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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.02.2016

"L´Opera seria" von Florian Leopold GassmannGewaltiges Fiasko samt Prügelei

Von Dieter David Scholz

Dirigent und Spezialist der barocken Musik René Jacobs (imago stock&people)
Hat Florian Leopold Gassmann wiederentdeckt: der Dirigent René Jacobs (imago stock&people)

Der böhmische Komponist Florian Leopold Gassmann wurde zu Unrecht vergessen: Seine "L'Opera Seria" ist ein echtes Schelmenstück. René Jacobs hat die Oper jetzt in Brüssel auf die Bühne gebracht. Eine Ausnahmeproduktion, findet unser Kritiker Dieter David Scholz.

Der böhmische Komponist Florian Leopold Gassmann, der in Italien ausgebildet wurde und dort seine ersten Triumphe feierte, war Nachfolger Christoph Willibald Glucks am Wiener Hof und ab 1772 Hofkapellmeister Kaiser Josephs II. Er war einer der bedeutendsten Opera buffa-Komponisten der Vorklassik, fiel jedoch dem wachsenden Erfolg von Mozarts musikdramatischen Werken zum "Opfer". So geriet auch seine ehedem so populäre "L'Opera Seria" für über 200 Jahre in Vergessenheit.

Vor mehr als 20 Jahren hat René Jacobs dieses Opernjuwel ausgegraben und erstmals einem begeisterten Publikum vorgestellt. Jetzt widmet er sich diesem Werk erneut – und zwar im Cirque royal, der  Ausweichspielstätte des wegen Renovierung geschlossenen Théâtre de la Monnaie in Brüssel.  Regisseur und Ausstatter ist Patrick Kinmonth, langjähriger Mitarbeiter von Robert Carsen.

Kein Opernführer verrät etwas über das Werk. Es geht in ihm um Opernbetrieb (Akt 1), Opernprobe (Akt 2 )und Aufführungsbedingungen einer Opera seria, um Theateralltag und Theaternöte, um Eitelkeiten der Sänger und um artifizielle Albernheiten so mancher Werke im 18. Jahrhundert.

In der Oper von Gassmann soll eine Oper aufgeführt werden

Man will die Oper "L'Oranzebe" aufführen. Komponist und Librettist sind von ihrem Werk sehr angetan, dem Impresario ist es aber viel zu lang. Er kürzt und zerfetzt gnadenlos. Dann treffen ein dummer Tenor und drei kapriziöse  Sängerinnen ein, streiten sich um alles und verlangen zusätzliche Arien. Im dritten Akt findet dann die Premiere der eigentlichen Opera seria statt:  "L'Oranzebe" ist eine krachende Parodie einer barocken Oper seria: In ihr geht es um einen siegreichen Feldherrn, der sich in Liebesentscheidungsnot zwischen seiner Gefangenen, der indischen Königin, und der Schwester seines Herrschers, der Prinzessin von Hindustan, befindet.

Der Feldherr ist der Tenor, der in einem von einem großen Krokodil gezogenen Kampfwagen seinen großen Auftritt hat und seinem Herrscher Oranzebe, Kaiser der Mogulen, die gefangene indische Königin präsentiert; dazu gibt es den "Auftritt" eines Elefanten. Diese Opera seria endet schließlich in einem gewaltigen Fiasko samt Prügelei. Dann brennt auch noch der Theaterdirektor mit der Kasse durch. Die Katastrophe wird nur dank des beherzten Eingreifens der Mütter "en travestie" verhindert.

Patrick Kinmonth hat das Werk in eine Zirkusarena verlegt

Als René Jacobs zum ersten Mal dieses bis dato vergessene Opernjuwel  reanimierte, hat der inzwischen verstorbene Jean-Louis Martinoty Regie geführt. Jetzt inszenierte Patrick Kinmonth, langjähriger Ausstatter Robert Carsens. Seine Inszenierung  ist schon aufgrund der so ganz anderen Räumlichkeit nicht vergleichbar, denn man spielt in einer Zirkusarena.

