Fototermins zum Film "Lauf Junge lauf" im Freilandmuseum Bad Windsheim (Bayern).

Der Film basiert auf der wahren Geschichte des Yoram Friedman, der 1942 als achtjähriges Kind aus dem Warschauer Ghetto fliehen konnte. Er erzählt von einer dramatischen Flucht und vom Verlust der jüdischen Identität.

Trickfilm"Deutlich mehr als ein Werbefilm"

Die Legofigur Emmet bei der Ankunft zur Premiere von "The Lego Movie " in Los Angeles, Kalifornien, USA

Das Besondere am Legofilm sei, dass die Figuren sich eben nicht flüssig bewegten, erläutert Ferdinand Engländer. Man habe sich an der Stop-Motion-Technik der Hobby-Legofilm-Szene orientiert, so der Trickfilmer.

 

Filme der Woche

Neu im KinoUnfassbarer Überlebenskampf

Im von der Wehrmacht besetzten Polen lebt ein kleiner Junge monatelang allein im Wald, gejagt von den Nazis. Regisseur Pepe Danquart gibt eine filmische Schulstunde, die lange im Gedächtnis bleibt.