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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 04.01.2014

LandwirtschaftDie Wundererde vom Amazonas

Umweltschützer erhoffen sich einiges von Terra Preta

Von Udo Pollmer

Im Regenwald des Amazonas scheint die Lösung unserer Agrarprobleme zu liegen. Seit der Entdeckung der Terra Preta, einer schwarzen Humuserde, sind viele Umweltschützer ganz aus dem Häuschen. Sie verbinden mit der Erde Hoffnungen auf eine neue Form der Landwirtschaft.

Eine neue Anbaumethode erfreut sich wachsender medialer Aufmerksamkeit: Der Anbau mit Terra Preta. Ursprünglich wurde die Methode im Regenwald des Amazonas praktiziert. Damit gelang es den Indios unter den schwierigen tropischen Bedingungen über Jahrhunderte fruchtbaren Humus aufzubauen. Die Methode war simpel: Die Menschen kompostierten Speisereste, Pflanzenabfälle, Knochen, Scherben von Tongefäßen, Asche, Holzkohle und Fäkalien. Im Prinzip beinahe so wie bei uns früher auch. Aber weil das aus dem Amazonasbecken kommt, ist die Faszination groß.

Von diesem schwarze Kompost - eine Folge der vielen Holzkohle - werden nun in Europa Wunderdinge erwartet: Schenkt man den Medien Glauben, dann gibt es eigentlich kein agrarisches Problem mehr, dass sich damit nicht lösen ließe. Die Pflanzen bekommen endlich "Vollwerternährung". So liefern sie höhere Erträge als im konventionellen Anbau. Der Dünger wird nicht ausgewaschen, sondern steht natürlich nur der Nutzpflanze zur Verfügung und nicht dem Unkraut. Man braucht keine Pestizide mehr, und der Klimaschutz ist natürlich auch gleich mit drin. Es sind so viele noch dazu beinahe magische Ideen damit verbunden, dass Terra Preta-Experten bereits vom "Tischlein-deck-dich-Prinzip" schwärmen.

Das schwarze Gold des Amazonas

Wenn dadurch ein Märchen der Gebrüder Grimm Realität wird, dann eher das vom Goldesel. Denn die Geschäfte mit dem sogenannten "schwarzen Gold vom Amazonas" laufen fabelhaft. Wenn es denn auch bei uns funktioniert, dann wär es eine wunderbare Sache. Doch für unsere Böden fehlen die Wirkungsnachweise. Dafür gibt es ein massives Problem: Der entscheidende Unterschied zu unserem Kompost liegt in dem hohen Anteil an Holzkohle. Das ist im Amazonasgebiet bei den dortigen Böden von zentraler Bedeutung, weil die Kohle die Auswaschung der Nährstoffe durch den vielen Regen verhindert. In Europa dient Holzkohle zum Grillen und für technische Prozesse, wie der Gewinnung von Metallen - sie war als Düngemittel stets zu schade. Ohne Holzkohle und ohne reichlich Knochen ist Terra Preta nur ganz gewöhnlicher Kompost.

In Österreich, genauer gesagt in der Steiermark, gibt es eine ganze Ökoregion. Dort experimentieren Biobauern mit Terra Preta. Nach deren Angaben benötigen sie für einen Hektar jährlich 100 Tonnen Terra Preta-Kompost. Allein die Menge weckt Skepsis, denn das klingt nach einer massiven Überdüngung. Und nach Subventionen. Denn allein die Kosten für die erforderliche Menge Pflanzenkohle belaufen sich pro Hektar auf 20.000 Euro Jahr für Jahr. Egal ob Salat oder Kartoffeln aus Terra Preta-Anbau - beides wäre ohne Subventionen nicht mehr bezahlbar.

Würde man alle in Deutschland genutzte Holzkohle - egal ob zum Grillen oder für industrielle Zwecke - ausschließlich zur Herstellung von Terra Preta benutzen, dann würde sie gerade reichen, um zwei Promille der Fläche zu düngen. Holzkohle ist teuer, weil sie fast komplett aus Südamerika importiert werden muss. In Deutschland gibt es kaum eine alternative Möglichkeit zur Herstellung von Pflanzenkohle, denn bei uns sind nur geringe Mengen an geeigneten Abfällen verfügbar. Sie werden entweder kompostiert oder in Biogasanlagen verwertet. Um unsere Landwirte mit ausreichend Holzkohle für Terra Preta für zehn Prozent der Fläche zu versorgen, müssten wir zwölf Millionen Tonnen importieren! Zur Gewinnung bräuchte man dann die fünffache Menge an Holz - also 60 Millionen Tonnen Regenwald. Jahr für Jahr.

So also sieht die Lösung unserer Agrarprobleme aus Sicht populistischer Ökologie aus: Tischlein-deck-dich? Goldesel? Nein: Knüppel aus dem Sack. Mahlzeit!

 

Quellen:

Reckin J: Terra Preta, die legendäre Schwarzerde der Indios von Amazonien. Garten organisch???

Glaser B: Prehistorically modified soils of central Amazonia: a model for sustainable agriculture in the
twenty-first century. Philosophical Transactions of the Royal Society B 2007; 362: 187-196

Lima HN et al: Pedogenesis and pre-Colombian land use of ‘‘Terra Preta Anthrosols'' ("Indian black earth'') of Western Amazonia. Geoderma 2002; 110: 1-17

Kluge R et al: Anwendung des Terra-Preta-Verfahrens in der landwirtschaftlichen Pflanzenproduktion. AgrarFakten 27. 9. 2013

Schulze I: Die Wiederentdeckung der Terra Preta. ZDF-Dokumentation vom 12.Dez. 2011

Mehr zum Thema:
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