Jean-Louis Martinoty hat seinerzeit eine Guckkastenbühne liebevoll ironisch vollgerümpelt mit verstaubten Requisiten, Prospekten und Dekorationen aus dem Opernfundus. Es ging ihm um eine theatralische Satire auf die Barockoper. Diese Produktion hatte den unwiderstehlichen Charme von Schmierentheater und war eine lustvolle Klamotte.

Patrick Kinmonths Inszenierung dagegen ist großes stilvolles Ausstattungstheater, ästhetisch  ausgefeilt bis ins kleinste Detail. Er macht der turbulenten Komödie des Librettisten Calzabigi Beine mit einer durchgestylten, immer wieder auch ritualisierten Performance auf zwei hintereinander liegenden Spielflächen, einer großen Bretterbühne und einer barocken Kulissenbühne, die unentwegt offene Verwandlungen zeigt, mittendrin das Orchester.

Die Sänger haben viel Raum für persönliche Entfaltung

Das ist kulinarisches Theater, technisch beeindruckend, verglichen mit Martinotys Inszenierung aber von steriler Perfektion. Hinreißend sind die  historischen Kostüme von Patrick Kinnmonth! Seine Personenführung ist quicklebendig, lässt den Sängern viel Raum für persönliche Entfaltung und überzeugt durch souveränes Handwerk.

Tableaus in Zeitlupe und gestische Symbole hätten allerdings eben sowenig sein müssen wie die formal-abstrakten Choreographien Fernando Melos'. Sie wirken, einmal abgesehen von eingestreuten barocken Tänzen, wie beliebige, ja überflüssige Garnitur der Musik, die für sich selbst spricht. An szenischen Gags, großen Gesten und temporeicher Situationskomik mangelt es nicht. Die inszenierten Publikumsreaktionen im Zuschauerraum sind etwas heftig. Da hat die Regie dem Affen wohl zu viel Zucker gegeben.

Obwohl Krokodil und Elefant fehlen: eine beeindruckende Inszenierung

Aber unterm Strich, obwohl Krokodil und Elefant fehlten, eine beeindruckende Inszenierung, die das selten gespielte lange Werk unterhaltsam und prächtig beglaubigt,  fern von allem obsessiven "Regisseurstheater". Das Premierenpublikum war denn auch begeistert.

Auch sängerisch überzeugt die Produktion. Elf handverlesene Solisten sind mehr als nur rollendeckend. Sehr souverän ist der Impresario von Marcos Fink. Die Sopranistinnen Robin Johannsen, Sunhae Im und Alex Penda überbieten sich an barockem Ziergesang und feuern zielsicher ihre Koloraturraketen ab. Star des Abends ist jedoch ein Ausnahmetenor: Mario Zeffiri gibt als Ritornello, der mit seinem fulminant hohen, hellen und beweglichen Silbertenor eine hinreißende Karikatur von eitel-gespreiztem, dummem Opera seria-Sänger abgibt.

Am wenigsten überzeugten die drei Counters  als Mütter en travestie, auch die Regie weiß mit ihnen erstaunlich wenig anzufangen. Mit Wehmut denkt man an die  frühere Besetzung zurück. Da standen René Jacobs andere Kaliber von falsettierenden Sängerdarstellern zur Verfügung.

Es wird quicklebendig und phantasievoll, pointiert und rasant musiziert

Als Jacobs das Werk ausgrub, spielte das Concerto Köln. In Brüssel  arbeitet er mit dem Baroque Orchester B´Rock und Musikern des La Monnaie Symphony Orchestra zusammen. Zweifellos ist das Concerto Köln das brillantere, virtuosere Orchester. Aber René Jacobs weiß auch dem Brüsseler Ensemble  ordentlich einzuheizen. Er entfaltet auch diesmal ein mehr als vierstündiges Feuerwerk, indem er die sich überstürzende, einfallsreiche Musik von Gassmann quicklebendig und phantasievoll musizieren lässt, pointiert und rasant, nicht so scharf gemeißelt wie ehedem, weicher im Klang, aber mit enormer Spiellust,  auch der Musiker: Das reine Vergnügen, diese Ausnahmeproduktion.

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